BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
12.4.2004
Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte
C.H. Beck Verlag, München 2004
Vorgestellt von Peter Merseburger

Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte (Coverausschnitt) (Bild: C.H. Beck Verlag)
Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte (Coverausschnitt) (Bild: C.H. Beck Verlag)
Er ist einer, der zwei Kulturen in sich trägt - und gerade das macht die Besonderheit seiner großen Essays und Analysen aus: da ist nichts von jener Deutschbezogenheit und Nabelschau, die heimischen Kritikern unserer gegenwärtigen deutschen Misere nur allzu oft anzukreiden ist. Was der ehemalige deutsche Professor und Soziologe schreibt, der 1968 mit Rudi Dutschke diskutierte, sich vor einem Vierteljahrhundert für Großbritannien entschied und jetzt als Lord im britischen Oberhaus sitzt, passt schlecht in das Denken des deutschen mainstreams, vor allem, wenn es um Europa geht. Er zählt nicht zu jenen Europa-Idealisten, die von einem europäischen Staatsgebilde träumen, das sich demokratisch ohnehin nicht kontrollieren lässt. In früheren Jahren hat er das Wirken der machtlosen Europa-Parlamentarier in Straßburg und Brüssel polemisch eine beschämende Farce genannt, heute meint er mit dem Understatement des Wahlbriten:

Das europäische Parlament - man muss es leider sagen - ist kein effektives Instrument der Vermittlung zwischen der EU und ihren Bürgern. In der Tat hat noch niemand einen Weg gefunden, um das vielbeschworene Europa der Bürger zu schaffen, auch nicht der deutsche Außenminister mit seinen Europa-Visionen.

Für Dahrendorf gibt es - und hier mag etwas von der typisch britischen Abneigung gegen einen Brüsseler Überstaat mitschwingen - keinerlei Beispiele für wirksame demokratische Institutionen jenseits des Nationalstaats. Dieser ist für ihn nach wie vor der geeignete Rahmen, um Menschen unterschiedlicher Orientierungen oder Kulturen die gemeinsamen Bürgerrechte zu garantieren.

... der Nationalstaat und mit ihm die klassische parlamentarische Demokratie bleiben wichtig ... Entscheidende Bereiche der Sozialpolitik, der Bildungspolitik, der Innen- und Rechtspolitik, der Gestaltung der öffentlichen Sphäre bleiben national. Das heißt, dass sie prinzipiell nationalen Parlamenten und ihren Entscheidungen unterliegen.

"Der Wiederbeginn der Geschichte" heißt die Sammlung der Reden und Aufsätze aus den letzten zwölf Jahren, in denen Dahrendorf sich einmal mehr als Meister darin zeigt, das dornige Geflecht von Politik und Wirtschaft zu durchdringen. Den Titel wählte er in Frontstellung zu Francis Fukuyama, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus den weltweiten Sieg der westlichen Demokratie und das Ende der Geschichte proklamierte. Dahrendorfs Gegenthese lautet, dass mit dem Ende des Kalten Krieges die Tür endlich weit aufgestoßen wurde für Neues, für Versuche, die gelingen oder scheitern können - für den Wiederbeginn der Gesichte also, die für ihn prinzipiell offen ist. Auch wenn diese Reden und Aufsätze kein systematisches Traktat sein können, gibt es doch ein durchgängiges Leitmotiv, das den Autor als den in der Wolle gefärbten Liberalen erkennen lässt, der er war und bleibt - Karl Popper, der offenen Gesellschaft, einer liberalen Ordnung und der Freiheit verpflichtet, der er im Zweifel den Vorzug gibt vor allem anderen, auch vor Wohlfahrt und sozialer Sicherheit. Als Mann zweier Kulturen vergleicht er immer wieder Großbritannien und Deutschland, zwei Länder, die nach seinen Erfahrungen unterschiedlicher nicht sein könnten. So hätten die Briten die Herausforderung der Globalisierung und dem durch sie erzwungenen radikalen wirtschaftlichen Strukturwandel früher angenommen als die Deutschen. Doch habe das Land für eine wettbewerbsfähige Wirtschaft einen hohen, hohen Preis gezahlt - niedrige Löhne, niedrige Sozialleistungen, eine wachsende Unterklasse und soziale Desintegration. Er schrieb dies 1996 und sagte voraus, die große Strukturkrise, welche drastische Abstriche am Sozialstaat erfordere, werde auch die Deutschen nicht verschonen. Acht Jahre später schlägt diese Krise in der Tat mit voller Wucht bei uns zu, indes Britannien heute besser dasteht als wir. Galt es einst zu Recht als der kranke Mann Europas, ist es heute die Bundesrepublik, der dieser traurige Ruhm gebührt.

