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7.3.2004
Hermann Glaser: Kleine deutsche Kulturgeschichte 1945 bis heute
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2004
Vorgestellt von Rolf Schneider

Hermann Glaser: Kleine deutsche Kulturgeschichte 1945 bis heute (Bild: S. Fischer)
Hermann Glaser: Kleine deutsche Kulturgeschichte 1945 bis heute (Bild: S. Fischer)
Es war einmal eine Zeit, da gebot die Bundesrepublik Deutschland über eine gesamte Phalanx aus guten Kulturpolitikern mit dem Parteibuch der SPD. Einige zufällig heraus gegriffene Namen seien Ernst Stein und Adolf Arndt. Bekannter sind heute noch, da näher an der Gegenwart, die Namen Hilmar Hoffmann und Herman Glaser. Wer auch immer hier noch benannt werden könnte, er gehört jedenfalls ins Präteritum, ihrer aller Zeit ist gründlich abgelaufen und ist es auch deswegen, da die SPD, als Gesamtpartei, ein ziemlich gestörtes Verhältnis zu Dingen der Ästhetik unterhält. Außer für ein paar Arbeiterlieder und Volkshochschulkurse interessiert sie sich lieber für den Fußball. Ihren renommierten Kulturreferenten hat sie das Leben niemals leicht gemacht; im günstigsten Falle ließ man sie gewähren.

Der 1928 geborene Hermann Glaser ist dafür ein Beispiel. Mehr als ein Vierteljahrhundert war er Kulturverantwortlicher in seiner Heimatstadt Nürnberg. Dort hat er maßgelbliche Dinge bewirkt und bewegt: die wahrscheinlich potenteste Volkshochschule aller bundesdeutschen Großstädte, die international bestückten und beachteten öffentlichen Intellektuellentreffen mit Namen "Nürnberger Gespräche", die Pflege und Erforschung von Sozio- und Stadtteilkultur samt zugehörigen Einrichtungen. Als es zu Protesten der konservativen Bildungsbürgerlichkeit in Nürnberg kam, ließ ihn die SPD allein. Eine programmatische Nachwirkung seiner Tätigkeit im lokalen oder bundesdeutschen Maßstab erfuhr er nicht.

Nun war und ist er nebenher ein emsiger Publizist. Er hat zahlreiche Bücher verfasst oder herausgegeben, die sich mit übergreifenden Themen befassen, wozu die Psychoanalyse Siegmund Freuds ebenso gehört wie der Wilhelminismus und die Geschichte Berlins als einer Werkstatt der Moderne. Die Historiographie der deutschen Zustände nach 1945 ist ihm ein besonderes Anliegen. Ihr widmet er auch seine jüngste Buchpublikation.

Probiert wird darin eine konfrontative Darstellung der Kulturgeschichte in beiden deutschen Staaten und dies auf nicht mehr als 300 Seiten.

Angesichts des hier nur knapp zur Verfügung stehenden Raumes kann freilich eine Gesamtgeschichte (...) nicht vorgelegt werden; wer nach Daten, Namen, Werken in systematischer Übersicht sucht, muss zusätzlich andere Bücher heranziehen. (...) Beschrieben werden hier Entwicklungstendenzen beziehungsweise, um das Bild zu wechseln, die Konturen der Kulturlandschaft. Die Leserinnen und Leser sollen nicht in den Fakten ersticken; eine "kommunikative Erzählweise" besteht letztlich darin, dass eine Hetze durch den Stoff zugunsten verweilender Betrachtung vermieden wird.

Das ist ein klares Programm. Im Untertitel verheißt Glaser eine "westöstliche Erzählung" und bei Erzählungen steht es so, dass der Erzähler relativ frei ist in dem, was er mitteilen will und was nicht. Freilich birgt dies auch ein wenig die Gefahr der Beliebigkeit. Zudem ist nicht nur wichtig, was, sondern ebenso wie erzählt wird.

Erzählen, will sagen: schreiben, kann Herman Glaser. Seine Sprache ist nicht ohne Leichtigkeit, seine Texte lesen sich flüssig, die trotz der zitierten Vorsätze notwendigerweise immer noch reichlich auftretenden Namen und Fakten sind verlässlich. Wer sich über die kulturelle Entwicklung des geteilten und wiedervereinigten Deutschland in den letzten fast 60 Jahren einen summarischen Überblick verschaffen möchte, ist mit Hermann Glasers jüngstem Buch gut bedient. Dass es sich um das Buch eines Linksintellektuellen handelt, versteht sich bei der politischen Biografie des Autors von selbst. Adorno und Habermas stehen ihm näher als Luhmann und Lübbe, obschon auch diese beiden letztgenannten getreulich erwähnt und zitiert werden. Da die kulturelle Wirklichkeit Nachkriegsdeutschland eher links durchwirkt als konservativ bestimmt war und ist, befindet sich Glaser, nehmt alles nur in allem, in vollkommener Übereinstimmung mit seinem Gegenstand.

So weit gerühmt. So weit auch nachdrücklich empfohlen. Die Einwände, die sich vortragen lassen, resultieren zunächst aus dem Umstand, dass sich dieses Buch gegen eine publizistische Konkurrenz behaupten muss, deren Urheber niemand anders als Hermann Glaser ist.

Es gibt von ihm zum gleichen Thema eine "Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland" in drei voluminösen Bänden, es gibt außerdem den Band "Deutsche Kultur", der bis zum Jahre 2000 geht und gleichfalls beide deutsche Staaten betrachtet. Seine 400 großformatigen Seiten vermögen verständlicherweise mehr und ausführlicher darzulegen als die 300 kleinformatigen Seiten des jüngsten Buchs. Selbst eine Art Digestfassung gab es früher schon, sie erschien 1991.

Glasers Stärken sind Positivismus und Materialsammlung. Als Analytiker zeigt er sich eher zurückhaltend, nachdrückliche Urteile oder Prognosen liefert er kaum. So liegt es an der Auswahl der Fakten, ob, bei aller Gedrängtheit der Mitteilung, ein in etwa stimmiges Bild entsteht.

Wir wollen darüber an einem Beispiel handeln.

Glasers Texte, was einer ihrer Vorzüge ist, schränken den Kulturbegriff nicht ein. Wie selbstverständlich einbegreifen sie immer auch Dinge wie Hochschulpolitik, Unterhaltungsmusik, Konsummoden und Design. So auch äußert sich Glaser zur Situation von Architektur und Städtebau in der DDR.

Er tut dies in Gegenüberstellung mit dem weitgehend funktionalistisch geprägten Städtebau in der Altbundesrepublik nach dem Krieg. Der erzeugte am Ende so unwirtliche Stadtquartiere wie das Märkische Viertel in Berlin oder das Nürnberger Neubaugebiet Langfuhr. Glaser sieht darin Nachwirkungen des Dessauer Bauhauses und seiner internationalen Anhänger. Dass die nach 1945 verantwortlichen westdeutschen Stadtbaudirektoren großenteils alte Nazis waren und ihren bei Albert Speer gelernten Monumentalismus nunmehr in Schalbeton umgossen, wird leider verschwiegen.

Zu Ostdeutschland heißt es:

Wie in den Westzonen, so wurde auch in der SBZ die stadtplanerische Auseinandersetzung um modernen Neubau oder traditionsverpflichteten Wiederaufbau intensiv geführt. Von besonderem Einfluss war Kurt Liebknecht, der in den zwanziger Jahren bei Hans Poelzig studiert und ab 1931 in der Sowjetunion gearbeitet hatte - zusammen mit dem Architekten Hermann Henselmann (1945 bis 1949 Direktor der Staatlichen Hochschule für Baukunst und Bildende Kunst, Weimar). Gemäß den Direktiven sowjetischer Kulturpolitik, wurde sei 1949 das Konzept einer eigenständigen, von angloamerikanischen Einflüssen und westlichen Planungskonzepten "freien" deutschen Baukultur entwickelt, wobei der Rückzug auf die nationalen Traditionen der Baukunst des deutschen Klassizismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts dazu dienen sollte, den in der DDR lebenden Menschen als "deutschen Patrioten" neue Hoffnung und Selbstachtung zu geben.

Und weiter:

Die Offenheit der Auseinandersetzung um das bestmögliche Stadtentwicklungskonzept fand bald ein Ende. In den "Sechzehn Grundsätzen des Städtebaus", die von der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik am 27. Juli 1950 beschlossen wurden, hieß es unter anderem, dass das Zentrum der Stadt den politischen Mittelpunkt für das Leben der Bevölkerung darstelle; hier lägen die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten. Auf den Plätzen im Stadtzentrum hätten die politischen Demonstrationen, die Aufmärsche und die Volksfeiern an Festtagen stattzufinden. Die Stalin-Allee, geprägt durch Entwürfe von Henselmann, wurde zum Leitbild des neuen sozialistischen Bauens: leblose Riesenbauten zum höheren Ruhme eines die individuellen Rechte wie die Lebensqualität insgesamt verachtenden Totalitarismus.

Das ist, so summarisch gesagt, nicht falsch, aber ungenau. Hermann Henselmann, ein Bauhausschüler, entwarf und errichtete zunächst an der Berliner Stalinallee mehrere heute noch stehende Funktionalbauten. Mit ihnen geriet er mitten in die von den Sowjets verordnete Formalismusdiskussion. Die Blöcke wurden als Eierkisten verhöhnt und verworfen. Der gelenkige Henselmann beteiligte sich alsbald an den historischsten Entwürfen für die übrige Stalinallee, die nicht nur Klassizismus, sondern ebenso Renaissance und preußisches Barock zitiert. Dass die in Karl-Marx-Allee umbenannte Straße heute Denkmalschutz genießt, dass sie von ihren Bewohnern als attraktiv empfunden wird, dass viele internationale Beobachter sie heute als vorweg genommene Postmoderne preisen, ist ebenso wahr wie der Umstand, dass spätestens unter Honecker sich der DDR-Städtebau auf die Vorzüge des Funktionalismus besann, auch dies wieder unter heftiger Mitbeteiligung Henselmanns. Quartiere mit Plattenbauten vom Typus WB 70 überzogen das Land. Heute werden sie überbaut oder abgerissen.

Dergleichen Differenzierung und Verlängerung findet bei Glaser auch sonst häufig nicht statt, was sich in der Darstellung der DDR-Verhältnisse übrigens sehr viel stärker äußert als bei den Schilderungen des deutschen Westens. Hermann Glasers Blick nach Osten bleibt ein Blick von außen. Man sollte ihm das nicht vorwerfen. Er erweist sich, auch hier wieder, als ein typischer Spross des bundesdeutschen Nachkriegs: engagiert und neugierig, aufklärerisch, mit der endlichen Hinwendung Deutschlands zum politischen Westen und zu einem stabilen Republikanismus dankbar skeptisch einverstanden. Oder, mit dem Enzensberger-Gedicht, das seinen Band einverständig beschließt:

...ungeduldig
im namen der zufriedenen
verzweifeln

geduldig
im namen der verzweifelten
an der verzweiflung zweifeln

ungeduldig geduldig
im namen der unbelehrbaren
lehren

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