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13.6.2004
Loretta Napoleoni: "Die Ökonomie des Terrors - Auf den Spuren der Dollars hinter dem Terrorismus"
Verlag Antje Kunstmann, München, 2004
Vorgestellt von Robert Brammer

Loretta Napoleoni: "Die Ökonomie des Terrors" (Coverausschnitt) (Bild: Verlag Antje Kunstmann)
Loretta Napoleoni: "Die Ökonomie des Terrors" (Coverausschnitt) (Bild: Verlag Antje Kunstmann)
Die finanzielle Infrastruktur des Terrors ist heute Teil der Weltökonomie. Der Geldfluss, der den Terror am Leben erhält, so analysiert Loretta Napoleoni, reicht inzwischen tief in die westliche Ökonomie hinein.

Schon die Summe, die sie nennt, zeigt das ganze Ausmaß, um das es inzwischen geht: Die Ökonomie des Terrors soll, so die Schätzungen, jährlich 1,5 Billionen Dollar ausmachen, das ist das Doppelte des britischen Bruttoinlandsprodukts.

Längst, so die Autorin, gibt es eine eigene Ökonomie des Terrors, die mit der regulären Weltwirtschaft eng verbunden ist. Aus den staatlich geförderten Rebellengruppen, von den Großmächten in der Zeit des Kalten Krieges vielerorts unterstützt, seien heute wirtschaftlich autonome und international operierende Terrororganisationen geworden.

Napoleoni schildert verdeckte CIA Operationen und die Aktivitäten von IRA oder ETA. Das entscheidend Neue sei aber, dass der Terror heute eine eigene ökonomische Basis besitze, der ihn von der politischen und finanziellen Unterstützung durch einzelne Staaten weitgehend unabhängig mache.

Als Beispiel nennt die italienische Journalistin das Unternehmens- und Finanzimperium, das die PLO im Libanon vor der Vertreibung durch die Israelis errichtet hatte.

Im Libanon legte die PLO den Grundstein für ihre wirtschaftliche und finanzielle Macht und errang die Unabhängigkeit von arabischen Geldgebern. Vorbei waren die Demütigungen der Anfangsjahre, als die PLO-Führung eine Betteltour durch die arabischen Länder antreten musste, um finanzielle Hilfe zu bekommen. Als die PLO aus dem Libanon abzog, war sie ein Finanzriese.

Als in den achtziger Jahren der amerikanische CIA islamistische Gruppen im Kampf gegen die Sowjetunion, die damals Afghanistan besetzt hielten, instrumentalisierte, schuf er damit auch die finanzielle Grundlage für den weltweiten islamistischen Terror.

Da die Kardinalregel bei der Einmischung der USA in den antisowjetischen Dschihad lautete, niemals direkt mit dem Mudschaheddin in Kontakt zu treten, delegierte die CIA die Aufgabe, die muslimischen Kämpfer mit Waffen und allem Notwendigen auszustatten, an den pakistanischen Geheimdienst ISI , der die ganze Operation von Beginn an leitete.

Auf dem Höhepunkt des Afghanistankrieges beschäftigte der ISI 150.000 Menschen. Insgesamt beliefen sich die Kosten des Krieges für die Geldgeber der Mudschaheddin auf fünf Milliarden Dollar pro Jahr. Die US-Gelder stammten überwiegend aus einer schwarzen Kasse, die das Pentagon für verdeckte Operationen nutzte und deren Inhalt von 9 Milliarden Dollar im Jahr 1987 auf jährlich 36 Milliarden Mitte der neunziger Jahre anstieg.

Gegen Ende des antisowjetischen Dschihad, so Napoleoni, blieb das mächtige Netzwerk des militärischen Geheimdienstes ISI intakt, vor allem auch, um islamistische Krieger aus Pakistan nach Zentralasien und in den Kaukasus zu schicken.

Die Destabilisierung des Kaukasus und die Entwicklung Tschetschenien zur Hochburg gegen die Russen waren Eckpfeiler der islamistischen Rebellion. Partnerschaften und Allianzen, die sich während des afghanischen Dschihad bewährt hatten, wurden bald in Tschetschenien auf Neue geknüpft.

Auf sehr unterschiedliche Weise, so Napoleoni, gelang der PLO und den Taliban in Afghanistan der Aufbau eines terroristischen Schattenstaates. Sie schildert, wie terroristische Schattenwirtschaften in Kolumbien, Indonesien, Albanien, Bosnien und im Kaukasus heute funktionieren.

Hinzukommt die Privatisierung und die Deregulierung des Kapitalmarktes. Die Ökonomie des Terrors kann sich jetzt der globalisierten offiziellen und informellen Finanzmärkte bedienen und auch die bis heute kaum regulierten Offshore-Zentren - die verharmlosend auch als "Steuerparadiese" bezeichnet werden - nutzen.

Bewaffnete Gruppen decken ihren Bedarf nicht ausschließlich durch kriminelle Machenschaften, sondern verfügen auch über legale Geldquellen. Die Anschläge des 11.September wurden beispielsweise mit sauberem Geld bezahlt. Es waren Gewinne aus regulären Geschäften, von muslimischen Wohltätigkeitsorganisationen und Moscheen gesammelte Spenden und nicht zweckgebundene Zuwendungen von Muslimen, die schließlich bei den Terrorgruppen landeten.

Schätzungen besagen, dass Bin Laden und die El Kaida heute über ein Vermögen von etwa fünf Milliarden US-Dollar und über ein Jahresbudget von bis zu 50 Millionen US-Dollar verfügen.

Das Netzwerk verfügt rund um die Welt über 80 Firmen, die der Tarnung dienen. Hinzu kommen ein komplexes System von Schweizer Nummernkonten sowie Konten im Sudan, Hongkong, Monaco, Pakistan, Malaysia und London.

Da die potenziellen Attentäter kaum wissen, wie man mit Finanzen umgeht, werden sie in der Regel von Financiers betreut, die als Mittelsmänner Gelder für terroristische Zwecke übernehmen, um sie dann in das offizielle Finanzsystem einzuschleusen.

Verschiedenen Schätzungen zufolge können die islamischen Organisationen, von denen viele mit bewaffnetet Gruppen in Verbindung stehen, auf eine Gesamtsumme von 5 bis 16 Milliarden Dollar zurückgreifen. Allein die saudische Regierung lässt ihnen alljährlich über das Religionsministerium zehn Milliarden Dollar zukommen.

Der nach den Terroranschlägen auf die USA von George W. Bush angekündigte "Schlag gegen die finanziellen Grundlagen" der Gewalttäter und ihrer Helfer erweist sich bisher als Schlag ins Wasser. Denn der finanzkriminelle Unterbau des Terrors ist im Wesentlichen ein Phänomen der nur halbherzigen Kontrolle von Institutionen und Strukturen der internationalen Geld- und Kapitalmärkte.

So gesehen ist auch der steuerhinterziehende Bürger Teil des Systems, dass sich die terroristischen Organisationen zu Eigen machen. Die Strukturen, die es ermöglichen, auf intelligente Weise über geheime Auslandskonten oder sogenannte Steuerparadiese Steuern zu hinterziehen, sichern so bis auf weiteres auch die finanziellen Transaktionen terroristischer Infrastruktur.
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