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14.3.2004
Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2004
Vorgestellt von Eva Blaskewitz

Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen (Bild: Klett-Cotta)
Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen (Bild: Klett-Cotta)
Kurt Schelling ist Mitte 40, als sein Leben aus den Fugen gerät. Er, der immer als Spaßvogel galt, hat plötzlich ständig mit den Tränen zu kämpfen, Humor und Optimismus sind dahin, er wird von heftigen Panikattacken gequält. "Guck dir doch mal dein Geburtsdatum an", rät ihm ein Bekannter. Das ist für Kurt Schelling, 1943 in Düsseldorf geboren, der Schlüssel zu seiner Kriegskindheit. Die Mutter erzählt ihm von der Todesangst während der Bombenangriffe und dass sie ihn wegen dieser Angst nicht habe stillen können.

Einmal auf die Spur gesetzt, begann Kurt Schelling mit eigenen Ermittlungen. Rückblickend glaubt er, überhaupt keine andere Wahl gehabt zu haben. "Ich fiel förmlich auseinander. Ein Körper hält das irgendwann nicht mehr aus. Diese ganze Angst, die in mir war, die musste mal raus!"

Kurt Schelling, dessen Name wie der der meisten anderen Kriegskinder geändert wurde, ist kein Einzelfall. Seit dem Krieg in Bosnien, als das Fernsehen ausführlich über das Leid der Kinder berichtete, beschäftigt sich die Journalistin Sabine Bode, Jahrgang 1947, mit der Frage, wie es eigentlich den Kindern aus dem 2. Weltkrieg heute ergeht. Eine mühsame Spurensuche. Die meisten Leute, die sie darauf anspricht, wehren ab: ''Andere hatten es viel schlimmer'' und ''Es hat uns nicht geschadet'' bekommt sie häufig zu hören. Schwer vorstellbar, dass Bombenkrieg und Nächte im Luftschutzkeller, die Erfahrung von Hunger, Kälte und Tod keine Spuren hinterlassen haben sollten, herrscht doch über die seelische Verletzbarkeit in der frühen Kindheit unter den Psychologen längst Konsens. In der Scham, dem Volk anzugehören, das Hitler an die Macht gebracht hatte, sieht Sabine Bode einen Grund, weshalb es den ehemaligen Kriegkindern fern liegt, sich selbst als Opfer zu betrachten; einen anderen beschreibt eine Kriegswaise aus Ostpreußen so:

Man hat uns in ganz jungen Jahren beigebracht: Darüber spricht man nicht. Das erzählt man nicht. Schau nach vorn! Sei froh, dass du noch lebst. Vergiss' alles! Und das haben die meisten von uns getan.

Im Rentenalter beginnen einige, sich mit ihrer Kindheit auseinanderzusetzen - teilweise nachdem sie durch die Kriege auf dem Balkan, in Afghanistan und Irak mit ihren eigenen Kriegserinnerungen konfrontiert wurden. Und finden hier eine mögliche Erklärung für bis dahin rätselhafte Beschwerden: Körperliche und seelische Beschwerden, die in manchen Fällen das ganze weitere Leben der Betroffenen prägen.

Sabine Bode schildert die Schicksale der Kriegskinder unpathetisch und weitgehend ohne eigene Wertung, in einer leichten, flüssigen Sprache. Die Sicht der Betroffenen steht im Vordergrund: Zwar lässt die Autorin eine Reihe von Psychologen zu Wort kommen, aber schon der Verzicht auf ein Literaturverzeichnis zeigt, dass es ihr nicht um wissenschaftliche Exaktheit zu tun ist: Sie will einen Stein ins Rollen bringen.

Ich gehe davon aus, dass das Interesse am Schicksal der deutschen Kriegskinder so schnell nicht erlöschen wird. Weitere Beiträge und Bücher werden folgen, und sie werden jene Regionen ausleuchten, die heute noch im Schatten liegen,

schreibt Sabine Bode in der Einführung.

Mosaikartig setzt sie das Bild der ''vergessenen Generation'' zusammen, beleuchtet es von verschiedenen Seiten: So widmet sie etwa Flüchtlingskindern, Kindern aus Waisenhäusern, aber auch den Erziehungsidealen der Nationalsozialisten und ihren Auswirkungen umfassende Kapitel. Ergänzend und kontrastierend flicht sie Ausschnitte aus belletristischen Werken und literarischen Erfahrungsberichten ein und verknüpft die Schilderungen mit alten und neuen psychologischen Erkenntnissen.

Ab und zu bricht sich die Liebe zur Vielseitigkeit etwas zu ungehindert Bahn: etwa wenn die Autorin auf knapp 20 Seiten durch die Geschichte der Trauma-Forschung eilt, von den Anfängen anlässlich der ersten Eisenbahnunglücke über die frühe Psychoanalyse bis hin zu literarischen Verarbeitungen - die Darstellung ist stellenweise allzu verkürzt und nicht frei von Banalitäten. Dennoch: Das Kapitel ermöglicht eine psychologische Einordnung der beschriebenen Nachwirkungen des Krieges.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die unter traumatischen Extremsituationen aufgenommene Information anders gespeichert wird als die üblichen "Alltagsinformationen". Den Studien zufolge scheint die unter Extrembelastung aufgenommene Information regelrecht im Verarbeitungssystem stecken zu bleiben. Patienten besitzen häufig keine Worte für das, was ihnen widerfahren ist. Bilder tauchen auf, Gerüche, Geräusche, verbunden mit überwältigenden Gefühlen, die man ungenau als Halluzination bezeichnen könnte.

Das Fehlen der Worte möglicherweise eine weitere Erklärung für das jahrzehntelange Schweigen der Kriegskinder. Nicht verarbeitete traumatische Erlebnisse können in die nachfolgende Generation fortwirken - wie im Fall von Kaspar Kampen, der nach einer schweren Lebenskrise eine Psychotherapie macht.

"Als die Therapeutin und ich uns mit meiner Kindheit beschäftigten", erzählt Kaspar, "ergaben sich relativ schnell die Parallelen. Meine Eltern haben durch den Krieg einfach nicht erfahren, dass die Welt ein sicherer Ort ist, wo man sich wohlfühlt und geborgen. Und genau das Gefühl habe ich dann bei mir auch festgestellt, obwohl es keinen äußeren Anlass dafür gab."

Diese Tatsache, dass traumatische Erfahrungen sozusagen vererbt werden können, ist für Sabine Bode ein Anlass, eindringlich für die Beschäftigung mit dem Schicksal der Kriegskinder zu plädieren und für eine angemessene Gedenk-Kultur, die es ihnen ermöglicht, sich mit ihren Erfahrungen auseinanderzusetzen und sie zu verarbeiten. Ein zweiter: Wenn die ehemaligen Kriegskinder in ihrer Opferrolle verharren und diese Haltung an ihre Nachkommen weitergeben, könnte das einen Opferkult fördern, der politisch-sozialen Sprengstoff enthält, denn, so die Autorin:

Auf diese Weise werden sie anfällig für Manipulationen und eine leichte Beute für politische Rattenfänger. Große Opfergruppen, die ständig jammern, ob versteckt oder offen, schwächen die Demokratie.

Das ''Plädoyer für Vernunft und Trauer'', so die Überschrift des letzten Kapitels, ist vielleicht etwas pathetisch geraten; dies schmälert jedoch nicht das Verdienst des Buches, auf einen noch weitgehend unbewältigten Aspekt der deutschen Vergangenheit aufmerksam gemacht und einer Generation, deren Schicksal 60 Jahre lang zu wenig beachtet wurde, zu einem Forum verholfen zu haben.

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