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20.6.2004
Claudia Seifert: "Wenn du lächelst, bist du schöner! - Kindheit in den 50er und 60er Jahren"
dtv, München 2004
Vorgestellt von Angelika Windloff

"Wenn du lächelst, bist du schöner!" (Coverausschnitt) (Bild: DTV)
"Wenn du lächelst, bist du schöner!" (Coverausschnitt) (Bild: DTV)
Bauernfeld 9, wie sah das damals aus? Wie soll man diese Barackenkolonie beschreiben? Es war irgendetwas zwischen Russland-Sibirien und Schrebergarten-Siedlung. Die Bewohner waren Flüchtlinge oder bunt zusammengewürfelte Menschen am Rande der Gesellschaft, eine brisante Gemengelage, und die meisten Kinder waren Jungen. (...) Das Kinderzimmer war eine umgebaute Terrasse, die mit einer eingesetzten Fensterfront geschlossen worden war. Der Fußboden war aus Holzbrettern gezimmert, direkt darunter war die nackte Erde. Es war immer feucht und klamm. (...) Wir aßen Kohlrüben oder Mohrrüben und "Wrucken", gelbe Steckrüben mit fettem Schweinebauch, Sauerkraut mit Schweinepfoten, -schnauze oder -ohren. Oder Kartoffelsuppe. Das gab es fast jeden Tag.

Die Luft hier bei uns im Ruhrgebiet war staubig und voller Rußflöckchen, mal mehr, mal weniger. Wenn der Pudding zum Abkühlen ans Fenster gestellt wurde, lag an manchen Tagen eine dünne Schicht schwarzer Flocken darauf, ein Grund zu dauerndem Ärger. Abends konnte man die Feuer der Kokereien sehen, wenn Gas abgefackelt wurde. Die Straße war unser ständiger Spielplatz. Zu den Häusern kamen verschiedene Händler, recht häufig auch Bettler oder Bettlerinnen, die anschellten und um eine Kleinigkeit baten. (...) Ab und zu kam ein einbeiniger Invalide, der Heftpflaster am Meter und Schnürsenkel verkaufen wollte. (...) Am Brotwagen kauften wir zwei Sorten Brot, Graubrot und Kassler, immer dasselbe...

Die 50er Jahre kehren zurück, im Film und im Fernsehen, in den Katalogen von Möbelherstellern, in Büchern, in den Erinnerungen der damals Geborenen. Sie richten ihren Blick auf Tütenlampen und Nierentische, auf Wirtschafts-, Fräulein- und Fußball-Wunder. Dabei schauen manche etwas verklärt auf eine Zeit, in der ihnen die Welt zwar nicht in Ordnung, doch leichter verstehbar schien. Andere wiederum blicken eher mit Zorn auf den Mief und die Enge einer Epoche, in der sie sich über alle Maßen reglementiert fühlten.

Es war eine Zeit, in der die Trümmer von Krieg und Nazi-Deutschland weder auf der Straße noch in den Köpfen der Menschen beseitigt waren; in der sich das deutsche Wirtschaftswunder West - zumindest am Anfang des Jahrzehnts - eher in der Statistik als im Leben der meisten Menschen ausdrückte und der Aufbau Ost weit weg im Land der Hoffnungen lag. Und darum geht es im Buch von Claudia Seiffert: um die 50er Jahre als Dekade der Widersprüche.

Die meisten Menschen lebten in ärmlichsten Verhältnissen. Und doch waren die 50er keine Epoche der Depression. Dazu war der Glaube an Fortschritt und an eine bessere Zukunft zu groß. Und wo die Realität wenig erfreulich war, träumten sich die Menschen mit Schlagern ins damals noch ferne Italien, wo der Himmel voller Mandolinen hing.

Claudia Seiferts Buch "Kindheit in den 50er und 60er Jahren" gehört ins Fach "erzählte Geschichte". Sieben Autorinnen aus Ost und West erzählen vom Leben in Deutschland, als trotz Teilung und Kaltem Krieg im Alltag die Gemeinsamkeiten größer waren als die Unterschiede. Schließlich wuchsen sie in allen Teilen Deutschlands im Mangel auf, an materiellen Gütern ebenso wie an Zuwendungen durch die Eltern, die zu sehr mit sich und den Kriegsfolgen beschäftigt waren, als dass sie sich den Bedürfnissen ihrer Kinder mehr als unbedingt nötig hätten widmen können.

