BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
29.2.2004
George Soros: Die Vorherrschaft der USA – eine Seifenblase?
Karl Blessing Verlag, München 2004
Vorgestellt von Hans Jürgen Fink

George Soros: Die Vorherrschaft der USA - eine Seifenblase? (Bild: Blessing)
George Soros: Die Vorherrschaft der USA - eine Seifenblase? (Bild: Blessing)
Aus dem Amerikanischen von Hans Freundl und Norbert Juraschitz
Was dieses Buch bewirken soll, spricht sein Verfasser unverblümt aus: Es soll die amerikanische Öffentlichkeit dafür mobilisieren, dass Präsident George Bush am Ende dieses Jahres nicht wiedergewählt wird. Doch wer es deshalb als billiges Wahlkampfpamphlet abtut, liegt falsch. Schon der Name des Autors bürgt für spannende Lektüre: Denn George Soros ist ein bemerkenswerter Mann. Schließlich wusste er die Zeitläufte sowohl zu seinem privaten Reichtum wie auch zum allgemeinen Wohle zu nutzen.

Seine Wurzeln liegen in Europa: Als Sohn eines jüdischen Rechtsanwaltes 1930 in Budapest geboren, entkam er dem Nazi-Terror, floh vor den Kommunisten nach London, finanzierte dort als Hilfsarbeiter sein Studium an der renommierten "School of Economics". Anschließend ging er in die Vereinigten Staaten. In großem Stil spekulierte er weltweit an den Börsen und Devisenmärkten und machte damit sein Glück. Heute gehört er zu den reichsten Männern der Erde. Auf 5 bis 7 Milliarden Dollar wird sein Vermögen geschätzt. Eine davon verdiente er, als er vor etwa 10 Jahren gegen das britische Pfund spekulierte - und gewann.

Nachgesagt wird ihm eine unbändige Risikobereitschaft. Verluste blieben - auch deshalb - nicht aus, in Russland oder in Asien. Dennoch blieb der "Prophet und Profiteur", wie ihn die FAZ einmal nannte, seiner Rolle treu, die er seit seinem finanziellen Aufstieg mit großem Engagement spielt: als Mäzen und Menschenfreund, der zu den großzügigsten Spendern in mehr als 50 Ländern zählt: namentlich in seiner alten osteuropäischen Heimat: für die Dissidenten der Charta 77 in der CSSR, für die Solidarnosc im kommunistischen Polen, für Universitäten, verfallende Altstädte, Schulen, Kläranlagen, Haftanstalten, Bibliotheken, einmal half er sogar der russischen Regierung mit einem Kredit aus ihren Liquiditätsproblemen.

Sein Credo ist die "Offene Gesellschaft", die ihn der Philosoph Karl Popper in London lehrte: die Freiheit des Denkens, der Rede und der Meinung in einer pluralistischen Gesellschaft, die ewige, absolute Wahrheiten nicht kennt. "Wenn ich Präsident Bush sagen höre", schreibt Soros, "'wer nicht für uns ist, der ist für die Terroristen', dann schrillen bei mir die Alarmglocken." Das jedenfalls ist nicht das Amerika, das er, Soros, kennt und schätzt:

Die hegemoniale Ideologie der Bush-Regierung steht im Gegensatz zu einer offenen Gesellschaft, weil ihre Vertreter sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen. Sie bestehen auf dem Anspruch, dass wir Amerikaner, weil wir stärker sind als andere, auch alles besser wüssten und das Recht auf unserer Seite hätten. Hier verschmilzt religiöser Fundamentalismus mit dem Marktfundamentalismus zur Ideologie der Vorherrschaft Amerikas.

Den Hort dieser Neokonservativen hat Soros in der Republikanischen Partei ausgemacht, in der ihr nahestehenden Denkfabrik PNAC - Projekt für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert. Namen wie Dick Cheney, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz stehen dafür, die schon 1998 den damaligen Präsidenten Clinton zum Einmarsch in den Irak drängten. Jetzt in Amt und Würden bekamen sie mit dem 11. September die Chance, ihre Ideen in die Tat umzusetzen, mit verheerenden Folgen.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Regierungsgewalt in der erfolgreichsten offenen Gesellschaft der Welt heute Ideologen zugefallen ist, welche die Grundprinzipien einer offenen Gesellschaft ignorieren. ...Doch genau das geschieht gegenwärtig. Im Inland hat Justizminister John Ashcroft den Krieg gegen den Terror genutzt, um die bürgerlichen Freiheiten zu beschneiden. Außenpolitisch versuchen die USA ihre Sichtweisen und die Durchsetzung ihrer Interessen dem Rest der Welt durch militärische Gewalt aufzuzwingen. Sie erklären kurzerhand, dass ihnen die Bush-Doktrin das Recht dazu gebe. Die Invasion im Irak war die erste konkrete Anwendung der Bush-Doktrin, und sie erwies sich als kontraproduktiv. Zwischen Amerika und dem Rest der Welt hat sich eine Kluft aufgetan. Genau darauf könnte Osama Bin Laden spekuliert haben. Durch die Ausrufung des Krieges gegen den Terror und die Besetzung des Irak hat Präsident Bush Wasser auf die Mühlen der Terroristen geleitet.

