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11.4.2004
Christoph Keese: Rettet den Kapitalismus. Wie Deutschland wieder an die Spitze kommt.
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2004
Vorgestellt von Dieter Jepsen-Föge

Christoph Keese: Rettet den Kapitalismus. (Coverausschnitt) (Bild: Hoffmann und Campe)
Christoph Keese: Rettet den Kapitalismus. (Coverausschnitt) (Bild: Hoffmann und Campe)
"Wie wahr!" möchte man immer wieder ausrufen. Deutschland - jedenfalls sein westlicher Teil - hat mit seinem Wirtschaftswunder Jahrzehnte lang die Welt beeindruckt, galt als Modell. "Soziale Marktwirtschaft" hieß die rheinische Variante des Kapitalismus. Aber heute darf man kaum noch laut sagen, dass sie erfolgreich war. Heute provoziert niemand mehr, der "Nieder mit dem Kapitalismus" ruft, dafür aber der, der fordert: "Rettet den Kapitalismus". Das tut Christoph Keese, Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" und Angehöriger des starken Jahrgangs der heute Vierzigjährigen.

"Kapitalismus" - das Wort hat einen denunziatorischen Klang. Deshalb gebrauchen es wohl nur die Gegner dieser Wirtschaftsordnung. Christoph Keese ist kaum zu widersprechen, wenn er Umfragen zitiert, nach denen der Kapitalismus heute als größtes Risiko für eine Gesellschaft erscheint, nicht aber als verlockende Vision:

In den Augen vieler Deutscher ist Kapitalismus unmoralisch und muss vom Staat nach Kräften gebändigt werden ... Der Zweifel am System ist zum Volkssport geworden. Je aggressiver jemand die Marktwirtschaft attackiert, desto mehr Leute hören ihm zu. ... Anti-Kapitalismus ist geltende Staatsreligion. Wer dagegen aufbegehrt, muss reaktionär, blind oder beides zusammen sein.

Da klingt es schon provozierend, wenn Keese dagegen hält:

Keine andere Wirtschaftsordnung bringt so vielen Menschen Wohlstand wie der Kapitalismus, keine andere schafft ähnlich schnell und umfassend Gerechtigkeit, daheim und rund um die Welt. Deutschland sollte eine kapitalistische Republik werden und stolz darauf sein. Besonders die politische Linke muss entschieden für Kapitalismus eintreten, denn nur er erfüllt linke Forderungen wie Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Selbstverwirklichung, Einheit von Mensch und Arbeit sowie Teilhabe an der Macht.

Das Buch passt wie ein Kontrastprogramm zu den Demonstrationen der Gewerkschaften und anderer Gruppen, die die aktuelle Politik als unsozial geißeln und glauben, mehr Arbeitsplätze durch weniger Arbeit für alle zu schaffen und mehr Wohlstand durch Umverteilung von den Reichen zugunsten der Armen. Weil aber am vergangenen Wochenende eine halbe Million Menschen denen applaudierten, die diese simplen Verheißungen als Lösung der aktuellen Probleme verkünden, ist Keeses Buch nicht nur provozierend anders, sondern erhellend und wichtig. Denn der Autor belegt an sehr konkreten aktuellen Beispielen, warum es mit Deutschland wirtschaftlich stetig bergab geht und wie es mit einer marktwirtschaftlichen Politik wieder aufwärts gehen könnte.

Aktuelles Beispiel: Siemens-Chef von Pierer erwägt die Verlagerung von mehreren tausend Arbeitsplätzen nach Osteuropa und Asien, wenn nicht in Deutschland selber durch flexiblere und zum Teil auch längere Arbeitszeiten billiger produziert werden kann. Christoph Keese zeigt, weshalb Unternehmen nicht in Deutschland, wie sie es wollten, Arbeitsplätze geschaffen haben, sondern im Ausland: Nämlich wegen des Widerstandes der Gewerkschaften und der Überregulierung, die schnelles und konkurrenzfähiges Handeln erschweren. Am Beispiel Infineon kommt Keese zu dem Schluss:

Die Jobs, die jetzt nach Osten abwandern, hätten in München oder Regensburg entstehen können, doch aus Bequemlichkeit lehnten die Deutschen ab.

Vom Einzelfall aufs Ganze gesehen:

Nicht wegen der Globalisierung, nicht durch äußere Einflüsse und ungünstige Umstände, auch nicht, weil es keine Arbeit mehr gibt, sondern weil Deutschland aus freiem Willen stagniert, alles vermeidet, was Wachstum bringt und ständig Chancen für mehr Arbeit ausschlägt. Aufstieg und Fall heißt die Alternative - und als wollten sie sich selbst quälen, wählen die Deutschen sehenden Auges den Fall.

Die Zeugen, die Keese zitiert, klingen nicht weniger deutlich, z.B. der Manager Wolfgang Reitzle, heute Vorstandsvorsitzender des Linde-Konzerns:

Dieses Land organisiert für die nächste Generation den Staatsbankrott.

Oder der erfolgreiche Porsche-Chef Wendelin Wiedeking:

Wir leben über unsere Verhältnisse. Selbst wenn der Staat keine Schulden mehr machen würde, würden wir noch immer auf Kosten künftiger Generationen leben. Den größten Teil des Kuchens, den die Volkswirtschaft produziert, konsumieren wir sofort.

Keeses eigene Schlussfolgerung:

Dass die Bundesrepublik lahmt, liegt an ihrer Reformunfähigkeit, den starren Regeln, den Fehlern der Wiedervereinigung und an der Unlust vieler Bürger, erfolgreicher zu sein und mehr zu arbeiten.

Christoph Keese belässt es nicht dabei, zu belegen, dass der Kapitalismus besser als andere Wirtschaftssysteme Wachstum und Wohlstand schafft. Er behauptet auch, was die Kritiker vor allem bestreiten, dass Kapitalismus auch Gerechtigkeit bringt. So untersucht er die These, die wie ein Allgemeinplatz immer wiederholt wird: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die Fakten belegen das Gegenteil: Die Zahl der Menschen, die an Unterernährung und Hunger leiden, sinkt, obwohl die Bevölkerung rasant zunimmt. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird nicht größer, sondern kleiner. Keese zitiert Studien der Vereinten Nationen und singt ein Loblied des Freihandels:

Wer seine Grenzen öffnet, bekommt die Belohnung laut Studie bereits kurze Zeit später in Form von Dynamik. Und wer sie danach wieder schließt, fällt bald in die alte Trägheit zurück. Offene Staaten sind stabiler und bieten ein sichereres Leben.

Was auf internationaler Ebene gilt, trifft erst Recht in Deutschland selber zu. - Nun treibt Christoph Keese nicht nur der Ehrgeiz, zu sagen, was und warum es schlecht ist. Er will, dass es wieder besser wird, durch mehr Anstrengungen, mehr Mut, mehr Arbeit, mehr Geburten und mehr Zuwanderer zum Beispiel.

Dann, so macht er Hoffnung, kann Deutschland wieder werden, was es einmal war, das Land der Ideen, die Jobmaschine und der Wachstumsmotor Europas.

//In fünfundzwanzig Jahren kann Deutschland das schaffen. Die Deutschen müssen nur wollen."

Zitat und Buch-Ende. Aber ob sie das wollen?
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