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21.3.2004
Amos Oz: Wie man Fanatiker kuriert
edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2004
Vorgestellt von Richard Chaim Schneider

Amos Oz bei Entgegennahme des Friedenspreises der Geschwister Korn und Gerstenmann im Jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt/Main, 2003   (Bild: AP)
Amos Oz bei Entgegennahme des Friedenspreises der Geschwister Korn und Gerstenmann im Jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt/Main, 2003 (Bild: AP)
Aus dem Englischen von Julia Ziegler

''Wie man Fanatiker kuriert'' - so heißt ein kleines Büchlein, das soeben in der edition suhrkamp erschienen ist. Der Autor: kein Geringerer als die große Ikone der israelischen Literatur, Amos Oz. ''Wie man Fanatiker kuriert'' - welch eine Verheißung in diesen schwierigen, vom Terrorismus geschüttelten Zeiten. Doch wer nun glaubt, er fände in diesem schmalen Bändchen die Lösung für die aktuellen Probleme unserer Zeit wird, natürlich, enttäuscht werden. Drei Vorlesungen sind hier zusammengetragen, drei Vorlesungen, die Amos Oz im Januar 2002 im Rahmen seiner Poetik-Dozentur an der Universität Tübingen gehalten hat.

Wie bei ihm nicht anders zu erwarten, sind Amos Oz' Erläuterungen zur Literatur, zum Nahost-Konflikt und zum Fanatismus amüsant und kurzweilig zu lesen. Wie aber bei Amos Oz seit Jahren ebenfalls nicht anders zu erwarten, sind seine Erläuterungen inzwischen auch banal, voller Gemeinplätze und vor allem: hinlänglich bekannt - so etwa die Beschreibung des Friedensprozesses zwischen Israelis und Palästinensern als Scheidung eines Ehepaares, das jedoch im selben Hause wohnen bleibt:

...Scheidungen sind nie glücklich, selbst wenn sie gerecht sind oder mehr oder weniger gerecht, so tun sie dennoch weh, sie sind einfach schmerzhaft. Gerade diese spezielle Scheidung, die eine sehr komische Scheidung werden wird, weil die beiden Scheidungsparteien definitiv in der gleichen Wohnung bleiben werden, keiner zieht aus. Und da die Wohnung sehr klein ist, wird es notwendig sein, darüber zu entscheiden, wer Schlafzimmer A bekommt und wer Schlafzimmer B und was mit dem Wohnzimmer passiert. Und natürlich muss es besondere Arrangements hinsichtlich des Badezimmers und der Küche geben. Sehr lästig.

Natürlich ist das ein anschauliches Bild für die Tragik des palästinensisch-israelischen Konflikts. Doch dahinter verbirgt sich die Tragik des politischen Autors Amos Oz, dem nichts Neues mehr einfällt, dies aber jedes Mal als große Neuigkeit verkauft. Damit aber ist Amos Oz fast schon zum Politiker mutiert.

Und seine ''Rezepte'' gegen Fanatismus eignen sich zwar für den einen oder anderen Lacher im Hörsaal, sind aber nichtsdestotrotz banal:

Ein Sinn für Humor ist ein starkes Heilmittel. Ich habe niemals in meinem Leben einen Fanatiker mit Sinn für Humor gesehen, noch habe ich jemals gesehen, dass ein humorvoller Mensch zum Fanatiker geworden wäre, außer der- oder diejenige hätten seinen Sinn für Humor verloren. Fanatiker sind oft sehr sarkastisch, und einige von ihnen haben einen sehr scharfsinnigen Sarkasmus, aber keinen Humor. Humor beinhalte die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Humor ist Relativismus...

Aha, denkt man sich, welch unglaubliche Einsicht. Und wird zusätzlich von Amos Oz noch darauf hingewiesen, dass Fanatismus oft schon in der Familie beginnt und, noch so ein Gemeinplatz, das oftmals diejenigen, die Fanatismus bekämpfen, selber zu Fanatikern werden.