Es war eine Zeit, deren Leitworte Pflicht und Ordnung, Sauberkeit, Leistung und Gehorsam waren. Es war, schreibt Claudia Seifert, die in analytischen Zwischentexten die Erinnerungen der Autorinnen zusammenbindet, eine "zum Fisch nur Weißwein Epoche", eine Tanzstundengesellschaft, deren Regeln das Orientierungssystem der weltkriegstraumatisierten Deutschen bildeten. Gleichzeitig verfügten die Kinder der 50er aber auch über die Freiräume einer Zeit, in der die Eltern nicht im Traum daran dachten, das Leben ihrer Kinder durchzuorganisieren.

Unter Blechdächern und im Freien lagen Koks, Eierkohlen, Holzkohle, Brikett, Schwarzes in jeder Form und Konsistenz, worin wir badeten wie heute die Kinder in den Ballkisten bei IKEA. Wir konnten uns oben auf die Berge legen und durch Körperbewegungen Mulden formen, bis wir auf der Erde angekommen waren. Wir konnten ausprobieren, wie viel mehr Koks als Brikett auf ein Kilo gehen, denn die vielen Waagen waren von besonderem Reiz. Natürlich nahmen wir nur die kleinen Waagen, denn die großen Gewichte für die Zentnersäcke waren viel zu schwer, sie ließen sich von uns nicht aus ihrer Fassung bringen, anders als Herr K., der Besitzer. (...) Er und die zwei alten Männer, die mit ihm arbeiteten, Kohlen wogen, schaufelten, trugen, verluden, fuhren, konnten nicht weniger wüten als der Bauer, wenn sie uns ebenso schwarz wie sie selbst in einem der vielen Haufen entdeckten.

"Wenn Du lächelst, bist Du schöner - Kindheit in den 50er und 60er Jahren", ein Buch, das sich einmal mehr mit der stummen Elterngeneration dieser Zeit auseinander setzt. Allerdings kommen nur Frauen zu Wort, insofern ist der Titel irreführend, zumal die Autorinnen in großen Teilen die sehr geschlechtsspezifischen Beschränkungen beschreiben, denen sie als Mädchen unterworfen waren. Über die Welt ihrer Brüder erfährt man nur wenig.

Mancher gerät der Rückblick zur Abrechnung mit abwesenden und abweisenden Vätern und mit Müttern, die ihren Männern nur wenig entgegensetzten und sich schnell wieder in ihre herkömmliche Rolle an Heim und Herd drängen ließen, selbst wenn sie berufstätig waren. Doch trotz ihrer gemischten Gefühle klingt viel Humor mit beim Rückblick der Autorinnen auf die Maximen ihrer Kindheit mit.

Damals schien mir die Welt der Männer aufregend, interessant und vielversprechend. Man konnte eine wichtige Stellung im Beruf haben, man erfuhr die Hintergründe der Ereignisse, man konnte Auto fahren und an Sportwettkämpfen teilnehmen. (...) Als kleines Mädchen dachte ich lange Zeit, dies Leben würde ich auch haben können. Auf dieses Leben wartete ich und übte schon mal mit den Zähnen zu knirschen und die Kiefernmuskeln anzuspannen wie Old Shatterhand, um meine Entschlossenheit in Auseinandersetzungen zu demonstrieren. Aber …

Kinderfotos der Autorinnen, Schlagertexte, Reklamebilder, Schlagzeilen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Zitate aus Urkunden, Gesetzestexten und den damals so beliebten Ratgeberbüchern illustrieren die Erinnerungen der Autorinnen und setzen sie in ihren gesellschaftspolitischen Kontext. Sie machen das Buch zum 50er-Jahre-Katalog, zum Durchblättern und Querlesen.

Es bietet dabei weniger grundlegend neue Erkenntnisse und Analysen dieser Zeit als vielmehr ihre Neubewertung: Anders als bei den 68ern ist der Ton der Kinder der 50er gegenüber ihren Eltern milder geworden, schwingt Respekt vor deren Aufbauleistung mit und Verständnis für die Nöte einer Generation mit, der es kaum gelingen konnte, sich ihrer Geschichte zu stellen.

Es ist ein Buch von Kindern der 50er für Kinder der 50er, die beim Lesen und Erinnern feststellen, wie sehr sich die Welt seitdem verändert hat, ein Buch für die, die wissen wollen, wie Deutschland damals aussah, wie die Menschen lebten, was sie dachten, ein Buch, das zeigt, wie lange es dauert, bis die Folgen von Krieg und Diktatur auch nur ansatzweise überwunden werden können.



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