BuchTipp
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23.5.2004
Johannes Rau, Evelyn Roll: Weil der Mensch ein Mensch ist ...
Johannes Rau im Gespräch mit Evelyn Roll
Vorgestellt von Geert Müller-Gerbes

Johannes Rau, Evelyn Roll: Weil der Mensch ein Mensch ist ... (Coverausschnitt) (Bild: Verlag Rowohlt Berlin)
Johannes Rau, Evelyn Roll: Weil der Mensch ein Mensch ist ... (Coverausschnitt) (Bild: Verlag Rowohlt Berlin)
Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2004

Es gibt Bücher, die fesseln. Die lassen nicht los. Die kann man nicht aus der Hand legen, bis sie nicht bis zur letzten Zeile gelesen sind.

Bücher von Politikern gehören in aller Regel nicht dazu. Sie sind langweilig, verschweigen das wirklich Interessante und zeichnen sich zudem durch zumeist schlechte Prosa aus. Allerdings - Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nachdem Helmut Schmidt sich den Fragen von Sandra Maischberger und einer Gruppe von Schülern gestellt hat und daraus ein äußerst lesenswertes Buch hat entstehen lassen, ist Johannes Rau einen ähnlichen Weg gegangen.

Er hat sich auf ein intensives, teilweise sehr persönliches und fast schon intimes Gespräch eingelassen mit Evelyn Roll. Das ist eine beherzte Frau, eine zupackende Journalistin und eine Vertrauen fordernde und schenkende Person dazu, Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin.

Aus den vielen Sitzungen von Rau mit Roll und Roll mit Rau ist ein Buch entstanden, was spannend ist von der ersten bis zur letzten Zeile.

Und das allerspannendste ist das, was Rau nicht sagt. Zu seiner Familie befragt, äußert er mehrfach - dazu möchte ich nichts sagen. Zu Oskar Lafontaine dasselbe. Hätte Rau das Buch allein geschrieben, als Erinnerungen - nie hätte er erwähnt, was er eigentlich nicht preisgeben wollte. So aber kann man dem Intimen, dem Persönlichen, dem Privaten nachspüren und die Felder der Rau'schen Zurückgenommenheit erkennen.

Rau ist bekanntermaßen eine Art Schüler von Gustav Heinemann. Und er schildert sehr freimütig, wie er überhaupt in die Politik gekommen ist:

Ich bin einfach eines Tages, das war der 2. Dezember 1952, morgens als freier Journalist losgegangen und abends als Politiker zurückgekommen, als Kreisverbandsvorsitzender. Der Lokalchef der "Westdeutschen Rundschau" bat mich an jenem Tag, ein Interview mit Adolf Scheu zu machen, der, wie es hieß, mit Gustav Heinemann eine neue Partei gründen wollte, die Gesamtdeutsche Volkspartei. Nachmittags habe ich dann über dieses Gespräch mit Adolf Scheu einen Artikel verfasst, der erste Artikel von mir, der auf der Seite eins erschien. Er hatte die Überschrift "Heinemann-Partei wünscht keine Kommunisten". Und weil Scheu in dem Gespräch gespürt hatte, wie sehr ich mich inzwischen für Politik und für diese neue Partei interessierte, hat er mich noch am selben Abend mit zu Gustav Heinemann genommen, wo dann der Landesverband gegründet wurde. Schon war ich Gründungsmitglied, außerdem Vorsitzender und - zunächst einziges - Mitglied meines Kreisverbandes.

Nicht alles im Leben Raus war so einfach wie dieser Einstieg in die Politik. Jahrzehntelang war er Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, er war Kanzlerkandidat, fast Parteivorsitzender, er ist ein Versöhner und Menschenfänger, ein Mensch zum Anfassen und scheu zugleich, ein Pilstrinker und auch ein Mensch der Distanz.

Sehr persönlich schildert er sein Verhältnis zu Oskar Lafontaine und vor allem das Attentat, das eigentlich ihm gegolten hatte und dem - nur durch Zufall - Lafontaine fast zum Opfer gefallen wäre.

Aufsehen haben nicht alle seine Reden erregt, die er als Bundespräsident gehalten hat. Auch darüber spricht er mit Evelyn Roll. Und über Träumereien:

Als Oberstudienrat im Eigenheim wohnen, im klimatisierten Auto multikulturelle Radioprogramme genießen und am Laptop oder auf der Schreibmaschine flammende Texte gegen Ausländerfeindlichkeit für den Parteitag formulieren, das ist sehr schön. Falls hier in der Straße, in der ich mit meiner Familie lebe, Ausländer wohnen, sind sie Dirigenten oder Chefärzte, und sie sind nicht in der Mehrheit. Aber allein in einer Wohnung als Großmutter und als letzte Deutsche in einem Duisburger Haus, in allen Etagen türkische Musik, arabische Küche, fremde Lebensverhältnisse, und dann auch in der U-Bahn oder im Bus umgeben zu sein von Menschen, deren Sprache man nicht versteht, das ist etwas ganz anderes. Deshalb habe ich vor Träumereien gewarnt, davor, zu glauben, dass das Miteinander von Deutschen und Ausländern ein problemfreies Nebeneinander wäre. Wir müssen eine falsch verstandene Ausländerfreundlichkeit überwinden, die so tut, als gebe es überhaupt keine Probleme und Konflikte, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben.

Wie geht so ein Leben weiter, ein Leben nur in der Politik. Gibt es da Privates? Wünsche? Hoffnungen? Warum kandidiert Rau nicht ein zweites Mal? Er antwortet auf diese Frage sehr direkt:

Gerhard Schröder hat mich das auch gefragt: Willst du nicht mehr, weil du glaubst, dass du keine Mehrheit kriegst? Oder willst du nicht mehr, weil du nicht mehr willst? Da habe ich gesagt: Gerhard, ich sehe Helmut Schmidt, der war bis 1982 Kanzler. Ich sehe Richard von Weizsäcker, der war Bundespräsident bis 1994. Und ich sehe Walter Scheel, der war Bundespräsident bis 1974. Alle drei haben danach noch unterschiedliche Wirkungsmöglichkeiten ergriffen und ausgefüllt. Und sie konnten das tun, weil ihr Danach früh genug anfing. Ich möchte nicht noch fünf Jahre anhängen und dann vielleicht nur noch ein paar Monate leben. Sondern ich will diese Chance haben, etwas jenseits des Amtes anzufangen, auch mit dem, was das Amt mir an Möglichkeiten und Bekanntheit gegeben hat.

Man muss also gehen, so lange man laufen kann.

Dieses Interviewbuch ist so nah und dicht, so ehrlich und so lebendig, so ohne Schnörkel und so menschlich, dass es vielleicht ein Signal ist für zukünftige Erinnerungen von Politikern: Nicht langweile Schinken, sondern lesbares Leben in Buchform zu produzieren, wenn sie am Ende ihrer aktiven Karriere angelangt sind.

Rau ist es gelungen.
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