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9.4.2004
Gerd R. Ueberschär: Stauffenberg. Der 20. Juli 1944
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
Vorgestellt von Jochen Thies

Gerd R. Ueberschär: Stauffenberg. Der 20. Juli 1944 (Coverausschnitt) (Bild: S. Fischer Verlag)
Gerd R. Ueberschär: Stauffenberg. Der 20. Juli 1944 (Coverausschnitt) (Bild: S. Fischer Verlag)
In diesem Jahr jährt sich das gescheiterte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 zum sechzigsten Mal. In zehn Jahren wird es so gut wie keine Zeitzeugen mehr geben. Auch aus diesem Grund ist in den nächsten Wochen mit einer wahren Flut von Veröffentlichungen zu rechnen. Den Anfang macht der Freiburger Militärhistoriker Gerd Ueberschär mit seinem Stauffenberg-Buch. Es besteht aus mehreren Teilen: u.a. einer Chronik des 20. Juli 1944, den Umsturzplänen der Militärs, den diversen Schauplätzen, biographischen Skizzen und der Reaktion der Bevölkerung. Zum folgenreichen Scheitern des Attentats in der Wolfschanze schreibt Ueberschär:

Rückschauend zeigte sich, dass es ohne den Tod Hitlers nicht möglich war, die "Walküre" - Maßnahmen erfolgreich als Instrument für den militärischen Umsturzversuch von oben einzusetzen und zu nutzen. Der Plan war zweifellos genial. Er offenbarte allerdings seine Schwäche in dem Moment, als es nicht gelang, Hitler auszuschalten, da er auf das starre System von Befehl und Gehorsam sowie auf eindeutig definierten Befehlsgebern aufgebaut war, das dann aufgrund des Überlebens des Diktators nicht durchbrochen werden konnte. Insofern war es höchst verhängnisvoll, dass Stauffenberg vor der Lagebesprechung bei Hitler aufgrund der Störung durch einen Unteroffizier, der zur Eile drängte, statt der zwei mitgebrachten Sprengstoffpakete nur einen Teil mit Zündung in seine Aktentasche legte, so dass die Sprengwirkung in der Baracke zu schwach war.

Erfolgreicher als in Berlin verlief der Umsturzversuch im besetzten Paris. Gerd Ueberschär berichtet:

Mittlerweile hatte um 22.30 Uhr die Besetzung der SS- und SD-Unterkünfte begonnen. Der höhere SS- und Polizeiführer Frankreich, SS-Gruppenführer Oberg, und der höhere SD-Führer, SS-Standartenführer Dr. Helmut Knochen, wurden verhaftet. Gegen 23.00 Uhr war der Schlag gegen SS, SD und Gestapo gelungen. Die SS- und Polizeiverbände wurden ohne Gegenwehr entwaffnet und in die Pariser Gefängnisse, u.a. in Fresnes, eingeliefert. Es befanden sich letztlich 1200 SS- und SD-Angehörige im Gewahrsam der Heeresstellen. Dies war ein beeindruckender Erfolg zugunsten des Staatsstreichs.

Ein deprimierendes Kapitel am Tag des gescheiterten Attentats auf Hitler und in den Tagen danach: die Haltung der deutschen Bevölkerung, die die bevorstehende Katastrophe des Landes verdrängte. Die Mitarbeiter von Propagandachef Josef Goebbels schwärmten aus und brachten diese Eindrücke in der Sprache der damaligen Diktatur zurück:

Danach ließen alle Berichte über die stimmungsmäßigen Auswirkungen des 20. Juli erkennen, dass die Verschwörer 'das Gegenteil von dem erreicht haben, was sie planten. Die Treue zum Führer und seine Verehrung ist hierdurch nur noch größer und die Verbundenheit zwischen Volk und Führung noch fester geworden. (...) Das Bekenntnis zum Führer ist bei allen Volksgenossen wieder zur Kraft geworden und gibt ihnen einen starken Auftrieb (...) Und dieses Gefühl (...) hat jeden einzelnen in seinem Willen zum Durchhalten noch gestärkt. Das ganze Volk ist jetzt gewillt, sich noch entschlossener für die Fortführung des Krieges bis zum Sieg mit allen seinen Kräften einzusetzen.' Man billige deshalb nun auch 'vollauf die schärfere Totalisierung des Krieges'. Ganz offensichtlich bestimmte das Gefühl, angesichts des mächtigen militärischen Druckes durch die Kriegsgegner an allen Fronten unter allen Umständen im Abwehrkampf zusammenstehen zu müssen, die grundsätzliche Haltung im Sommer und Herbst 1944.

Noch beklemmender die spontanen Kundgebungen, über die Ueberschär zu berichten weiß:

"Insgesamt wurde 'die überaus große und herzliche Teilnahme an den spontanen Treuekundgebungen', die sehr oft alle Erwartungen der NS-Bewegung übertrafen, sogar als eine 'unbewusste Volksabstimmung' zugunsten Hitlers und seines Regimes gewertet. Es passt in dieses für Hitlers Herrschaft positive Bild, dass zudem von der Bevölkerung und vielen Truppenteilen als sichtbarer Ausdruck 'ihrer Freude über die Errettung des Führers am 20. Juli' zahlreiche namhafte Geldbeträge gespendet oder 'durch freiwillige Sonderschichten in den Betrieben' erwirtschaftet und zur Verfügung gestellt wurden. Goebbels kam folglich zu dem Ergebnis, der 20. Juli habe wie ein Stichtag unserer Wiedererhebung' gewirkt: Von da ab habe 'das deutsche Volk wieder zu sich selbst zurückgefunden'."

Somit bleibt am Ende von denen, die am 20. Juli alles gaben und scheiterten, die Aussage von Henning von Tresckow gegenüber Stauffenberg: Das Attentat muss erfolgen, coute que coute. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat.
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