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18.1.2004
Ruth Pfau: Das Herz hat seine Gründe - Mein Weg
Herder Verlag, Freiburg 2003
Vorgestellt von Rupert Neudeck

Ruth Pfau: Das Herz hat seine Gründe, Coverausschnitt (Bild: Herder Verlag)
Ruth Pfau: Das Herz hat seine Gründe, Coverausschnitt (Bild: Herder Verlag)
herausgegeben von Rudolph Walter

Christliche Bücher und Titel haben es bei uns schwer. Katholische noch mehr, die alten Vorurteile zittern nach und sind auch immer noch nicht unberechtigt. Die Rührseligkeit des Herz-Jesu Frömmigkeit wirkt als Schrecken nach, wenn man den Titel liest: "Das Herz hat seine Gründe". Wer die Autorin kennt, die Lepraärztin Ruth Pfau, weiß schon vorher, dass an diesem Buch nichts Rührseliges sein kann. Außerdem ist der Titel ein halbes Zitat: "Das Herz hat Gründe, die die Vernunft nicht kennt" (le coeur a des raisons que la raison ne connait pas), ein starker Aphorismus von Blaise Pascal. Also von jemandem, der auch fromm, genial und stark war.

Den vielen Büchern hat die 1929 in Leipzig geborene Ärztin ein weiteres hinzugefügt, das spannend zum Zerbersten ist, was auch meint: politisch-spannend. Diese Frau weiß mehr als ganze Brigaden von unnützen Geheimdienstleuten über die Terrormentalität. Sie hat die Taliban-Herrschaft mitgemacht und weiß, zu welchen bisher nicht dekuvrierten Verbrechen diese Söhne der Tugend und der Religion in der Lage waren.

In dem Kapitel "Terror und Tschador - Frauen in einem muslimischen Land" räumt sie mit der Tugendlegende ein für allemal auf: Die Verschleierung der Frauen, das war und ist nicht der Kern des afghanischen Problems.

Unter den Taliban sind Massenvergewaltigungen vorgekommen. Verstümmelungen geschahen unter dem Banner des islamischen Rechtssystems. Damals als die Taliban (...) in Kabul einmarschierten, hat sich die westliche Öffentlichkeit darum nicht gekümmert. Niemand hat sich darum gekümmert, als Frauen auf die niedrigste und gemeinste Weise vergewaltigt worden sind. Kein Mensch hat darüber berichtet, wie ihre Männer umgebracht, ihre Kinder getötet und in die brennenden Häuser geworfen wurden. Es gab damals sadistische Racheakte und die Frauen waren vor allem die Opfer.

Wie so oft bei uns in Europa: Wir kümmern uns um die Cholera nach dem Völkermord (Ruanda), nicht um den Genozid selbst. Ruth Pfau muss lesbar den Atem anhalten, während sie sich erinnert:

Es gab einen Sadisten unter den Taliban, einen offensichtlich perversen Mann, der sich mit seinen Zähnen in die Frauen hineingegraben hat. Schwangeren Frauen wurden die Bäuche aufgeschlitzt, um festzustellen, welches Geschlecht das Kind hat.

Das alles, sagt sie, war so schrecklich, dass sie selbst diese Geschichten bisher nirgendwo erzählt hat.

Das Buch macht Mut zur Versöhnung, Mut zum Verändern. Die vorbildliche Lepraärztin kümmert sich seit Jahrzehnten schon um die Verachtetsten der Kranken in Pakistan nun auch in Afghanistan. Sie sei keine fundamentalistische Pazifistin, aber:

Ich habe noch nie gesehen, dass ein Krieg geholfen hat. Krieg ist Krankheit, keine Lösung. Krieg ist nicht die Lösung. Geschichte kann verhindern, den anderen so zu sehen, wie er ist. Aber eine gemeinsam erlebte, gemeinsam erfahrene Geschichte führt weiter.

Jede Religion, so schreibt Ruth Pfau, kann missbraucht werden.

Der Islam ist im Kulturkreis der Wüsten-Stämme "inkarniert" worden. Zweifellos ist vergeben kein zentraler Grundimpuls dieser Religion, auch wenn man theologische Hinweise dazu durchaus im Islam finden kann. Die Liebe zum Äußersten gehört nicht dazu. Auch wenn der Islam im Sufismus mystische, poetische und zärtliche Formen angenommen hat - in seiner geschichtlichen Erscheinungsform ist der Islam sicher eine vorwiegend martialische Männerreligion.

Die Ärztin weiß noch zu staunen, ob der vielen guten neben den schlechten Nachrichten.

Wir sind Zeugen zweier sanfter Revolutionen geworden. Der gewaltlosen Wiedervereinigung Deutschlands - und der Frauenemanzipation. Dazu die Grüne Revolution, die Verantwortung für die Umwelt. Dieses und vieles andere, daran haben wir vor 20, ja 50 Jahren nicht zu denken gewagt. Heute würde ein Massenmord, wie er an den Juden verübt worden ist, eine weltweite Protestaktion auslösen.

Das Buch gehört zur Pflichtlektüre, auch für Politikerinnern und Politiker. Man soll, sagt sie, nicht mit den Burkas Propaganda treiben, um von wirklich schrecklichen Dingen abzulenken. Übrigens: In Zentral Afghanistan hätten die Frauen nie eine Burka getragen. "Es war dort nicht Sitte, sie besaßen gar keine!"

Wer mehr wissen will über die Mentalität, die in diesen Völkern den Terror ausbrütet; wer den sanften mystischen Islam verstehen und schätzen lernen will; wer die Politik-Kräfte zwischen Pakistan und Afghanistan verstehen will, der sollte dieses Buch lesen und sich nicht von dem Titel abschrecken lassen.
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