Obendrein fehlt auch - zumindest das könnte man von einem Schriftsteller vom Range Amos Oz' erwarten - ein ernsthafter, tiefgreifender Versuch, die Aufgabe der Literatur im Kampf gegen den Fanatismus zu definieren. Er verweist zwar auf Shakespeare und Gogol, auf Kafka, Faulkner und Amichai, deren Werke den angeblichen Sinn von Fanatismus ad absurdum führen - doch das wissen wir schließlich auch ohne seinen besonderen Hinweis. Über sein eigenes Schreiben in Zeiten des Konfliktes, weiß Oz nicht mehr zu sagen, als dass er als Schriftsteller stets gezwungen ist, sich in die Lage und Rolle des Anderen zu versetzen, um ihn zu verstehen:

Der Fähigkeit, in Situationen mit ungewissem Ausgang zu existieren, zum Beispiel einen Roman zu schreiben, wohnt neben anderen Bürden die Notwendigkeit inne, jeden Morgen aufzustehen, eine Tasse Kaffee zu trinken und damit anzufangen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Was wäre, wenn ich er wäre oder sie?... Ich könnte einer meiner Feinde sein. Sich das vorzustellen, ist immer eine hilfreiche Übung.

Sehr viel spannender ist dagegen jener Teil, der die Position der Europäer zum Nahost-Konflikt analysiert. Dieser Teil, zu finden in der dritten Vorlesung, ist ebenfalls nicht immer frei von Banalitäten, dennoch immer wieder überraschend präzise und spitz formuliert. Oz hält den selbstgerechten europäischen Gesellschaften einen kritischen Spiegel vor, in dem sie sich selbst erkennen könnten, wenn sie nur wollten. So etwa, wenn er nachweist, dass man in Europa gerne glaubt, jeder Konflikt sei im Grunde nie mehr als ein Missverständnis, das man bei einer gemeinsamen Tasse Kaffee aus dem Weg räumen könnte. Und: Europäer haben einen merkwürdigen Sinn für die Gerechtigkeit innerhalb eines Konflikts:

...gutmeinende Europäer, linksgerichtete Europäer, intellektuelle Europäer, liberale Europäer müssen immer zuallererst wissen, wer die Guten und wer die Bösen in dem Film sind. Nun, in dieser Hinsicht war Vietnam sehr leicht zu beurteilen ... Es war leicht zu sagen, dass Apartheid Sünde ist, und der Kampf für nationale Befreiung, für Gleichberechtigung und menschliche Würde rechtens ... Wenn es um die Grundlagen des israelisch-arabischen Konflikts geht, insbesondere des israelisch-palästinensischen Konflikts, dann liegen die Dinge nicht mehr so einfach ... So einfach ist das nicht, meine Freunde, so einfach nicht, weil es sich bei dem israelisch-palästinensischen Konflikt nicht um einen Wildwestfilm handelt. Es ist kein Kampf zwischen Gut und Böse.

Hier, in der Auseinandersetzung mit der europäischen Friedensbewegung, läuft Oz zur Höchstform auf. Auch diese Analysen sind nichts Neues, er hat sie bereits 1991 während des Golfkrieges öffentlich formuliert. Und doch sind sie gerade heute, im Jahre 2004, von brisanter Aktualität. Was den Nahost-Konflikt betrifft, aber auch was die zum Teil selbstgerechte und selbstherrliche Überheblichkeit so mancher Europäer gegenüber den USA betrifft.

Die eigentliche Überraschung des vorliegenden Bändchens ist jedoch nicht der Text von Amos Oz, sondern die am Schluss angefügte Vorlesung des palästinensischen Schriftstellers Izzat Ghazzawi. Was dieser über die ''Rolle von Kultur und Literatur in Krisengebieten'' zu sagen hat, ist spannend, bewegend und aufklärend. Ein scharfer, erhellender Blick auf die Situation der Palästinenser. Eine kleine, aber berührende Einsicht in die Problematik seines Volkes, die Ghazzawi da liefert. Allein für diese 23 Seiten lohnt es sich, das Suhrkamp-Büchlein zu kaufen.
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