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25.4.2004
Heinrich August Winkler (Hrsg.): Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland
Wallstein Verlag, Göttingen 2004
Vorgestellt von Johannes Willms

Heinrich August Winkler (Hrsg.): Griff nach der Deutungsmacht (Coverausschnitt) (Bild: Wallstein Verlag)
Heinrich August Winkler (Hrsg.): Griff nach der Deutungsmacht (Coverausschnitt) (Bild: Wallstein Verlag)
Zur Eigenart der Vergangenheit gehört, dass sie nicht vergeht. Voraussetzung dafür, dass ein vergangenes Geschehen nicht den Furien des Vergessens anheim fällt, ist jedoch, dass es zu einem Geschichtsbild geronnen ist, das sich als eine Deutungschiffre für aktuelle Auseinandersetzungen instrumentalisieren lässt. Dazu eignet sich jedoch nicht, wie leicht einsichtig, die gesamte Vergangenheit.

Lediglich bestimmte Schlüsselereignisse werden zu Geschichtsbildern mystifiziert. Solche etwa, in denen die Frontensysteme unterschiedlicher politischer und ideologischer Geltungsansprüche aufeinander stießen und sich in kriegerischen oder revolutionären Auseinandersetzungen entluden. Oder ein Geschehen, bei dem in geschichtsteleologischer Sicht eine Entwicklung zu ihrer vermeintlichen Vollendung kam.

Im einen wie im anderen Fall, und das ist das zum weiteren Entscheidende, gibt es Sieger und Verlierer, die das jeweilige Schlüsselereignis aus unterschiedlicher Sicht erinnern und diese Interpretation als Argument in Auseinandersetzungen bemühen, die sich mit jenem Geschehen in einen irgendwie gearteten Zusammenhang bringen lassen.

Für diese Praxis, die sich seit der Französischen Revolution beobachten lässt, hat sich erst jüngst der Begriff "Geschichtspolitik" eingebürgert. Was dieser Begriff meint, das hat der Neuzeithistoriker Heinrich August Winkler in der Einleitung des von ihm herausgegebenen Sammelbands "Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland" elegant mit den Worten beschrieben:

Alle Geschichte ist eine Geschichte von Kämpfen um die Deutung von Geschichte: So könnte man frei nach Marx und Engels sagen. Wer über historische Deutungsmacht verfügt, übt unmittelbar auch politischen Einfluss aus. Je stärker eine Richtung ihre Sicht von Geschichte durchsetzt, desto näher kommt sie dem Zustand der kulturellen Hegemonie. Dahin zu gelangen ist ein Ziel aller politischen Richtungen.

Allerdings unterliegen auch Geschichtsbilder der Nemesis ihrer Verzeitlichung, und manches, was die Gemüter einst erhitzte und heftig miteinander streiten ließ, muss heute erst historiographisch aufbereitet werden, will man eine Vorstellung von der Brisanz erhalten, die sie einst bargen. Das gilt sicherlich für die meisten der zehn Geschichtsbilder, die in diesem Band vorgestellt werden, der damit erstmals ein bislang weithin sträflich vernachlässigtes Feld bestellt: das der ideologiekritischen Würdigung von Geschichtsbildern, die nicht zuletzt auch das Meinen und Urteilen von Historikern beeinflussten, die neben Politikern und Publizisten auch einen erheblichen Beitrag zu ihrer Ausgestaltung leisteten.

Für alle Geschichtsbilder, die in Deutschland für eine Geschichtspolitik genutzt wurden, ist charakteristisch, dass sie sich einem nationalhistorischen Tunnelblick verdanken. Das kann nicht überraschen, denn die "verspätete Nation" ist bis heute, wie die aktuelle Kontroverse um den "Aufbau Ost" zeigt, noch immer nicht mit sich ins Reine gekommen.

Das erklärt gleichzeitig aber auch, dass die meisten der Geschichtsbilder, die das Reich, die Befreiungskriege oder den Konflikt zwischen demokratischer Revolution und monarchischer Ordnung, der sich von 1848 bis in die krisengeschüttelte Weimarer Republik hinzog, zum Gegenstand hatten, seit der Katastrophe von 1933 bis 1945 obsolet geworden sind. Mehr als fünfzig Jahre erfolgreicher demokratischer Entwicklung, die Hand in Hand ging mit einem beispiellosen wirtschaftlichem Aufschwung und der europäischen Integration, haben seither einen weiteren entscheidenden Beitrag geleistet, den kontroversen Gehalt dieser älteren Geschichtsbilder dadurch zu entschärfen, dass diese gleichsam der "Alten Geschichte" überantwortet wurden und sie damit ihre Verwendbarkeit für aktuelle politische Auseinandersetzungen schlagartig einbüssten.

Eine vorzügliche Illustration dafür liefert beispielsweise die Schilderung Robert Gerwarths des Meinungsstreits, der in der Weimarer Republik über die kleindeutsche Lösung der Bismarckschen Reichsgründung von 1871 entbrannte. Nachdem Österreich nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten auf seinen deutschen Staatskern reduziert worden war, erhielten die einst von der 1848er Revolution gehegten liberalen Träume einer "großdeutschen" Antwort auf die deutsche Frage neuen Auftrieb. Das war der Anlass für die Kontroverse zwischen Rechten und Liberalen, die ein Grundkonflikt der ersten deutschen Republik war:

Die Leidenschaftlichkeit, mit der alle beteiligten Seiten auf der Richtigkeit ihrer Geschichtsdeutung beharrten, erwuchs aus einer einfachen Erkenntnis: Nur wer die Vergangenheit auf seiner Seite wusste, konnte für seine Politikkonzepte in der Gegenwart historische Legitimität beanspruchen. Um eine adäquate historische Bewertung der Reichsgründung ging es also nur sehr vordergründig. Es war der geschichtliche Standort der ersten deutschen Demokratie, ja die Existenzberechtigung der Republik von Weimar, die bei der Diskussion im Mittelpunkt stand.

War sie, wie die rechten Gegner der Republik behaupteten, das Resultat eines 'Hochverrats' am nationalen Gedanken, begangen durch die schon von Bismarck als 'innere Reichsfeinde' ausgemachten Gesellschaftsgruppen? Oder hatte die Verfassung von 1919 die Deutschen der Verwirklichung des großdeutsch-demokratischen Traums von 1848 einen entscheidenden Schritt näher gebracht?


Aber trotz der unbestreitbaren Historizität der Beispiele ist die im Sammelband "Griff nach der Deutungsmacht" vorgestellte Analyse deutscher Geschichtsbilder kein Glasperlenspiel, mit dem eine Reihe jüngerer Historiker ihr fachliches Können unter Beweis stellen: Unter der Patina längst vergessener Kontroversen kommen vielmehr Mechanismen und Strukturen zum Vorschein, deren Zusammenspiel auch heutige politische Auseinandersetzungen kennzeichnet, die sich ihrerseits wieder zu neuen Geschichtsbildern auskristallisieren werden, deren Wesen sich bislang erst erahnen lässt. Deshalb liefert dieser Sammelband unbeschadet seiner metahistorischen Anmutung einen wichtigen und höchst aktuellen Beitrag zur politischen Aufklärung.
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