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8.2.2004
Boris Reitschuster: Wladimir Putin. Wohin steuert er Russland?
Verlag Rowohlt Berlin, 2004
Vorgestellt von Hartmut Jennerjahn

Boris Reitschuster: Wladimir Putin - Wohin steuert er Russland? (Coverausschnitt) (Bild: Rowohlt Verlag)
Boris Reitschuster: Wladimir Putin - Wohin steuert er Russland? (Coverausschnitt) (Bild: Rowohlt Verlag)
Im Amt und in der Person des Präsidenten konzentriert sich Russlands Politik. Dennoch bleibt das Bild Wladimir Putins am Ende seiner ersten vierjährigen Präsidentschaft unscharf, schemenhaft. Boris Reitschuster, seit 1990 Korrespondent verschiedener Zeitungen und seit fünf Jahren für das Nachrichtenmagazins "Focus" in Moskau, schildert den kontinuierlichen Aufstieg Putins vom unbedeutenden, unscheinbaren Geheimdienstagenten an die Spitze des Staates. Unprätentiös, in einer klaren Sprache verknüpft er die russische Innen- und Außenpolitik mit Putins Karriere.

Putin: Die Diktatur des Gesetzes ist die einzige Diktatur, der wir uns beugen müssen.

Mit diesem Satz umschrieb Putin im Präsidentschaftswahlkampf vor vier Jahren sein Verständnis von der Ordnung in Staat und Gesellschaft. Diese Diktatur des Gesetzes, gibt Reitschuster zu bedenken, scheine weniger einen Rechtsstaat als die Diktatur der Vorschriften zu bedeuten. Darin spiegele sich Putins Vorstellung vom starken Staat, mit der das tief verwurzelte Bedürfnis vieler Russen nach Stabilität und geordneten Verhältnissen bediene.

Ausführlich, etwas zu breit angelegt, behandelt Reitschuster zunächst die Ära des Amtsvorgängers Boris Jelzin, das zunehmende politische Chaos, die Bereicherung weniger im Zuge einer ungeordneten Privatisierung. Putins Berufung zum Regierungschef im Sommer 1999 hätten die meisten Russen eher gelangweilt zur Kenntnis genommen, sei er damals doch als unscheinbarer, schüchterner Mann mit steifen Bewegungen aufgetreten.

In Putin könne heute jeder den Präsidenten finden, den er suche: den Reformer, den Liberalen, den Großrussen, den Zauderer. Er könne sich ebenso entschieden und energisch wie verbindlich, fast leutselig geben. Der umgängliche Putin, der fünf Jahre Geheimdienstler in Dresden war und gepflegtes Deutsch spricht, zeigte sich bei einem Treffen mit Kanzler Gerhard Schröder während des russischen Weihnachtsfestes:

Putin: Ich verrate was. Bundeskanzler hat gesagt: Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps.

In persönlichen Begegnungen könne Putin charmant und gewinnend sein, stelle sich auf seine Gesprächspartner ein. Und die wissen das zu würdigen, wie der amerikanische Präsident George Bush bei seinem ersten Treffen mit seinem russischen Amtskollegen in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana:

Bush: Er ist ein ehrenhafter und geradliniger Mann, der sein Land liebt.

Für die Vereinigten Staaten und den Westen gab es Grund zur Erleichterung. Nach dem sprunghaften Jelzin haben sie in Putin einen berechenbaren Kreml-Chef:

Bush: Russland ist nicht der Feind der Vereinigten Staaten. Tatsächlich bin ich nach diesem Treffen überzeugt, dass Russland ein starker Partner und Freund sein kann, mehr als die Leute sich das vorstellen mögen.

Knapp drei Monate später, nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York und Washington, stellte sich Putin sofort an die Seite der Vereinigten Staaten. Er vollzog damit einen Richtungswechsel, wie Reitschuster konstatiert. Diese Kurswende in der russischen Außenpolitik, sei innenpolitisch nicht ungefährlich gewesen. Ein Großteil der Moskauer Elite habe Russlands neue, schwächere Rolle in der Weltpolitik nicht akzeptieren, sondern das Land weiter in der Rolle der Supermacht sehen wollen. Putin scheine die Grenzen russischer Stärke zu kennen, verhalte sich im Umgang mit ehemaligen Sowjetrepubliken allerdings eher nach alter Manier und übe Druck aus.

