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2.5.2004
Niall Ferguson: Das verleugnete Imperium. Defizite amerikanischer Macht
Propyläen Verlag, Berlin 2004
Vorgestellt von Brigitte Neumann

Niall Ferguson: Das verleugnete Imperium (Bild: Propyläen Verlag)
Niall Ferguson: Das verleugnete Imperium (Bild: Propyläen Verlag)
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Was die Welt jetzt braucht, ist eine auf freiheitliche Werte eingeschworene Führungsmacht, so der britische Historiker Niall Ferguson. Und er denkt dabei an die Vereinigten Staaten. Bedauerlicherweise aber leugne Amerika, das Imperium zu sein, das es tatsächlich ist. Noch gut in Erinnerung ist der Ausspruch von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu Beginn des Irak-Feldzugs: "We don't do Empire!" (Wir sind keine Imperialisten).

Ferguson: Imperialismus hat negative Aspekte, wer würde das leugnen? Es ist ganz klar ein negativ belegter Begriff und im Allgemeinen heißt es, Imperialisten sind Ausbeuter. Das ist aber nicht die ganze Wahrheit.
Wenn die Amerikaner erwarten, dass es wirtschaftliche Globalisierung gibt ohne politische Stabilität, dann wird das schief gehen. Einer der Gründe, wieso gerade die nicht entwickelten Länder außerhalb der globalen Wirtschaft stehen, ist ihre instabile politische Situation. Das wirkliche Problem Schwarzafrikas ist nicht - wie viele annehmen - das Vermächtnis des Imperialismus, sondern die Abwesenheit der Imperialisten. Wenn wir uns doch bitte einmal daran erinnern: Der Lebensstandard der Afrikaner verschlechterte sich rapide nach der Unabhängigkeit. Und das aufgrund korrupter, undemokratischer Regierungen und der daraus resultierenden Bürgerkriege auf diesem Kontinent.


Niall Ferguson zählt einige Beispiele auf: Als Sierra Leone 1965 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, war das Pro-Kopf-Einkommen der Briten nur achtmal höher als das der Bürger der ärmsten Kolonie Großbritanniens. Jetzt sei es sage und schreibe 200 Mal höher.

Auch die Bürger Indiens, Ägyptens oder des von den Briten 1920 gegründeten Iraks erlebten während der Besatzung eine Zeit relativer Stabilität, wie sie ohne die Engländer nicht möglich gewesen wäre, so Fergusons These.

Ferguson: Es ist nützlich, einen Blick zurück auf die Geschichte des britischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts zu werfen, um zu sehen, dass es neben den bekannten negativen auch positive Aspekte gibt: Imperialismus war nämlich nicht nur Sklaverei, Ausbeutung und Unterdrückung. Der Imperialismus des 19. Jahrhunderts bedeutete auch: Installation rechtsstaatlicher Organe, stabile Regierungen und freie Märkte. Und das in Gegenden der Welt, die so etwas noch nie gesehen hatten. Diese positive Seite des britischen Empire scheinen die Leute immer zu vergessen.
Heute müssen die Vereinigten Staaten die Rolle spielen, die früher die Briten innehatten. Um so die Bedingungen für wirtschaftlichen Wohlstand auch in den unentwickelten Ländern zu schaffen. So etwas kommt nicht von selbst. Es muss angeordnet werden. Und deshalb ist politische Globalisierung, die Sie, wenn Sie wollen auch Imperialismus nennen können, nicht nur notwendig, sondern gut.

Und was ist mit den Europäern? Sie sind zu sehr mit Butterbergen, Political Correctness und dem Zusammenbruch ihrer Sozialsysteme beschäftigt, als dass sie zum Partner Amerikas taugen würden, schreibt Ferguson in seinem Buch. Und in der liberalen Tageszeitung "New York Times" durfte der inzwischen zum Liebling der amerikanischen Neo-Konservativen avancierte kürzlich nachlegen: Die Europäer sind vom Untergang bedroht. Die demographische Katastrophe gepaart mit der Unterminierung wirtschaftlicher und politischer Stabilität durch islamistischen Terror könnte eine tödliche Bedrohung werden.

