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9.5.2004
Martina Rellin: Klar bin ich eine Ost-Frau! - Frauen erzählen aus dem richtigen Leben
Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2004
Vorgestellt von Jacqueline Boysen

Martina Rellin: Klar bin ich eine Ost-Frau -  Frauen erzählen aus dem richtigen Leben (Coverausschnitt) (Bild: Verlag Rowohlt Berlin)
Martina Rellin: Klar bin ich eine Ost-Frau - Frauen erzählen aus dem richtigen Leben (Coverausschnitt) (Bild: Verlag Rowohlt Berlin)
Leben heißt, sich zu bewegen und reformieren heißt verändern,

... lässt uns Petra, 51 und Kosmetikerin wissen.

Ich weiß schon, was für mich persönlich gut und wichtig ist - und wenn man das weiß, ist man zufrieden. Wenn man aber nur so tut, als ob, weil man den Eindruck erwecken möchte: Alles prima, mir geht es super - na, dann ist man zerrissen.

Alltagspsychologie auf Frauenzeitschriftniveau? Nicht ganz, denn Petra schildert ihr Leben, das keineswegs nur einem ruhigen Fluss gleicht: Es ist eines zwischen Ost und West. Ihre kleine Lebensweisheit resultiert aus der erlebten Selbstbehauptung: Die Frau ostdeutscher Herkunft hat sich in immer neuen, unvorhergesehenen Situationen bewährt und sie hat sich im Westen zurechtgefunden - ohne Hilfe von Ratgebersprüchlein aus den Erzeugnissen der westdeutschen Großverlage, die bekanntlich auf nichts weniger eingingen als auf den Fall der Mauer.

Petras Geschichte ist eine von 14, die von der Journalistin Martina Rellin in einem Sammelband protokolliert werden. Nur eines verbindet die vorgestellten Frauen: ihre Steh-Auf-Männchen-Mentalität. Das Wort Wende ist für jede von ihnen mehr als ein historischer Begriff. Da ist zum Beispiel Conny, die vormalige Diakonin, die heute einen Bio-Bauernhof führt:

Ein wesentlicher Unterschied vom Osten zum Westen ist: Wir haben die Freiheit erlebt, wie es ist, einfach anzufangen, einfach zu machen.

Tatkräftig und stolz, nachdenklich und eigen sind die ostdeutschen Frauen unterschiedlichen Alters: Eine Gastwirtin hat ein Familienhotel an der Ostseeküste in die Marktwirtschaft geführt, eine Primaballerina auf ihre Tanzkarriere verzichtet, eine Verwaltungsangestellte berichtet von ihrem Kampf gegen die Windmühlenflügel der Bürokratie - und von ihren Seitensprüngen - oder eine Bergarbeiterin von ihrer neuen Arbeit als Fotofin. Die Gebetsteppiche in Gambia, von ihr aufgenommen, weil neben den knienden Gläubigen jeweils ein Handy lag, erscheinen so plastisch, als betrachte man das Foto. Oft allerdings kommen die Damen im Plauderton vom Hölzchen aufs Stöckchen, und auch vor Banalitäten schreckt zum Beispiel die um Arbeitsplätze ringende Eisenbahnerin leider nicht zurück:

Ich finde, das ist alles sehr komplex.

Obgleich nicht jedes Detail der Erzählungen erhellend ist und andererseits viele Fragen zu den Lebensgeschichten Rätselhafterweise offen bleiben - dennoch stecken die Erfahrungsberichte voller Überraschungen und räumen mit Vorurteilen auf. Die Frauen sind engagiert, kritisch blicken sie auf ihre DDR-Vergangenheit, und sie glorifizieren ihre gegenwärtige Lage nicht. Aber sie krempeln die Ärmel auf, bleiben in Bewegung und haben bewiesen, dass sie mit Zwängen umzugehen verstehen. Viele von ihnen könnten dasselbe Resümee ziehen wie Historikerin Britta:

Meine Biografie liest sich heute ganz schlüssig und stringent - dabei habe ich oft nicht gewusst, wie es nach einem Projekt weitergeht.

Die Autorin des Bands, selbst eine Westdeutsche, die lange im Osten gelebt hat, würde all dies offenkundig gern zum "Lebensprinzip Ost-Frau" stilisieren. Sie glaubt, in den Biografien die ideale Verbindung zwischen Arbeit, Familie und Lebensfreude zu entdecken. Das ist sicher zu hoch gegriffen. Wohl aber spricht aus den individuellen Geschichten von Rückschlägen und Erfolgen eine gediegene Form der Zufriedenheit - ein angenehmer Kontrapunkt zur larmoyanten Dauerklage westdeutscher Damen, die ihr Glück in Wellnessparadiesen und Dauerdiäten suchen.

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