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6.6.2004
Horst Köhler: "Offen will ich sein – und notfalls unbequem"
Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg
Vorgestellt von Hans Jürgen Fink

Horst Köhler: "Offen will ich sein - und notfalls unbequem" (Coverausschnitt) (Bild: Hoffmann & Campe Verlag)
Horst Köhler: "Offen will ich sein - und notfalls unbequem" (Coverausschnitt) (Bild: Hoffmann & Campe Verlag)
Sieben Runden haben sie Ende März zusammengesessen, Horst Köhler, damals noch Kandidat des bürgerlichen politischen Lagers für die Wahl des Bundespräsidenten, und der ehemalige FAZ-Mitherausgeber Hugo Müller-Vogg. In sieben Kapitel ist das redigierte Frage- und Antwort-Spiel unterteilt, das uns mehr sagen soll über den Neuen im Berliner Schloss Bellevue.

In der Tat: Keiner seiner Vorgänger war zuvor so wenig bekannt wie der künftige Präsident, der den Direktorensessel im Internationalen Währungsfonds in Washington verließ und nun nach Hause zurückgekehrt ist. Und der folglich einen besonderen Außenblick auf dieses Land mitbringt, das er eingestandermaßen liebt und dem er mit versiertem ökonomischen Sachverstand etwas zurückgeben will, was es gerade jetzt braucht: Eine grundlegende Erneuerung in Gesellschaft und Wirtschaft an Haupt und Gliedern.

Und deshalb ist diesem Land, so Köhler, mit ein paar kleinen Korrekturen allein gewiss nicht zu helfen. Seine Rezeptur, ohne sich, sie er sagt, in die Kanzlerkandidatenfrage einzumischen, heißt: Angela Merkel:

Natürlich kann eine Partei- und Fraktionsvorsitzende auch eine gute Bundeskanzlerin werden. Sie sollte Maggie Thatcher nicht kopieren, aber bei der Tiefe und der Breite der Reformpolitik durchaus an ihr Maß nehmen.

Dabei sei die Regierung Schröder mit ihrer Agenda 2010 durchaus auf dem richtigen Wege, konzediert der Finanz- und Wirtschaftsexperte Köhler und deshalb darf sich Kanzler auch ein dickes, wenngleich schon auch zwiespältiges Lob des künftigen Präsidenten ans Revers heften:

Denn diese Kurskorrektur ist für Wählergruppen, die der SPD nahe stehen, insbesondere für die Gewerkschaften, nicht einfach zu schlucken. Insoweit demonstriert der Kanzler politischen Mut. Die "Agenda 2010" hat in ihrer Signalwirkung durchaus eine historische Bedeutung über Partei- und Koalitionsfarben hinweg.

So verwundert es nicht, dass der neue Bundespräsident auf diesem Felde seine erste und wichtigste Aufgabe sieht. Denn die Deutschen, meint er, wüssten noch gar nicht, was da in Zukunft noch alles auf sie zukommen werde, fühlten aber, so glaubt er gleichwohl, dass Reformen unumgänglich seien:

Köhler: Sie wollen die Gewissheit haben, dass es dabei gerecht zugeht, dass von allen Opfer gebracht werden. Und sie wollen besser wissen, was ist eigentlich das Ziel, der Nutzen aller dieser Veränderungen. An dieser Stelle werde ich mich und muss ich mich als Bundespräsident an diesen Diskussionen beteiligen. Denn die Politik ist nun mal durch die Wahlzyklen mehr auf kurzfristiges Agieren ausgerichtet, während wir es heute mit Strukturproblemen zu tun haben, die sehr verfestigt sind und einen langfristigen Lösungsansatz und einen langen Atem brauchen. Und deshalb werde ich daran arbeiten, dass Brücken gebaut werden zwischen den Legislaturperioden oder, wenn Sie so wollen, auch zwischen Koalitionsfarben.