Zitat:
Eine junge Muslim-Gesellschaft südlich und östlich der Mittelmeergrenzen ist bereit, ein alterndes Europa zu kolonisieren.

So reißerisch das klingt, Ferguson steht mit dieser Analyse nicht allein da. Auch Hans Leyendecker, Journalist der "Süddeutschen Zeitung", spricht vom Heiligen Krieg der Islamisten, der den Kreuzzügen der Europäer vor 900 Jahren ähnele, nur mit umgekehrter Stoßrichtung. So wie Ferguson sagt auch er: Die Europäer seien realitätsblind.

Ferguson:
Was ich sehe, ist eine ziemlich seltsame Abneigung vieler europäischer Führer, die Tatsache der amerikanischen Weltmacht überhaupt nur als Realität anzuerkennen. Dies würde einschließen, auch die militärische Bedeutungslosigkeit Europas anzuerkennen. Europa ist in dieser Hinsicht völlig bedeutungslos - auch eine Tatsache, die gerne beschönigt wird.
Dabei sollten die Europäer einsehen, wie unglaublich wichtig es ist, dass die USA die Aufgabe übernommen haben, gefährliche Staaten in Schach zu halten. Wichtig auch für die Europäer. Die Bedrohung durch Terroristen betrifft beileibe nicht nur Amerika. Sondern - wie wir wissen - jedermann in der westlichen Welt.
Aber es wird natürlich die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union verschlechtern, wenn auf Dauer Antiamerikanismus die Botschaft ist, die die europäischen Wähler zu hören wünschen.

Der islamistische Terror sei die existentielle Bedrohung der westlichen Zivilisation. Ferguson aber sieht die wirklich Gefahr darin, dass die Amerikaner am Ende zu wenig Mumm haben, sich diesem Feind zu stellen. Die junge Elite des Landes, schreibt er, ziehe es nicht in die Fremde, schon gar nicht an die Front, eine Karriere im heimischen Mediensektor gelte als Non plus ultra. Amerika sei ein "strategischer Sesselhocker", ein "träger Koloss", dessen Bevölkerung zu Fettlebe und Fettleibigkeit neige. Zum Nation-Building in so genannten Schurkenstaaten seien die USA in diesem Zustand nicht geeignet.

Niall Ferguson, der vor zwei Jahren von Oxford nach New York ging, weil man ihm dort einen maßgeschneiderten und zudem gut dotierten Lehrstuhl für Finanzgeschichte anbot, sagt:

Da ich interessiert bin an der Geschichte der Macht und des Geldes, war es sinnvoll, da hin zu gehen, wo Macht und Geld sich gegenwärtig aufhalten. Und ich glaube, wer immer den Anspruch hat, die Welt von heute zu verstehen, muss zwangsläufig einige Jahre im Laufe seiner Karriere in Amerika verbringen. Denn Amerika ist das Imperium der Gegenwart. //

"Das verleugnete Imperium" ist Geschichtsbuch und politische Analyse der Gegenwart in einem. Spannend geschrieben, verständlich und provokant. Jede Seite dieses Buches ist gespickt mit originellen Gedanken und überraschenden Einsichten. Ferguson wird mit seinem neuesten Werk die festgefahrenen Positionen in der Terrorismus-, in der Irak-Diskussion gehörig durcheinander bringen. Seine Meinung mag unter europäischen Intellektuellen unpopulär sein. Aber eines ist sicher: Unter den heutigen Bedingungen einer radikal veränderten Weltlage ist Fergusons Plädoyer für ein demokratisches Imperium, an dem die Welt genesen soll, eine Sammlung bedenkenswerter Argumente.




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