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16.5.2004
Grenzenlos kriminell – Die Risiken der EU-Osterweiterung - Was Politiker verschweigen
Verlag C. Bertelsmann, 2004
Vorgestellt von Sibylle Krause-Burger

Grenzenlos kriminell - Die Risiken der EU-Osterweiterung (Coverausschnitt) (Bild: Verlag C. Bertelsmann)
Grenzenlos kriminell - Die Risiken der EU-Osterweiterung (Coverausschnitt) (Bild: Verlag C. Bertelsmann)
Alle Schrecken, die den Leser von Horrorliteratur erbeben lassen, sind reine Fantasie. Doch die Bedrohungen, die Untaten, die Verbrechen, von denen Udo Ulfkottes Arbeit handelt, die sind absolut real. Sein Thema ist der aktuelle Stand der Organisierten Kriminalität, verbunden mit einem Ausblick auf das, was die wohlhabenden Mitteleuropäer, vor allem uns Deutsche, mit der Ost-Erweiterung der Europäischen Union erwartet. Um es gleich vorweg zu sagen: Ein reines Lesevergnügen ist das nicht. Aber äußerst aufschlussreich gestaltet sich diese Lektüre durchaus. Der Autor stellt sie unter einen bedrückenden Leitsatz:

Verbrechen lohnt sich. Nicht für den Mann auf der Straße oder für Amateure. Wenn aber Kriminelle in Gruppen auftreten oder Mafia Bosse als Hintermänner haben, dann drohen Gefahren, von deren Ausmaß die meisten von uns kaum Kenntnis haben.

Udo Ulfkotte, Jurist, Kriminologe, Fachmann für Fragen der Organisierten Kriminalität und des Terrorismus, langjähriger Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", hat das Thema schon in anderen sehr erfolgreichen Büchern aufgegriffen. Hier nun, in diesem Zustandsbericht zum Zeitpunkt der Osterweiterung mit ihren rosigen Aussichten für Großkriminelle, fasst er seine Einsichten und Erfahrungen so eindrucksvoll zusammen, dass der Leser schon nach den ersten Seiten darüber nachzudenken beginnt, ob er auswandern soll, oder - sofern er hier bleiben will - wie er seine Kinder vor Schaden bewahren und seine Türschlösser sicherer machen kann.

In Polen, Estland, Lettland, Litauen, Ungarn, der Tschechischen Republik, Slowenien, Slowakei, Zypern und auf Malta freuen sich jedenfalls auch Einbrecher, Autoschieber, Bankräuber, Zuhälter, Rauschgift- und Menschenhändler, Zigaretten- und Alkoholschmuggler über die neuen Verhältnisse in der Europäischen Union (...) Zu ihnen gesellen sich noch auf Einbruch spezialisierte Gruppen aus Rumänien, straff organisierte Banden von Kosovo-Albanern, vietnamesische Zigarettenschmuggler, ukrainische Menschenhändler, asiatische und lateinamerikanische Drogenkartelle, russische Zuhälterbanden ...

Will man dem Autor folgen, dann hat die Politik vor lauter Begeisterung für das hehre Ziel der europäischen Einigung vergessen, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Und Herrn Verheugen, den Erweiterungskommissar, dürften wir nicht feiern. Wir müssten ihn verdammen. Denn die Neuankömmlinge in der EU zählen nicht gerade zu den reichen Ländern. Also wird ihre Mitgliedschaft die Wohlhabenderen ärmer machen. Wir werden teilen müssen. Das ist die eine Hauptthese des Verfassers. Die andere: die Bürger der alten EU werden auch gefährdeter leben, ihre Sicherheitsvorkehrungen reichen nicht aus, die neue Staatengemeinschaft wird ein Dorado sein für die Organisierte Kriminalität. Und was hinzukommt: die osteuropäischen Kriminellen sind gewalttätiger und brutaler als der Durchschnitt ihrer mitteleuropäischen Kollegen.

Die Polizei kennt Grenzen, das Verbrechen nicht: An den neuen Ostgrenzen der erweiterten Union warten jene, die "draußen" bleiben müssen. Und die "Grenzsicherung" durch unterbezahlte und korrupte Beamte wird uns dauerhaft vor neuen Gefahren kaum abschotten können.

Udo Ulfkottes Bericht über die Organisierte Kriminalität verweilt keineswegs in abstrakten Schilderungen dessen, was auf die Altbürger der EU jetzt zukommt. Der Autor reiht Beispiel an Beispiel, sodass der Leser eine schön-schauerliche und ziemlich umfassende Schilderung dessen bekommt, was jetzt bereits im Argen liegt. Hier eine dieser schmerzlichen Geschichten, die von der Hilflosigkeit unseres Rechtsstaates im Umgang mit einem Drogenhändler künden:

Mahmoud A. reist im Jahr 1982 mit seiner Ehefrau unter Vorlage eines libanesischen Fremdenpasses nach Deutschland ein. In den Folgejahren stellte er mehrere Asylanträge, die alle abschlägig beschieden wurden. Wegen diverser Straftaten wurde er zur Ausreise aufgefordert. Abschiebungsversuche scheiterten daran, dass er keinen gültigen Pass mehr hatte - seine Staatsangehörigkeit ist ungeklärt. Seine Ehefrau, die (...) die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, erhält Sozialhilfe. Obwohl erwerbslos, verfügte Mahmoud A. ständig über schwere Limousinen (...) Von seinen Mobilfunkanschlüssen aus führte er täglich bis zu 250 Telefonate.

Eine finstere Geschichte, in der sich die Merkwürdigkeiten häufen. So wurde Mahmoud A. in einem Gerichtsverfahren von renommierten Anwälten vertreten, für deren Bezahlung er eine sechsstellige D-Mark-Summe auf den Tisch legen konnte. Da kommt beim braven deutschen Normalbürger große Freude auf.

Was also wäre zu tun? In einem der Schlusskapitel zeigt Udo Ulfkotte zwölf möglicherweise rettende Punkte auf. So fordert er etwa, beschlossene Maßnahmen gegen die Organisierte Kriminalität endlich umzusetzen; den Fahndungsdruck in allen EU-Staaten zu erhöhen oder Zeugen besser zu schützen. Doch noch ist es nicht so weit. Und so bleibt der Leser nach der Lektüre dieses Buches einigermaßen beklommen zurück. Allerdings darf er in Rechnung stellen, dass Udo Ulfkotte Journalist ist, dass Journalisten gern dramatisieren, und dass manche von ihnen es mit der Recherche nicht allzu genau nehmen. Von alledem ist diesem Text etwas anzumerken.

Ermahnen wir also, die wir uns beim zweifelhaften Genuss von Ulfkottes Bericht eine Gänsehaut geholt haben, - ermahnen wir die Politik. Bauen wir auf das journalistische, das zuspitzende Element in diesem Buch. Und schauen wir nicht zuletzt, dass ein paar zusätzliche Riegel an unsere Fenster und Türen kommen.
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