Diese Doktrin -das Streben nach militärischer Dominanz und das Recht zu militärischer Prävention - habe sich im Irak als furchtbarer Fehlschlag erwiesen, sagt Soros. Die amerikanischen Soldaten dort dienten als Magnet und lockten von al-Quaida ausgebildete Terroristen aus der ganzen Welt an:

Wir merken mittlerweile, dass wir im Irak in der Falle sitzen. Doch ein Abzug aus dem Irak kommt nicht in Frage. Das wäre das Eingeständnis eines Sieges der Terroristen, und das würde das Ansehen der USA in der ganzen Welt irreparabel schädigen. Doch die Rufe nach einem Abzug werden mit Sicherheit lauter werden. Das könnte einen katastrophalen Umschwung zur Folge haben, vergleichbar mit den Ereignissen in Vietnam.

Damit ist, wie Soros in Anspielung an das ihm so vertraute Börsengeschehen feststellt, die Blase geplatzt. Die amerikanische Selbstgewissheit militärischer Vorherrschaft zerschellte an der bitteren Realität im Irak, im Irak nach der Invasion. Zu groß ist die Kluft zwischen den Erwartungen der Bush-Administration und der eingetretenen Lage. Dies ist für Soros der Augenblick der Wahrheit für die regierenden Neokonservativen, der Zeitpunkt für einen grundlegenden Wandel der amerikanischen Politik:

Es genügt nicht, Präsident Bush bei der Wahl zu schlagen. Wir müssen die Bush-Doktrin verwerfen und eine aufgeklärte Rolle Amerikas in der Welt an ihre Stelle setzen. Wenn die Präsidentschaft George W. Bushs eine geistige Verwirrung war, dann müssen wir daraus lernen. Eine offene Gesellschaft entwickelt sich über die empirische Methode nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" weiter. Die Rückschläge der letzten Jahre sollten uns veranlassen, eine kooperativere und konstruktivere Politik zu verfolgen.

Dies ist eine Botschaft, die viele im "alten Europa" nur zu gerne vernehmen. Schließlich konnte und kann hier niemand glücklich über Spannungen sein, die das transatlantische Bündnis auf eine Zerreißprobe stellen, bei der auf beiden Seiten niemand gewinnen kann, alle aber den Schaden haben. Frohlocken, so fürchtet Soros, könnten allein jene Terrorgruppen, die sich den "clash of civilisation", den Vernichtungskampf gegen den Westen und seine Kultur auf die Fahnen geschrieben haben.

Wenn man heute zurückblickt, dämmert einem allmählich eine erschreckende Einsicht. Sie wollten...

meint Soros über die Selbstmordbomber des 11. September...

dass wir genauso reagieren, wie wir reagiert haben. Vielleicht verstanden sie uns besser, als wir uns selbst verstehen.

Eben deshalb kann nach Soros unumstößlicher Überzeugung die richtige Antwort darauf nicht die Bush-Doktrin sein, sondern nur eine internationale Allianz, wie sie unmittelbar nach dem 11. September geschmiedet wurde, dann aber verloren ging.

Soros hat sein Buch im Oktober vorigen Jahres abgeschlossen. Inzwischen lässt Washington erste Anzeichen einer Kurskorrektur in der Irak-Politik erkennen: Verstärkt ins Spiel kommen erneut die Vereinten Nationen, die NATO und mithin die Europäer sind wieder gefragt. Auch der Empfang des Bundeskanzlers im Weißen Haus steht dafür. Taktisches Spiel in der Not oder grundlegende Wende zurück zum Multilateralismus?

Folgt man Soros, bleibt Skepsis angebracht. Er setzt auf das Börsen-Modell von "Boom" und "Bust", wonach die Popularität des Präsidenten Bush bis zum November so rapide sinken könnte, wie sie zuvor empor geschnellt ist.

Nicht jede Vorhersage des berühmten Währungs- und Börsenspekulanten ist freilich auch in Erfüllung gegangen. Das räumt Soros selber freimütig ein. Und deshalb darf über Bushs Ab- oder Wiederwahl vorerst durchaus weiter spekuliert werden.







-> BuchTipp
-> weitere Beiträge