Reitschuster urteilt abgewogen, zeichnet ein differenziertes Bild des Präsidenten. Er sei oft abwartend, zögerlich in seinen Entscheidungen. Zu seinen Stärken gehöre sein Geschick im Umgang mit Menschen, er sei loyal, Freunde und Kollegen lasse er nicht fallen.

Andererseits scheue er Konflikte, ziehe sich in Krisensituationen zurück und meide dann die Öffentlichkeit. Sehr kritisch bewertet der Autor die harte Tschetschenien-Politik, mit der Putin seine Popularität in Russland und seine erste Wahl gewann. Wie kein anderes Thema sei die Kaukasus-Republik mit dem politischen Schicksal des Präsidenten verbunden.

Das Dilemma seiner Tschetschenien-Politik sei es, dass er nicht zwischen Terroristen und jenen unterscheide, die Moskaus Herrschaft ablehnten. Zu recht weist Reitschuster auf die zunehmend gleichgültige Haltung des Westens im Tschetschenien-Konflikt hin. Putin habe sich weitgehend mit seiner Lesart durchgesetzt, es gehe in diesem Konflikt allein um Anti-Terror-Kamp und um den Erhalt Russlands.

Auch zur innenpolitischen Entwicklung in Putins erster Amtszeit kommt Reitschuster zu vorwiegend negativen Befunden. Formell habe das Land alles, was eine Demokratie auszeichne, doch werde den eigenen Wählern und dem Westen eine funktionierende Demokratie nur vorgegaukelt. Putin selbst sprach in seiner mit viel Wohlwollen aufgenommenen Rede vor dem Deutschen Bundestag im Herbst 2001 von einem schwierigen Weg:

Putin: Wir sind am Anfang des Aufbaus der demokratischen Gesellschaft und der Marktwirtschaft. Es gibt auf diesem Wege viele Hürden und Hindernisse, die wir zu überwinden haben.... Ich kann mit Zuversicht sagen: das Hauptziel der Innenpolitik Russlands ist vor allem die Gewährleistung der demokratischen Rechte und Freiheiten, des würdigen Lebensniveaus und der Sicherheit des Volkes.

Putin habe eine andere Vorstellung von Demokratie als seine westlichen Partner, schreibt Reitschuster. Anspruch und Wirklichkeit klafften auseinander. Der Präsident habe dem Land wieder Stabilität gegeben, doch hätten sich die Befürchtungen vor einer Rückkehr zum autoritären Staat weitgehend bestätigt. Putin wirke eher wie ein biederer Hausverwalter denn als machtgewaltiger Hausherr, baue seine Herrschaftsbasis jedoch leise und unauffällig aus.

Reitschuster hat eine nüchterne Beschreibung der Putin-Politik vorgelegt. Seine Arbeit ist klar gegliedert, Reportage-Elemente überwiegen die Analyse. In einigen Passagen beschreibt er zu ausführlich Gerüchte und Spekulationen, um sie am Ende dann doch auf ihren sachlichen Kern zu reduzieren. Was er über Kriminalität, Korruption und mafiöse Strukturen berichtet, ist beklemmend und bedient zum Teil gängige Klischees.

Auf eine eindeutige Prognose, wohin Putin Russland steuern will und kann, verzichtet der Autor sinnvoller Weise. Der Präsident müsse sich entscheiden, ob er Demokratie weiter nur inszenieren wolle oder doch noch versuchen werde, als Modernisierer in die Geschichte einzugehen. Wenn auch Person und Absichten des Präsidenten in vielem rätselhaft bleiben, vermittelt Reitschuster anschaulich einen Eindruck vom schwierigen Umbau einer Gesellschaft, der demokratische Traditionen fehlen.
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