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25.1.2004
Christine Demmer, Christof Schössler: Kleines Lexikon der Wirtschaftsnieten
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003
Vorgestellt von Michael Braun

Demmer, Schössler: Kleines Lexikon der Wirtschaftsnieten, Coverausschnitt (Bild: Eichborn Verlag)
Demmer, Schössler: Kleines Lexikon der Wirtschaftsnieten, Coverausschnitt (Bild: Eichborn Verlag)
Nieten sind eigentlich breit geschlagene Nägel, Bolzen zum unlösbaren Verbinden von Werkstücken. Das können Jeans- oder Brückenteile sein. Oder Unternehmen und ihre Märkte. In diesem Fall sind dann Wirtschaftsnieten am Werk. Aber was in der Metallverarbeitung gut und richtig sein mag, die Verbindung durch Nieten, wird bei Wirtschaftsnieten zu einem Problem. Denn sie halten auf falsche, unfähige, zuweilen gar kriminelle Weise zusammen, und das führt dann ins Gegenteil, das kann die Existenz sprengen. Wirtschaftsnieten gibt es in Unternehmen, Verbänden, Behörden, Staaten. Christine Demmer und Christof Schössler haben sie überall ausgemacht und auf 164 Seiten in ein "kleines Lexikon der Wirtschaftsnieten" gepresst: Kurz genug, um kurzweilig zu stöbern, lang genug, um die ganze Grausamkeit von Ahnungs- und Konzeptionslosigkeit, von Fehlentscheidungen und strategischen Verirrungen nachvollziehen zu können. Die Sprache der beiden ist leicht, ironisch, wissend lächelnd, trotz des dargestellten Desasters. Christine Demmer:

"Anders kann man damit nicht umgehen, denke ich, wir auf jeden Fall nicht. Wir denken, dass die Satire ein geeignetes Stilmittel ist, um den Finger auf diese Wunden zu legen, ohne in ein Jammergeheul auszubrechen, wohin denn unsere Wirtschaft geraten ist. Mit Lachen verträgt sich manches besser, vieles wird dadurch klarer. Und so manchem soll auch bei der Lektüre das Lachen im Hals stecken bleiben."

Demmer und Schösser scheinen bei ihrer Arbeit zu wahren Experten der Befestigungstechnik geworden zu sein. Mehr als 60 Nietenarten haben sie ausfindig gemacht und für ihre Wirtschaftsnieten folgende Spezies herausgepickt: Universalnieten - das sind die Bosse, die Banker rangieren unter Koffernieten, die Aufsichtsräte unter Sicherheitsnieten. Die Akteure am Neuen Markt, jenem untergegangenen Börsensegment für angebliche Wachstumswerte, die Repräsentanten der New Economy also, gehören zu den Senknieten. Über Politiker ist im Kapitel Hohlnieten was zu lesen. Für Verbands- und Gewerkschaftsfürsten fanden die Autoren die Kategorie "Blindnieten" passend. Damit der Gliederung nicht genug, alles ist zudem durch ein Personen- und Namensregister gut erschlossen. Wer also Namen aus der Finanzwelt kennt, wird schon bei "A" fündig, bei Paul Achleitner etwa, jenem großen Investmentbanker von Goldman Sachs, der bei der Allianz-Versicherung anheuerte, um deren Unternehmensbeteiligungen zu ordnen und zu versilbern. Stattdessen vernichtete er 24 Milliarden Euro beim Kauf der offensichtlich maroden Dresdner Bank. Achleitner gehört zu den Universalnieten, zu den Bossen, unter denen der Leser auch ein Wiedersehen feiern darf mit Curt von Gablenz, der den Cargolifter nicht in die Luft bekam, oder auch mit Friedrich Hennemann, der zwar nicht Schiffe, dafür aber mit dem Bremer Vulkan eine ganze Werftengruppe versenkte. Fröhlich gelästert wird auch über den früheren und den aktuellen Vorstandschef der Deutschen Bahn AG, Johannes Ludewig und Hartmut Mehdorn. Leseprobe:

"Johannes Ludewig wird als derjenige Vorstandsvorsitzende in die Schienengeschichte eingehen, der die Deutsche Bahn AG nach dem Rudolf-Scharping-Prinzip auf Wettbewerbskurs trimmen wollte: Laangsaam. gaanz Laangsaaaam! Und während sich seine keuchenden Lokomotiven auch weiterhin mühten, den längst schön satirisch ergänzten Unternehmensclaim "Die Bahn kommt. Aber wann?" mit Leben zu füllen, rauschte die Realität fröhlich winkend am Zeitlupen-Ludewig vorbei: schlechte Streckeneffizienz, verkommene Züge, zuverlässige Unpünktlichkeit. Doch wer genau überlegt, der darf dem zutiefst redlichen Mann eigentlich keinen Vorwurf machen. Denn marktgerechte Entscheidungen waren seine Sache nicht. Sie konnten es nicht sein. Schließlich war Ludewig mit Leib und Seele Beamter!"

Und auch wenn Politiker versuchen, sich als die besseren Unternehmer zu versuchen, greifen die Autoren begierig zu, um ihre Nietengalerie zu verlängern. Immer wieder schön zu hören, wie etwa der Bundeskanzler den Beschäftigten des Baukonzerns Holzmann am 24. November 1999 nachts verkündete, der Konzern sei gerettet:

"Darf ich das sagen, jetzt, und gerade jetzt, liebe Kolleginnen und Kollegen: Wir haben's geschafft!"

Gut zwei Jahre Jahr später war Holzmann pleite. So sei der Kanzler vom Genossen der Bosse zum Genossen der Posse geworden, lästern die Autoren. Harte Worte, aber keiner der so Porträtierten hat sich je bei ihnen beschwert. Christine Demmer:

"Leider haben wir keine Reaktion bekommen. Kollege Schössler und ich haben uns schon ins Fäustchen gelacht, uns gesagt: 'Irgendeiner wird uns doch verklagen', muss doch eigentlich sein. Und erst dann wird dieses Buch das Aufsehen bekommen, das ihm gebührt. Bedauerlicherweise haben sich die im Buch genannten Nieten allesamt zurückgehalten, und kein einziger hat uns vor den Kadi gezerrt, was wir als - im Moment - hochgradig bedauerlich empfinden, zumal wir genug juristisch gerüstet sind, um alles Klagen von uns zu weisen."

Das Buch hat etwas Boulevardeskes in seiner Freude, das Scheitern von Eliten darzustellen. Es behandelt die Wirklichkeit, wenn auch nur einen Teil. Die Frage, warum trotz aller Unfähigkeiten im deutschen Führungspersonal die deutsche Wirtschaft immer noch zu den Exportweltmeistern gehört, wird nicht beantwortet. Das hätte nicht ins Konzept dieser gut 160 schnell und vergnüglich zu lesenden Seiten gepasst.
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