BuchTipp
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1.2.2004
Wolfgang Schneider: Die Enzyklopädie der Faulheit
Eichborn Verlag, Berlin 2003
Vorgestellt von Reinhard Kreissl

Wolfgang Schneider: Die Enzyklopädie der Faulheit, Coverausschnitt (Bild: Eichborn Berlin Verlag)
Wolfgang Schneider: Die Enzyklopädie der Faulheit, Coverausschnitt (Bild: Eichborn Berlin Verlag)
Wer in diesen unseren Zeiten, in denen sich bei der morgendlichen Zeitungslektüre bereits der Wunsch regt, sich einer fundamentalistischen Organisation anzuschließen, Not und Trost sucht, dem sei das Brevier des leider viel zu früh verstorbenen Wolfgang Schneider ans Herz gelegt. Seine Enzyklopädie der Faulheit ist ein herz- und hirnerweiterndes Entspannungsmittel, das zwischen den Stapeln der aufgeregt krakeelenden Ratgeber seinesgleichen sucht. Die 190 Seiten, gegliedert in drei Teile mit den Titeln: Die Faulheit: Tugend oder Laster?, Lob des Müßiggangs und Anleitung zum Faulsein können Ihr Leben verändern.

Schneider legt hier eine kulturelle Traditionslinie frei, bei der nicht nur eine Lebenspraxis, sondern auch die dazugehörige Haltung sichtbar wird. Schneider lässt die Säulenheiligen des gekonnten systematischen Nichtstuns mit eigenen Texten als Kronzeugen auftreten. Wir begegnen ihnen allen, von Diogenes bis Oscar Wilde. In dieser Walhalla der Wonnen zu blättern, senkt den Blutdruck. Der Autor erinnert an Dinge, die bei uns Heutigen in Vergessenheit geraten sind.

Kurzum, durch die griechische und römische Antike hindurch bis weit ins christliche Mittelalter hinein war die Faulheit kein Makel, sondern ein Privileg - sowie ein Lebensideal, für dessen Verwirklichung die Arbeit ein Hindernis darstellte. Jede Betätigung war Mittel zum Zweck der Muße, den Beruf als Berufung gab es nicht ... Reichtum war kein Schaffensziel im irdischen Jammertal, weil der christlichen Vorstellung zufolge wohl eher "ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel" kommen würde.

Der Sündenfall kam bekanntlich mit der protestantischen Ethik, die dem Menschen Arbeit und innerweltliche Askese als Ideal vor die Nase hängte. Seitdem sind wir im Tretrad des Rattenrennens gefangen. Es ist der Blick auf die Dinge, für den Schneider wirbt, der dieses Buch auszeichnet. Die Geschichte ist voller Faulpelze und Müßiggänger. Schlechte Schüler und Drückeberger haben die Welt verändert. Genüsslich listet Schneider sie in alphabetischer Reihenfolge auf: Robert Bosch, Bertolt Brecht, Wilhelm Busch, Winston Churchill, Thomas Alva Edison - alles Schulversager und Faulpelze. Und im Angesicht der aktuellen Debatte über die Reform des Bildungswesens möchte man ein Zitat von Brecht an die nächste Betonwand eines modernen Schulgebäudes sprayen:

Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern.

Schneiders Buch ist für die Lektüre, was die Filme von Aki Kaurismäki oder Jim Jarmusch für das Kino sind, sanfte Sprengsätze, die den Blick auf die Welt verändern. Als guter Enzyklopädist hält Schneider sich zurück und lässt meist kommentarlos die Anderen zu Wort kommen. Selbst der eiskalte Logiker Bertrand Russel weiß die Faulheit zu schätzen. Von ihm findet sich in dem Buch die Geschichte eines Reisenden in Neapel, der zwölf Bettler in der Sonne liegen sah, was sich, wie Russel anmerkt, natürlich vor Mussolinis Zeiten zutrug. Unser Reisender wollte dem Faulsten eine Lira schenken.

Elf sprangen auf und streckten die Hand nach dem Geld aus, weshalb er es dem zwölften gab. Dieser Reisende hatte das Wesentliche erfasst. Aber in Ländern, denen nicht die Sonne des Südens lacht, ist es schwieriger müßig sein zu können, und es wird umfassender allgemeiner Propaganda bedürfen, um damit einen Anfang zu machen.

Aber auch Russel konnte irren. Wirbt die Propaganda heute nicht für hemmungsloses Schwitzen, Hecheln und Körperarbeit als Hauptinhalt der sogenannten Freizeit? Sind die Verhältnisse nicht auf den Kopf gestellt? Der moderne Mensch soll sich in der Arbeit selbst verwirklichen und am Arbeitsplatz wohlfühlen, während er sich in der arbeitsfreien Zeit an den Foltermaschinen des Fitnesscenters oder beim Power-Walking zu verausgaben hat.

Man sollte dieses Buch nicht nur als Entspannungslektüre betrachten. Es ist auch ein höchst subversives Werk. Oder klingt der folgende Text von Friedrich Nietzsche nicht wie ein aktueller Kommentar zum Irakkrieg?

Es ist eine indianerhafte, dem Indianer eigentümliche Wildheit in der Art, wie die Amerikaner nach Gold trachten; und ihre atemlose Hast der Arbeit - das eigentliche Laster der neuen Welt - beginnt bereits durch Ansteckung, das alte Europa wild zu machen und eine ganz wunderliche Geistlosigkeit darüber zu breiten. Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. ... Lieber irgendetwas tun als nichts - auch dieser Grundsatz ist eine Schnur, um aller Bildung und allem höheren Geschmack den Garaus zu machen. ... Der Beweis dafür liegt in der jetzt überall geforderten plumpen Deutlichkeit, in allen Lagen ... man hat keine Zeit mehr für die Zeremonie, für die Verbindlichkeit mit Umwegen, für allen Esprit der Unterhaltung ...

Es ist ein großer Irrtum, an den dieses Buch erinnert, ein Konstruktionsfehler der modernen Gesellschaft, der so offensichtlich ist, dass er, wie der verlorene Brief von Edgar Allen Poe, im hektischen Alltag unsichtbar bleibt. Arbeit macht weder frei noch glücklich und die These, dass es die Knappheit an Gütern sei, welche die Ordnung hervorbringt und das über den Cash-Nexus vermittelte Anhäufen von Reichtümern, das Befriedigung schafft, ist eine der irrwitzigsten Verfehlungen der menschlichen Gattung.

Schon Paul Veyne hatte in seiner Auseinandersetzung mit Christian Meier über die Frage, ob die alten Griechen die Demokratie kannten, gegen den deutschen Gelehrten, der ein Bild des athenischen Aktivbürgers entwarf, eingewendet, die Griechen schafften die Reichtümer nicht herbei, sie ließen sie zusammenfließen. Nun gehört Frankreich, die Heimat von Paul Veyne, im Vergleich zu Deutschland auch zu jenen Ländern, in denen die Sonne des Südens lacht.

Bleibt abschließend die Empfehlung, gemessenen Schrittes in die Buchhandlung ihres Vertrauens zu gehen und mindestens ein Exemplar der Enzyklopädie der Faulheit zu erwerben. Es gibt kaum eine bessere Art, sich mit 25 Euro das Leben zu erleichtern.
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