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4.4.2004
Erika Morgenstern: Überleben war schwerer als Sterben - Ostpreußen 1944 - 48
Herbig Verlag, München 2004
Vorgestellt von Dorothea Jung

Erika Morgenstern: Überleben war schwerer als Sterben - Ostpreußen 1944 - 48 (Coverausschnitt) (Bild: Herbig Verlag)
Erika Morgenstern: Überleben war schwerer als Sterben - Ostpreußen 1944 - 48 (Coverausschnitt) (Bild: Herbig Verlag)
Erika Morgenstern ist fünf Jahre alt, schaut aus dem warm geheizten Wohnzimmer ihrer Großeltern auf die weite ostpreußische Schneelandschaft bei Labiau und freut sich daran, dass die Sonne den Schnee zum Glitzern bringt. Plötzlich bemerkt sie einen kleinen Punkt am Horizont.

Dieser Punkt wurde größer, kam näher und war bald als ein Mann zu erkennen, der auf den Hof meiner Großeltern zuzulaufen schien. Er machte den Eindruck, als seien Tod und Teufel hinter ihm her. Außer Atem, Mund und Augen weit aufgerissen, betrat er die Stube und sprach den schicksalhaften Satz, der die Welt verändern sollte: "Wir müssen fliehen!"

Es ist der 28. Januar 1945. Nach diesem Tag ist nichts mehr in Erika Morgensterns Leben wie vorher. Völlig unvorbereitet wird das Mädchen aus seiner behüteten Ordnung in ein neues Leben geschleudert. Dort regiert die Panik. Es beginnt mit dem hastigen Packen, mit dem Beladen der Pferdewagen in Windeseile, mit der Flucht auf verstopften Straßen. Und es setzt sich fort in dem verhängnisvollen Entschluss der Mutter, den Flüchtlingstreck zu verlassen und nach Königsberg zurückzukehren. Gemeinsam mit Mutter und Schwester gerät Erika Morgenstern in die Endkämpfe um die Stadt.

Morgenstern: Man muss sich vorstellen, ich habe in einem wunderschönen Zuhause, in einem - wirklich - Paradies gelebt, ich dachte immer: Na ja, der liebe Gott hat auf einmal alles dieses Furchtbare geschickt. Jetzt müsste er doch eigentlich alles umändern, dass alles wieder gut und schön wird. Aber das kam eben nicht mehr; es kam jeden Tag eine andere Katastrophe und neue Angst um das Überleben. Nur Angst, nur Angst.

Das sterbende Königsberg qualmt, stinkt und nimmt den Atem. Es pfeift und knallt, kracht und donnert. Bomben, Gewehrkugeln, Mörsergeschosse, Granaten betäuben die Ohren. Das Kind nimmt Details wahr, die ihm unbegreiflich sind und sich deswegen in sein Gedächtnis brennen: Die bizarren Schuttberge neben einer weißen Gartenbank. Die verstümmelten Leichen neben dem abgerissenen Soldatenbein im Geäst eines Baumes. Die zitternden, glühenden Rauchschwaden und die Ascheteilchen im Hals. Und dann: die ersten russischen Soldaten.

Dass das Soldaten waren, wusste ich noch nicht. Vom Kampf in den Ruinen war ihre Bekleidung total verdreckt und verschmiert. Alle trugen ihr Gewehr, und bei den meisten blitzte das Bajonettmesser obendrauf, was das Ganze noch gefährlicher aussehen ließ. Auf dem Kopf trugen sie die typischen Russenmützen mit dem roten Sowjetstern auf der Stirnseite. Die seitlichen Ohrenklappen waren bei den meisten weder hoch- noch heruntergeklappt, sondern standen mittelwegs vom Kopf ab, wie die Tragflächen eines Flugzeuges.

In der Gedankenwelt der Fünfjährigen sehen diese Wesen aus wie Ungeheuer. Die verzerrte Wahrnehmung zu korrigieren, gibt es in der Folgezeit selten Anlass. Vergewaltigungen und Morde sind an der Tagesordnung. Erika Morgenstern weiß nicht so recht, was geschieht, aber sie will ihre Mutter auf jeden Fall davor bewahren.