Ohne Ökonomie geht es nicht, so der studierte Diplom-Volkswirt, aber, fügt er hinzu, Ökonomie ist nicht alles. Das klingt glaubhaft, nicht nur, weil der treue Schüler der Sozialen Marktwirtschaf Ludwig Erhards das Soziale dabei nachdrücklich unterstreicht. Mehr noch steht dafür sein eigener Lebens- und beruflicher Weg. Geboren am Ende des zweiten Weltkriegs im rumänischen Bessarabien, vertrieben in das von Deutschen besetzte Polen, geflohen zunächst in die Nähe von Leipzig, 1953 von dort in den Westen, mehrere Jahre in Flüchtlingslagern, ehe die zehnköpfige Familie 1957 in Ludwigsburg eine erste eigene Wohnung fand. Vom Arbeiterkind, das jede Mark zweimal umdrehen musste, zum Bundespräsidenten, das sind in der Tat Erfahrungen, die niemand einfach wegstecken könnte, ein Lebenslauf, so Köhlers eigene Worte, der deutsche Geschichte spiegelt und der auch deshalb eine Verpflichtung ist:

Wenn Sie da zurückschauen, empfinden Sie etwas mehr Demut gegenüber dem heutigen Wohlstand. Sie sind aufmerksamer gegenüber politischen Entwicklungen und möglicherweise auch in Bezug auf Werte.

Welche Werte den künftigen Präsidenten prägen und leiten, wird an zahlreichen Stellen des Buches deutlich und lässt am ehesten ahnen, was wir von unserem neuen Bundespräsidenten zu erwarten haben: Da sind die vielzitierten deutschen Sekundärtugenden, zu denen er sich uneingeschränkt bekennt: Anstand, Ehrlichkeit und Treue, Familie, Arbeitsmoral, Disziplin und Loyalität. Köhler hat sich alles hart erarbeiten müssen, nichts ist ihm zugeflogen. Anders als die 68erKinder der Bourgeoisie hatte er mit Vorlesungsstreiks, Seminarbesetzungen und Professorenbeschimpfungen nichts am Hut, auch wenn er die von ihnen ausgehenden Anstöße : Ökologie und Gleichberechtigung der Frau durchaus zu würdigen weiß. Er steht nicht an, jene Manager zu kritisieren, die nicht zu unterscheiden wissen zwischen Nutzen und Ausnutzen und die Bodenhaftung verloren haben.

Wenn in Zeiten inakzeptabler Arbeitslosigkeit , wenn in Zeiten, in denen Gehaltserhöhungen allenfalls die Inflation ausgleichen, Manager-Gehälter Größenordnungen bis in zweistellige Millionenbeträge erreichen, dann wirft das zu Recht kritische Fragen auf. Dann vermisse ich bei diesen Managern ein Bewusstsein für die Gesamtsituation.

Dass er schon mal ungeduldig werden kann, räumt Köhler ein, auch wenn er die Geschichte mit dem Briefbeschwerer, der einen Mitarbeiter treffen sollte, in das Reich der journalistischen Fabel verweist. Was er gerade macht, ist für ihn jeweils das Allerwichtigste, und zu seinen Stärken rechnet er auch, dass er nicht locker lässt. Der Staatssekretär Köhler scheute sich nicht, Kanzler Kohl im Kabinett zu widersprechen, was nur wenige Minister wagten. Dem aufbrausenden russischen Präsidenten Jelzin sagte er klipp und klar seine Meinung, und auch im Umfeld der europäischen Gipfeldiplomatie war er für seine klaren Worte bekannt. So will er auch als Bundespräsident sprechen: konkret zur Sache und so, dass es jeder versteht. Und vor allem auch übers Fernsehen.

Wer sollte ihn besser kennen als seine Frau?

Ich glaube, meiner Frau ist meine Risikobereitschaft manchmal nicht ganz geheuer und auch meine Konfliktbereitschaft.

Eins jedenfalls ist nach der Lektüre dieses Gesprächbuches klar: Mit dem Einzug des Präsidenten Köhler wird der Rau'sche Geist der Versöhnung das Schloss Bellevue fluchtartig wieder verlassen.


Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2004
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