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18.4.2004
Clyde Prestowitz: Schurkenstaat - Wohin steuert Amerika?
Artemis & Winkler im Patmos Verlagshaus, Düsseldorf 2004
Vorgestellt von Annette Riedel

Clyde Prestowitz: Schurkenstaat - Wohin steuert Amerika (Coverausschnitt) (Bild: Artemis & Winkler im Patmos Verlagshaus)
Clyde Prestowitz: Schurkenstaat - Wohin steuert Amerika (Coverausschnitt) (Bild: Artemis & Winkler im Patmos Verlagshaus)
Aus dem Amerikanischen von Stephanie Dreikauß

Für die Amerikaner ist das ein ziemlich herber Titel ...

... das ist er in der Tat. Ein Amerikaner nennt Amerika Schurkenstaat - schurkisch definiert nach Webster's Wörterbuch zu Beginn des 1.Kapitels des Buches:

Schurkisch, Adjektiv: nicht mehr gehorsam, dazugehörig oder akzeptiert, weder kontrollierbar noch verantwortungsbewusst, andersartig, ungewöhnlich schonungslos und unberechenbar.

Was viele Europäer vielleicht eher als Bestätigung ihrer Kritik an in Webster's Sinne als "schurkisch" empfundener amerikanischer Außenpolitik unter George W. Bush sehen mögen, ist für viele Amerikaner eine echte Provokation - eine von Clyde Prestowitz durchaus so gewollte Provokation:

Ich wollte die amerikanische Öffentlichkeit erreichen, insbesondere die Konservativen, die Republikaner. Ich wollte ihnen sagen: Seht her, ich habe mein halbes Leben im Ausland verbracht, mein ganzes Berufsleben in internationalen Zusammenhängen - in der Politik, in der Geschäftswelt. Lasst mich Euch zeigen, wie das, was wir tun, von außen wirkt. Wir Amerikaner sind keine schlechten Menschen, aber wir begehen manche Dummheiten.

Und die Liste der Dummheiten ist in den Augen des Autors eine lange, die mit dem amerikanischen Unilateralismus beginne und weiter gehe, mit dem, was die Welt als die typisch amerikanische Form des 'weichen Imperialismus' bezeichne.

"Damit verbunden ist die Frage nach einer Globalisierung in Form der Amerikanisierung, und ob man sich einer solchen lieber anschließen oder widersetzen sollte. Energieverschwendung und globale Erderwärmung sind zwei untrennbare Aspekte von weltweiter Bedeutung, an denen sich die Geister scheiden. Natürlich wird man auch um Israel und Palästina nicht herumkommen.

Und selbstverständlich auch nicht um die Doktrin vom Präventivkrieg - Punkt für Punkt zeigt Prestowitz, sachlich, fundiert, fast wissenschaftlich auf, dass die USA unter Bush Junior in all den genannten und noch anderen Punkten eine komplett andere Position einnehmen als viele Freunde und Verbündete der USA.

Als Nation sind wir Außenseiter. Wegen unserer Größe, die unseren Blick auf andere verstellt, und wegen unserer Macht, die uns die Annahme erlaubt, unsere Norm oder unsere Sicht der Dinge sei die weltweit führende ...

Und weiter:

Während der Rest der Welt Amerika aufmerksam beobachtet und seine Ansichten berücksichtigt, sind sich Amerikaner oft nicht einmal bewusst, dass es andere Meinungen überhaupt gibt - oder wenn doch, dann ist es ihnen egal ... Darüber hinaus machen uns unser Sendungsbewusstsein und unsere Selbstgerechtigkeit das Zuhören schwer.

Und das alles kommt, wie gesagt, von einem Konservativen, der sein Land auf dem falschen Weg sieht - beispielsweise in der Energiepolitik. Ein Schlüsselkapitel in Prestowitz' Buch ist diesem Thema gewidmet. Darin wird mit dem verschwenderischen Umgang der Amerikaner mit dem Rohstoff Öl abgerechnet. Ihre mangelnde Bereitschaft zur konsequenten Förderung alternativer Energieformen, die mangelnde Bereitschaft den eigenen Lebensstil zu ändern und mit größerer Sparsamkeit und größerer Energie-Effizienz den mit Abstand weltweit größten Pro-Kopf-Verbrauch von Benzin zu senken - das alles führe zu einer wachsenden Abhängigkeit der USA von Öl-Importen, mit entsprechenden politischen Untiefen. So werde dem unseligen Verdacht Vorschub geleistet, Amerikas Interessen in und an der Welt seien von vorhandenen oder nicht vorhandenen Ölquellen dominiert.

An das Kapitel zum Umgang mit fossiler Energie in den USA schließt das zum Thema Klimaerwärmung an. Und damit ist Prestowitz beim Klimaschutz-Vertrag von Kyoto, den die USA bekanntlich nicht unterschrieben haben, obwohl er im Verhandlungsprozess in ihrem Sinne abgeschwächt wurde.

In der Konsequenz verkörperte die Entscheidung von Kyoto fortan den umweltfeindlichen Geist der US-Regierung und wurde zum Synonym für amerikanische Verschwendungssucht, Gleichgültigkeit und Arroganz.

...und markiere damit, so Prestowitz, den Beginn des Weges Amerikas zum Außenseiter, zum 'Schurkenstaat'. Und Kyoto war nur der Anfang.

Prestowitz: Der Vertrag von Kyoto, aber auch der zur Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofs oder zum Verbot von Landminen - alle diese Verträge wurden sorgfältig ausgehandelt, oft unter Führung der USA. Aber am Ende unterzeichnen alle den Vertrag - die Deutschen, die Briten, die Japaner - nur die Amerikaner bringen es nicht über sich zu unterzeichnen. Die Botschaft, die ankommt, ist doch: Die Amerikaner glauben, dass sie etwas ganz Besonderes sind. Es gibt Regeln für Amerikaner und dann gibt es andere Regeln für den Rest der Welt. Wenn wir durch die Gegend laufen und überall verkünden, dass wir besser sind als alle anderen, werden wir nicht viele Freunde haben!

Das Gleiche gelte für Atomwaffentests, beim Vertrag zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, beim Thema Handelsfreiheit genauso wie beim Thema Subventionen. Amerikaner lebten nach der Devise: Macht nicht, was wir machen - macht, was wir sagen.

Amerika, so Clyde Prestowitz' Fazit, bekäme es weit besser, wenn es auch und gerade in Zeiten des zunehmenden internationalen Terrorismus statt auf eine Doktrin der absoluten Sicherheit durch militärische Überlegenheit auf Dialog setzte; statt auf den alten Unverwundbarkeitsanspruch auf Respekt; statt auf Dominanz allüberall auf Akzeptanz anderer Traditionen, Sitten, Werte; statt auf mehr Macht für die USA auf mehr Teilhabe des Rests der Welt.

Es wird sich mehrfach auszahlen, wenn andere unsere Macht als ungefährlich betrachten, wenn wir unsere Macht verringern, wenn wir andere wie Erwachsene behandeln, wenn wir Kooperationsbereitschaft zeigen und Verantwortung abgeben.

Das Buch ist übrigens in den USA auf den Bestsellerlisten und hat zu heftigen und zu nachdenklichen Diskussionen geführt.


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