BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
31.5.2004
Elmar Theveßen: Die Bush-Bilanz - Wie der US-Präsident sein Land und die Welt betrogen hat
Droemer Verlag, München 2004
Vorgestellt von Hartmut Jennerjahn

Elmar Theveßen: Die Bush-Bilanz (Coverausschnitt) (Bild: Droemer Verlag)
Elmar Theveßen: Die Bush-Bilanz (Coverausschnitt) (Bild: Droemer Verlag)
E i n Ereignis und seine Folgen prägen die gesamte bisherige Amtszeit des 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten: der Terror des 11. September 2001 mit den Anschlägen in New York und Washington. George Bush junior wird daran gemessen, wie er und seine Administration reagiert, welche Konsequenzen sie aus diesen beispiellosen Gewaltakten gezogen haben.

Elmar Theveßen setzt sich eingehend mit diesem Kapitel amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik auseinander. Er würdigt durchaus die Entschlossenheit des Präsidenten, seiner Aufgabe gerecht zu werden:

Ohne Zweifel hat Bush sein Land in schwierigster Zeit geführt. Es war nicht einfach, eine Antwort zu finden auf die Herausforderung globalisierter Terroristen am 11. September 2001. Bush hat sich für Entschlossenheit und Härte entschieden, Unentschlossenheit und Schwäche wären den USA in dieser Zeit vielleicht zum Verhängnis geworden. Es war der einzige und auch der richtige Weg. Und es ist sicher auch ein großes Verdienst dieses Präsidenten, der dem Land in unruhiger Zeit Halt und Sicherheit gegeben hat.

Der Autor, der fast sechs Jahre als Fernsehkorrespondent in den Vereinigten Staaten gelebt und gearbeitet hat, ist urteilsfreudig. Zuweilen setzt er zu sehr auf polemische Zuspitzung, benutzt beinahe inflationär das Wort Lüge. Seine Distanz zu Bush verbirgt er nicht, schon der Untertitel ist unmissverständlich: "Wie der US-Präsident sein Land und die Welt betrogen hat".

Mit einer Fülle von Zitaten referiert der Autor die inneramerikanische Debatte zur Politik des Präsidenten, dessen Wahlsieg mit dem Makel einer fragwürdigen Stimmenauszählung im Bundesstaat Florida belastet war. Bush und sein Team, so Theveßens wiederholter Vorwurf, hätten im Wahlkampf wie später auch im Weißen Haus allzu oft auf Täuschung und Doppelmoral gesetzt. Der Präsident orientiere sich an den klaren Kategorien von "gut" und "böse", in seiner schablonenhaften Sicht gebe es keine Abstufungen, sondern "nur schwarz und weiß". Diesen Eindruck hatte Bush bereits gut eine Woche nach den Anschlägen vom 11. September selbst vermittelt:

Bush: Jede Nation, überall auf der Welt, muss sich jetzt entscheiden: entweder ihr seid mit uns oder ihr seid auf der Seite der Terroristen.

In der Außen- und Sicherheitspolitik sieht Theveßen konzeptionelle Mängel. So habe die Administration im Irak-Konflikt Fakten und Informationen, die nicht in ihr Weltbild oder in die politische und militärische Planung gepasst hätten, ausgeblendet oder verschwiegen. Schon lange vor dem 11. September und dem Irak-Krieg habe die Regierung unilaterales Handeln zu ihrem Markenzeichen erkoren. Überdies seien Signale der Bedrohung unterschätzt oder nicht erkannt worden.

Nicht die Ziele, sondern die Wahl der Mittel seien das Problem, Gewalt und Zwang würden offenbar als wirksamste Instrumente angesehen. Damit stelle Bush die westliche Wertegemeinschaft und die internationale Gemeinschaft vor eine Zerreißprobe. Theveßen erinnert an den Bericht zur Lage der Nation im Januar 2002, in dem der Präsident von der Achse des Bösen sprach, die den Frieden der Welt gefährde:

Bush: Ich werde nicht untätig bleiben, während die Gefahr näher und näher rückt. Die Vereinigten Staaten von Amerika werden den gefährlichsten Regimen der Erde nicht erlauben, uns mit den zerstörerischsten Waffen der Welt zu bedrohen.

Das Bild, das Theveßen von George Bush zeichnet, bleibt - trotz aller harschen Vorwürfe der Doppelmoral und der Täuschung - dennoch etwas unscharf. Bush trete als frommer und prinzipienfester Präsident auf. Der Autor rückt ihn in die Nähe religiöser Eiferer mit dem Hang zur Selbstgerechtigkeit. Er sei der Verbindungsmann zur religiösen Rechten in den USA. Ob Bush aus tiefster Überzeugung oder doch eher aus wahltaktischen Gründen eine christlich orientierte Politik propagiere, mag Theveßen nicht entscheiden, sondern begnügt sich mit der Floskel: "Es ist schwer zu sagen".

Als Beispiel für widersprüchliches Verhalten führt Theveßen - durchaus einleuchtend - den Umgang der Bush-Administration mit dem Komplex des Klonens und der Forschung mit embryonalen Stammzellen an:

In dieser Frage hätte Bush den selbstgestellten Anspruch seiner Regierung als moralische Führungsinstanz in der Welt verwirklichen können. Aber von den Vereinigten Staaten ging keine Initiative zu einem weltweiten Verbot des menschlichen Klonens aus, sicher auch, weil die Administration nicht einmal in der Frage der Stammzellenpolitik eine eindeutige Politik vorzuweisen hatte.

Deutlich ist Theveßens Bewertung des "mitfühlenden Konservatismus", des Konservatismus mit Herz, mit dem Bush als Wahlkämpfer und bei seiner Amtseinführung um Zustimmung warb. Der Präsident sehe sich als Versöhner zwischen arm und reich, zwischen Politik und Gesellschaft. Doch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik habe er auf eine von Industrieinteressen gesteuerte, konservative Politik gesetzt. Bush sei nicht Versöhner, sondern Spalter, habe sein Versprechen von "Ehrlichkeit und Anstand im Weißen Haus" nicht eingelöst.

Elmar Theveßen hat ein engagiertes Buch vorgelegt. Er misst die Amtsführung von George W. Bush an einem idealistischen Politikverständnis, die Realität am moralischen Anspruch des Präsidenten. Aus seiner lebendigen und streitbaren Darstellung lässt sich auch ablesen, dass Bush und seine engsten Mitstreiter machtbewusst und durchsetzungsfähig sind, ohne Selbstzweifel, dazu taktisch geschickt, wenn es gilt, innenpolitische Ziele zu erreichen und - vor allem - Wahlen zu gewinnen.






-> BuchTipp
-> weitere Beiträge