Strukturkrisen erfordern mit Reformen Einschnitte ins soziale Netz, und Dahrendorf sorgt sich, Wohlstandverlust könne die Menschen am Nutzen der Demokratie zweifeln lassen. Dass die große Krise von 1929 in vielen kontinentaleuropäischen Ländern, nicht aber in England und Amerika faschistisch-nationalsozialistische Bewegungen hervorgebracht hat, führt ihn zu der Erkenntnis:

Demokratie ist erst dann stabil, wenn sie von den Bürgern nicht mehr mit wirtschaftlichem Aufschwung identifiziert wird. Demokratie macht fei; sie macht nicht notwendigerweise reich. Wer glaubt, durch Demokratie reich zu werden, den wird die erste Rezession zum Zweifeln an ihren Institutionen bringen.

Es ist die Globalisierung, welche diese These auf den Prüfstand stellen wird - vor allem in Deutschland, und dort zunächst in seinen östlichen Ländern. Denn für europäische Wohlfahrtsstaaten bedeutet Globalisierung Herausforderung und Gefahr, dagegen bringt sie Millionen in Asien und Afrika, die heute in Armut und Elend vegetieren, wachsende Lebenschancen - man denke nur an China. Dahrendorf sieht auch einen neuen Wettbewerb der Systeme sich entfalten: die amerikanische Version des Kapitalismus pur könne mit den anderen Varianten des Kapitalismus friedlich konkurrieren - mit den Marktwirtschaften in Europa und mit dem asiatischen Kapitalismus des sozialen Zusammenhalts und der traditionellen Werte. Scharf nimmt er die Gefahren für die klassischen Industriestaaten ins Visier: Die Dinge seien buchstäblich außer Rand und Band geraten, eine Art torkelnder Beliebigkeit breitet sich aus. Es ist die runaway-world von Anthony Giddens, von der er hier spricht: runaway, das ist das Pferd, das ungezügelt aus dem Stall galoppiert, auch die Lokomotive, die führerlos auf den Gleisen dahinrast. Das Wort steht für die Empfindungen vieler angesichts eines explosionsartig sich ausbreitenden wirtschaftlichen Wandels.

Sorge macht ihm vor allem die wachsende Kluft zwischen einer neu entstehenden globalen Klasse etwa, die um die Welt jettet, viel Zeit in den Lounges internationaler Flughäfen verbringt und sich im Internet vergnügt. Weil sie Computer, aber keine Arbeiter braucht, steht ihr ein immer größer werdender Sektor der Ausgeschlossenen gegenüber, eine Unterklasse von wahrhaft Benachteiligten, die von Sozialhilfe, von Gelegenheitsjobs oder Gelegenheitsverbrechen leben. Die Arbeitsgesellschaft, die außer einer kleinen Mußeklasse an der Spitze und dem Lumpenproletariat am unteren Ende alles zusammenhielt, ist zerbröselt. Da Dahrendorf Arbeit auch als Instrument sozialer Kontrolle versteht, lauert für ihn hier die größte Gefahr. War es nach dem Bedeutungsverlust von Kirche, Familie und Nation nicht der Arbeitsvertrag, der dem Leben von Menschen allein noch Struktur gegeben hat? Ohne Arbeit öffnet sich jetzt eine bedrohliche Leere: Die Grundlagen der Gesellschaft lösen sich auf. Der Analytiker Dahrendorf umreißt das Problem messerscharf, doch eine Lösung zeigt er nicht. Die Umrisse einer künftigen politischen Struktur bleiben nebelhaft und ungewiss. Aber der unverzagte Liberale appelliert an uns alle, dafür zu sorgen, dass es wenn, dann nur eine Lösung in Freiheit gibt.
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge