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28.3.2004
Peter Richter: Blühende Landschaften – Eine Heimatkunde
Goldmann Verlag
Rezensiert von Michael Groth

Peter Richter: Blühende Landschaften - Eine Heimatkunde (Bild: Goldmann Verlag)
Peter Richter: Blühende Landschaften - Eine Heimatkunde (Bild: Goldmann Verlag)
Peter Richter hat, so der Untertitel, eine "Heimatkunde" geschrieben.

Die war offenkundig überfällig, so der Autor im Gespräch:

Aus der Beobachtung heraus, dass das Thema DDR und Osten - Westen - immer mehr verulkt wird nach den langen Jahren der totalen Skandalisierung, wo alles böse war, was sich dort abgespielt hat, war jetzt alles ein großer Spaß, damit soll so ein Thema komplett in den Mülleimer entsorgt werden. Das ist es faktisch. Ich glaube, dass ist das verbreitete Gefühl, was ich gerade beobachte bei meinen Westfreunden, dass die sich eigentlich nicht mehr damit befassen wollen. Da hört man so Sachen wie Ost - West - ist das noch so ein Thema - nach 15 Jahren?

Richter schließt daraus,

... dass die Probleme eher größer werden und ausgestaltet werden, also die sogenannte Mauer in den Köpfen nicht eingerissen ist, sondern im Gegenteil ausgestaltet wird, ziseliert wird und angebaut wird, dass sich Haltungen verfestigen. Gerade auch im Osten.

Richter will die Welt nicht verändern, und er jammert nicht über Entwicklungen, die nicht zu ändern sind. Er beobachtet scharf, nüchtern, und voller Ironie:

Dass das mit dieser Wiedervereinigung ein schmerzhafter Prozess werden könnte, davor war gewarnt worden, und zwar seit Anfang 1990 an einer Brandmauer in der Dresdner Neustadt: "Wiedervereinigung" stand da, dann kam ein Doppelpunkt und dann die sehr unsittliche Darstellung zweier Strichmännchen, von denen das eine dem anderen von hinten sexuell zu nahe trat. Diese Schilderung der Lage ließ in ihrer Drastik eigentlich keine Fragen offen. Außer vielleicht einer. Der entscheidenden. Der Leninschen Grundsatzfrage nämlich: Wer wen eigentlich?

Die Frage bleibt offen, wenngleich der Autor keinen Zweifel daran lässt, wem seine Sympathie gehört:

Ich glaube, es ist das Problem von so Sonntagsreden, dass sehr viel zugeredet wird, sehr viel mit Nettigkeit und Höflichkeiten, die natürlich wichtig sind, damit es im sozialen Umgang damit funktioniert, aber damit werden Probleme nicht gelöst. Und deswegen war es mir fast noch wichtiger mit dem bösen oder zynischen Blick vom Westen aus in den Osten zurückzuschauen, weil ich mittlerweile auch das Gefühl habe, es traut sich auch kaum noch jemand, weil ja der Osten wie so eine Sonderzone ist, wie so ein Kind mit Brille, das man nicht schlagen darf, oder zu dem man andere Maßstäbe ansetzt. Es gibt Tabus, über die wird dann gar nicht mehr gesprochen.

Er finde Deutschland "großartig, weil es so komisch ist", sagt Richter: gewiss nicht die schlechteste Art auf die Heimat zu blicken. Eine Art jedenfalls, die zu verblüffenden soziologischen Erkenntnissen führt:

Mir kommt es zusätzlich so vor, als hätten durch die Vereinigung auch die Westdeutschen erst so richtig zu sich selbst gefunden. Dass diese ständig im Selbsthass vor sich hin taumelnde Bundesrepublik in den Grenzen von 1989 heute nicht mehr als protofaschistisches "Schweinesystem", sondern ganz überwiegend als gleichermaßen weltoffenes wie flokatikuscheliges Paradies memoriert wird - dazu hat es ganz offensichtlich erst den Osten und die Wiedervereinigung gebraucht.

Ab und zu schreibt sich Richter dann auch in Rage, beim Thema "Solidaritätszuschlag" zum Beispiel.

Ich würde heute auch lieber wieder Pakete mit schönen Dingen geschickt bekommen, statt Solidaritätszuschlag für die Kosten der deutschen Einheit und damit ja irgendwie auch der deutschen Teilung und letzten Endes also des dämlichen Krieges zahlen zu müssen. Und wenn ich von den Gewinnlern dieses Krieges weiterhin immer wieder vorwurfsvoll auf den Solidaritätszuschlag angesprochen werde, dann kann es eines Tages passieren, dass ich mal ausschließlich den zweiten Teil des Wortes beherzige.

Richter studiert in Hamburg, und er stößt auf Gemeinsames zwischen Ost und West. Kaum ein Lebensbereich, der von Richters unbestechlichem Blick nicht seziert wird, vom Sexualverhalten bis zu den Essgewohnheiten:

Diese so gern als "übersichtlich" verspotteten Teller der Prestige-Gastronomie entsprechen den leeren Lofts und kargen Wänden und schlichten Einrichtungsgegenständen, die im Westen als Symbol eines gehobenen und verfeinerten Lebensstils firmieren. Die Teller des Ostens sind mit Fleisch und Beilagen so voll gestopft wie die Plattenbauwohnungen mit Eichenfurniermöbeln. Als das Klischeebild eines westdeutschen Unternehmers längst den asketischen Manager zeigte, der in stahlblauen Anzügen sehnig durch Glastürme eilt, aßen sich die proletarischen Kombinatsdirektoren noch den Bäuchen von Manchesterkapitalisten entgegen.

"Ossis sind Türken" schrieb eine Zeitschrift im vergangenen Jahr. Der Autor zitiert und fordert umfassenden Minderheitenschutz:

Auch unser schlechter Geschmack, unsere spießigen Möbel, unsere Aggressivität, unsere Humorlosigkeit und unser Nationalismus sind Bestandteil einer schützenswerten Immigrantenfolklore.

Dies ist auch ein patriotisches Buch. Anders ausgedrückt, in Anekdoten verpackte Heimatliebe - ein Begriff, den Peter Richter durchaus gelten lässt:

So ein Leiden an der Heimat, wo man dann aber auch merkt, dadurch, dass man leidet, merkt man erst einmal, dass es einem nahe geht, dass es einem wichtig ist, das heißt, wenn ich im Westen bin, und ich höre üble Nachrichten aus Ostdeutschland, dass wieder irgendetwas nicht geklappt hat, oder fremdenfeindliche Übergriffe waren, merke ich schon, dass ich da in so eine Verteidigungsstellung schon gehe, oder dass ich darunter leide, unter diesen Nachrichten, obwohl ich dann in der Gegend, wo das passiert ist, vielleicht noch niemals persönlich war. So, das nehme ich mir sozusagen an und akzeptiere es dann als etwas, wofür ich dann auch mit verantwortlich bin, das gleiche passiert dann auch, wenn ich im Ausland bin, und die schlecht über irgendetwas reden, was in Düsseldorf ist, habe ich dann auch dasselbe Verhältnis zu Westdeutschland.

Peter Richter wollte ein ernsthaftes Buch schreiben. Heraus kam ein unterhaltsames Buch, über einen ernsthaften Gegenstand. Richters Pointen in diesem Buch gleichen den Spitzen von Eisbergen: unterhalb der leicht erzählten Geschichten liegt manches Beunruhigende. Die feuilletonistische Form ist dabei genau die richtige: dem Anspruch, den der Autor "durchaus missionarisch" nennt, tut dies keinen Abbruch. Ein lesenwertes Buch.


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