Morgenstern: Ich sah den Russen, der das Bajonett hatte, und ich dachte: So, jetzt wird die Mutti abgeführt, weil man sie ersticht mit dem Bajonett, und ich will mit ihr sterben. Und ich soll so geschrieen haben, das haben mir hinterher andere Frauen gesagt, als wenn man mich lebendig aufgeschlitzt hätte. So fürchterlich soll ich geschrieen haben. Und wenn ich so geschrieen hab, hat so' n Russe immer vor mir ausgespuckt und ist weggegangen. So hab ich eigentlich ganz unbewusst meine Mutter verschont vor den Vergewaltigungen.

Doch ein paar warmherzige Menschen gibt es doch unter den Siegern. Auch an die erinnert sich Erika Morgenstern genau. Einmal ist sie mit ihrer Mutter unterwegs, als sie einer Gruppe sowjetischer Soldaten begegnen. Einer von ihnen kommt auf sie zu.

Morgenstern: Ein Offizier - der sagte: Wir sollen hier warten; und als er wieder zurückkam , da hatte er eine ganze Tüte mit Brotabfällen, muss man einfach sagen; Brotrinden gab er uns, das war natürlich wie Gold! Eine ganze Tüte voll Brot - wir hatten ja tagelang schon nichts gegessen; und hier bekamen wir von einem russischen Offizier eine Tüte voll Brot! Und er sagte uns: Er ist Jude.

Nachdem Königsberg eingenommen ist, verfrachten die Sieger Erika Morgensterns Mutter und ihre zwei Töchter in ein ostpreußisches Dorf zum Ernteeinsatz mit anderen Besiegten. Genauer gesagt: Zur Zwangsarbeit ohne Rechtsanspruch auf irgendetwas. Die Betroffenen mähen das Getreide für die neuen Machthaber und pflügen die Felder. Sie zupfen Rüben und ziehen Gräben, schleppen Steine und beerdigen die Toten. Niemand weiß, wie viele erfrieren oder verhungern, an Entkräftung sterben oder am Typhus.

Defacto sind diese Ostpreußen Gefangene im nicht mehr eigenen Land. Und Erika Morgenstern hat die Aufgabe, Holz für den Herd zu sammeln oder Brennnesseln für die Suppe. Zu kochen und Essen auszutragen. Jede Handlung ist darauf ausgerichtet, den Untergang zu vermeiden. In dieser Not ist wenig Raum für Humor. Es ist eine traumatische Erfahrung, die in Erika Morgensterns Seele auch heute noch Macht ausübt.

Wenn Sie danach fragen, wie ich heute lebe, dann darf ich das so sagen: Ich lebe nicht, ich werde gelebt. Meine Seele ist irgendwo in Königsberg geblieben. Und dadurch, dass ich das nun aufgeschrieben habe, ist es ja alles wieder präsent; ich erlebe es immer wieder neu. Die vielen Buchlesungen, die ich habe, das dauert jedes Mal so acht bis vierzehn Tage, bis ich wieder auf der erde zurück bin.

Das Buch "Überleben war schwerer als Sterben" ist keine große Literatur. Erika Morgensterns Text hat auch Schwächen. Zum Beispiel immer dann, wenn sie die Perspektive des Kindes verlässt und aus dem Blickwinkel einer erwachsenen Frau das damalige Geschehen mit der Gegenwart in Bezug setzt. Dann schleicht sich eine kleinbürgerliche, leicht altbackene Tonart ein, die dem Text nicht gut tut.

Man hätte Erika Morgenstern einen Lektor gewünscht, der ihr erklärt, dass die Leser vielleicht nicht wissen wollen , was die Autorin über antiautoritäre Kindererziehung denkt. Wo es doch so spannend ist, zu lesen, mit welchem verzweifelten Ernst das kleine Mädchen versucht, eine Welt zu begreifen, in der die bürgerlichen Regeln aus den Angeln gehoben sind. Wenn die Autorin ganz bei der Wahrnehmung des Kindes bleibt und einfach nur kund tut, was sie erfährt, dann berührt sie uns. Dann ist Erika Morgensterns Text ganz unmittelbar und dicht. Und deswegen sind dem Buch viele Leser zu wünschen.

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