BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
15.2.2004
Gudrun Harrer: Kriegs-Gründe – Versuch über den Irak-Krieg
Mandelbaum Verlag, Wien 2003
Vorgestellt von Michael Groth

Gudrun Harrer: Kriegs-Gründe - Versuch über den Irak-Krieg (Bild: Mandelbaum Verlag)
Gudrun Harrer: Kriegs-Gründe - Versuch über den Irak-Krieg (Bild: Mandelbaum Verlag)
Gudrun Harrer: Das ist journalistische Arbeit. Ich wollte absichtlich auf Fußnoten verzichten, ich wollte ein wirklich lesbares analytisches, aber auch schon kommentierendes Stück schreiben. Es war als Essay angelegt, das ist es nicht geworden. Ich wollte einfach ganz klar versuchen zu verstehen, was ist da passiert. Als Journalistin war ich während des Irak-Kriegs auch ständig diesem Druck ausgesetzt, vielleicht dabei auch ein bisschen zu übertreiben, die Gefahr ein bisschen schlimmer darzustellen, als sie ist. Ich denke da an diese Situation mit den SCUDS, ich habe genau gewusst, die UNMOVIC, also eigentlich damals die UNSCOM, die eigentlich 1998 den Irak verlassen hat, sagte: Zwei SCUDS gehen hier ab! Und plötzlich hieß es, es seien Dutzende. Und wenn das so oft wiederholt wird, dann fühlt man sich wider besseren Wissens unter Druck. Und diesen Druck wollte ich eigentlich aufarbeiten und einfach analysieren, was ist da passiert.

Die Weltöffentlichkeit wurde an der Nase herumgeführt.

Kurios ist die sich jetzt durchsetzende Erkenntnis, dass die CIA in den Neunzigerjahren fast völlig von den legal oder illegal erhaltenen Informationen der UNO-Inspektoren im Irak abhängig war; nach deren Abzug im Jahr 1998 wusste sie schlicht nichts mehr. Hat der Irak-Krieg also vielleicht auch deshalb stattgefunden, weil die amerikanischen Geheimdienste nicht fähig waren, Informationen aus dem Irak zu bekommen? Und das, obwohl die Mehrzahl der Iraker Saddam Hussein hasste und in großer Not lebte?

Die Autorin hat eine Erklärung:

Ich sage, dass da politischer Druck ausgeübt wurde, direkt, aber auch indirekt, indem zum Beispiel der Pentagon seinen eigenen Geheimdienst aufgestellt hat, der dann die CIA rechts überholt hat. Und die CIA hat wieder aus vorauseilendem Gehorsam wieder Berichte zugespitzt in einer eigentlich nicht annehmbaren Art und Weise.

Der Angriff der Alliierten wurde vor allem mit mutmaßlichen Massenvernichtungswaffen im Irak begründet. Gudrun Harrer, die über enge Kontakte zur Internationalen Atomenergiebehörde in Wien verfügt, hegt starke Zweifel:

Scott Ritter zum Beispiel, der immer gesagt hat, so ungefähr 95 Prozent der irakischen Massenvernichtungswaffen sind auf alle Fälle weg. Das hat gestimmt.

Bush und Blair hat dies nicht daran gehindert, immer neue Beweise zu präsentieren, an deren Existenz heute sogar der amerikanische Außenminister zweifelt, der die Position Washingtons damals vor den Vereinten Nationen vertreten musste.

Es gab eben keine Brücke zwischen den Standpunkten, einerseits, dass eine 90-prozentige Compliance eben auch keine Compliance darstellt und einen Kriegsgrund ergibt, andererseits dass 10 Prozent Non Compliance eben kein Kriegsgrund sind. Was beinahe die ganze Welt als Risiko in Kauf zu nehmen bereit war, wurde von den USA als Bedrohung deklariert und zurückgewiesen.

Wenn Saddam Hussein nichts zu verbergen hatte, warum war er dann nicht zu einer vollständigen Zusammenarbeit bereit? Erklärungsversuche:

1991 legten die USA ihr UNO-Mandat so eng aus, dass sie den rebellierenden Schiiten nicht zu Hilfe eilten, die Saddam niedermetzeln ließ. Vielleicht glaubte dieser ja deshalb bis zum Schluss nicht, dass ihm die USA sein Überlebensticket entzogen hatten. Saddam Hussein hat wahrscheinlich nie verstanden, was der 11. September 2001 für die Amerikaner bedeutete - was waren für ihn schon 3000 Menschenleben?

Die Autorin findet weitere Gründe:

Das geht vom Stolz, wie es Hans Blix immer gesagt hat, und bis hin zu den Dingen, die im irakischen System selbst passiert sind, und dazu geführt haben, dass eben das System aus Kommunikationsmängeln, aus Angst der Beteiligten, usw. versagt hat gegenüber der UNO.

Wenn es nicht die Massenvernichtungswaffen waren, die Bush in den Krieg ziehen ließen, dann war es wohl vor allem der sogenannte "Regime Change", der erzwungene Machtwechsel, der die Welt von einem brutalen Diktator befreien sollte.
Diesen - positiven - Aspekt des Krieges erkennt die Autorin durchaus an:

... der von den USA eingesetzte Übergangsrat ist mit all seinen Defekten das Repräsentativste, was der Irak je gehabt hat; Saddam war nicht gewählt, keine einzige arabische Regierung ist gewählt. Dass einige dieser Regierungen jedoch nur mehr da sind, weil sie von den USA unterstützt werden, und dass heute freie Wahlen in den Ländern der Region ein für die USA absolut desaströses Resultat bringen würden, ist die andere Seite der Wahrheit, die man auch nicht auslassen darf.

Am Ende des lesenwerten Buches drückt Gudrun Harrer ihre Hoffnung aus, die Vereinten Nationen könnten nach dem Irak-Konflikt gestärkt sein. Im Gespräch ist sie heute vorsichtiger:

Ich habe das Ganze natürlich vor ein paar Monaten geschrieben, als die Sicherheitssituation nicht gut war, aber im Vergleich zu jetzt rosig ist - das muss man sagen. Es ist jetzt wirklich sehr, sehr schlimm. Ob die UNO es heute noch wirklich schafft, Wahlen zu organisieren und da zu helfen, das müssen wir erst sehen. Aber das Bewusstsein, dass es ohne UNO nicht geht, ich glaube, das fehlt schon noch am Ende.

Gudrun Harrer kann sich durch die Ereignisse seit Sommer vergangenen Jahres bestätigt fühlen. Sogar in London und Washington beschäftigen sich inzwischen Untersuchungskommissionen mit der Frage mutmaßlicher Massenvernichtungswaffen im Irak. Wer sich auf knapp 170 Seiten über die Geschichte eines gigantischen Täuschungsmanövers informieren will, ist mit diesem Buch gut bedient.
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge