BuchTipp
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22.2.2004
Rudolf Böhlke, Joachim Spill und Gerd W. Stürz: Das entfesselte Wirtschaftswunder - Ein Gedankenspiel zur Zukunft Deutschlands
Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 2003
Vorgestellt von Ernst Rommenney

Rudolf Böhlke, Joachim Spill und Gerd W. Stürz: Das entfesselte Wirtschaftswunder (Bild: Gustav Kiepenheuer Verlag)
Rudolf Böhlke, Joachim Spill und Gerd W. Stürz: Das entfesselte Wirtschaftswunder (Bild: Gustav Kiepenheuer Verlag)
Die Politik bewegt sich. Und die Autoren fühlen sich bestätigt. Jetzt verschreibt man sich allseits der Innovation, redet wieder und wieder von Bildung und Forschung.

Stürz: Ich finde aber interessant, dass wir inzwischen über eine Reform der Hochschullandschaft nachdenken ...

... so beobachtet einer der drei, Gerd W. Stürz, die politische Szene.

... dass wir über Elite-Universitäten nachdenken - das ist ein Ansatz. Ich sehe, dass man über Studiengebühren nachdenkt.

Doch aller Eifer droht durch die miese Stimmung im Lande ausgebremst zu werden. Ein Wahljahr hat begonnen. Und so wird ein Buch hochaktuell, obschon es bereits im September geschrieben war, weil es sich als Warnruf für Reformmüde verstehen lässt.

Es muss sich aber noch viel mehr tun, glaube ich, um wesentliche Reformen zu erreichen.

... meint das Vorstandsmitglied der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young. In ihrer Studie "Unternehmen 2010" hatten die drei Autoren festgestellt, dass die technologische Revolution erst begonnen habe. Sie werde den Wandel der Gesellschaft stark beschleunigen. Und sie verlange von jedem Menschen sich ebenso schnell und flexibel anzupassen.

Wir haben eine Situation, in der sich das menschliche Wissen nicht mehr alle einhundert Jahre verdoppelt, sondern alle sechs Jahre, so die Fraunhofer Gesellschaft.

Die Politik reagiert nicht rechtzeitig oder nur mit guten Worten. Sie bewegt sich viel zu langsam.

Speed is key - um es neudeutsch zu sagen. Und an der Stelle hat die Parteienlandschaft zumindest in den Neunziger Jahren nicht erfolgreich beweisen können, dass sie zu schnellen Handlungen mit weitreichenden Konsequenzen fähig ist.

Die drei Wirtschaftsprüfer wünschten sich unternehmerisches Denken in Regierung und Parlament, ein mehr an Bürgernähe durch Politik-Controlling. Experten und nicht Funktionäre sollten die öffentlichen Geschicke managen. Und viel zu langwierig sei der Prozess in den Parteien, den politischen Willen zu bilden, wie das Grundgesetz es fordert, zu langwierig, voller Kompromisse und nicht geeignet für grundlegende Reformen.

All das sind Dinge, die, wenn sie erst innerhalb einer Partei gelöst werden sollen, viel zu lange dauern, um große Teile der Bevölkerung noch jemals zu erreichen.

Sie haben recht und trotzdem ist mir die populäre Kritik an den Parteien zu einfach. Denn deren Verhalten spiegelt das politische Denken und Handeln, die Mentalität einer gesamten Gesellschaft wieder. Verhaltensweisen lassen sich korrigieren. Auch Abwählen ist möglich. Aber wollte sich die Bürgerschaft ihre Parteien wie Fremdkörper aus dem Leibe reißen, verlöre sie Herz und Seele. Zurück zur Unternehmensstudie von Ernst&Young. Sie setzt neben den technologischen Wandel den demographischen als zweiten bestimmenden Zukunftstrend.

Wir können davon ausgehen, dass bis zum Jahre 2050 die Anzahl der Bundesbürger sich um weitere 20 dann auf 60 Millionen verringert haben wird, dass vor diesem Hintergrund die Anzahl der Erwerbstätigen um ungefähr 14 Millionen abgenommen haben wird, und dass es dann irgendwann zu einem Kampf um fachlich qualifizierte Arbeitskräfte kommen wird.

Darin erkennen Gerd W. Stürz und seine beiden Kollegen die Chance. Das Risiko liegt in den öffentlichen Finanzen.

Und andererseits sehen wir, dass durch diesen Abbau der Bevölkerung unsere Sozialsysteme schnell an den Rand des finanziellen Ruins kommen.

Folglich könnten Staat, Betriebe und Bürger nicht angemessen handeln, nicht investieren. Ein Fürsorgestaat sei entstanden, und den lehnen die drei Autoren rundweg ab. Er stehe für hohe Abgaben, Steuern und Schulden, bevormunde durch Regelwerke, fördere das Besitzstandsdenken, schaffe Verdruss beim Arbeiten und unterstütze die Aversion gegen die Technik. So würde er den Elan der Bürger fesseln, ein weiteres Wirtschaftswunder verhindern. Was ist zu tun? Anzusetzen sei, sagt Gerd W. Stürz, ...

... am Steuersystem einerseits und an den Sozialsystemen andererseits, flankiert mit einer veränderten Haltung zur Bildungs- und Forschungspolitik.

Und darauf wollen die Autoren hinaus. Deutschland müsse sich den Weg in die Wissensgesellschaft ebenen und dadurch eine zweite Gründerwelle auslösen. Schließlich war das Land einst technologisch führend.

Das Volk der Deutschen ist ein Volk der Dichter und Denker. Und diese Stärken haben aus diesem Volk der Dichter und Denker das gemacht, nämlich eine der größten Industrienationen der Welt.

Heute aber mangele es an Kreativität. Eine kollektive Antriebslosigkeit attestieren die drei schreibenden Wirtschaftsprüfer ihren Landleuten.

Die künftige Entwicklung eines Industriestandortes Deutschland hängt jedoch davon ab, dass wir einer wirtschaftlichen Entwicklung vorauseilen.

Leider gehen die Autoren den Ursachen nicht tief genug auf den Grund, warum es denn den Deutschen am Forschergeist fehle. Ihr Rezept dagegen überzeugt. Das lebenslange Lernen machen sie zu einem gemeinsamen, sinnstiftenden Projekt für Jung und Alt. So sollte das Berufsleben regelmäßig von kurzen Ausbildungsphasen unterbrochen werden. Universitäten könnten sich Berufstätigen öffnen. Der Schulunterricht brauche wirtschaftsnahe Themen. Ferner dürfe in der Wissensgesellschaft insgesamt die Kultur, also Allgemeinbildung und soziale Kompetenz, nicht zu kurz kommen.

Die Stärkeren haben für die Schwachen zu sorgen.

... versichert Gerd W. Stürz.

Auf der anderen Seite erkennen wir aber, dass wir mit einer allzu großen Regulierungsdichte in private Entscheidungsfreiheiten eingreifen, die letztendlich dafür Sorge tragen, dass der individuelle Unternehmergeist eingeengt wird.

Eigeninitiative und Eigenvorsorge kennzeichnen eine neue Bürgergesellschaft. Sie solle das überholte Gesellschaftsmodell des Fürsorgestaates ablösen, das Modell der Schröders und Fischers, der 68iger, der Gewerkschaften - kurz: der Buhmänner der konservativen APO, zu der sich die Autoren zählen, also zu denen, die nicht länger auf die Politik bauen. In ihrem Gegenmodell sind nicht nur die mittelständischen Unternehmer selbstständig, sondern auch die Arbeitnehmer. Sie arbeiten projektbezogen - wandernd von Stelle zu Stelle, von Firma zu Firma auf eigenes Risiko, aber mit Gewinnbeteiligung, losgelöst von traditionellen Arbeitsverhältnissen.

Ich vergleiche das immer mit einem Beispiel, dass man auf der Autobahn mit angezogener Handbremse gerade eben noch so vorankommt, aber man könnte sehr viel schneller mit sehr viel weniger Energie sich bewegen, indem man die Handbremse einfach lösen würde. //

Zumindest erfahren wir in diesem Buch, wie die drei Autoren die Handbremse lösen, ein Wirtschaftswunder entfesseln würden. Sie schreiben mit Verve und sehr persönlich eine dichtgedrängte Mängelliste des Standortes Deutschland auf. Wir erfahren viel über die Lebenssicht von Unternehmensberatern und Wirtschaftsprüfern. Es ist eine Art Erweckungsbuch. Ein sachliches Buch wäre mir allerdings lieber gewesen, denn die bildungspolitischen Ideen wirken sehr interessant.
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