BuchTipp
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27.6.2004
Eine Australierin und die deutsch-deutsche Vergangenheit
Anna Funder: "Stasiland"
Rezensiert von Bernd Wagner

Stasiland von Anna Funder (Bild: Europäische Verlagsanstalt)
Stasiland von Anna Funder (Bild: Europäische Verlagsanstalt)
"Wie lautet euer Urteil?" fragte der König ungefähr zum zehntenmal. "Nein, nein!" sagte die Königin, "zuerst die Strafe, dann das Urteil!"

Diesen Dialog aus "Alice in Wonderland" schickt Anna Funder ihrem Buch voraus und bezeichnet damit das sie im Osten Deutschlands beschleichende Gefühl: jeder Mensch, gleich ob wir ihn als Opfer oder Täter oder gar nicht bezeichnen, büßt eine Schuld, die vor allem darin besteht, dabei gewesen zu sein.

Was aber bringt eine junge Australierin dazu, sich im Jahr 1996 auf derart vermintes Gelände zu begeben und mehr als den üblichen Touristenblick darauf zu werfen? Nun, Jahre zuvor, als die Mauer noch stand, hatte sie als DAAD-Studentin einige Flüchtlinge aus dem Osten kennen gelernt, und muss von ihnen verzaubert worden sein.

Jetzt macht sie sich auf die Suche nach dem Geheimnis dieser untergegangenen Gesellschaft und hat sich dazu die Erhellung ihres dunkelsten Kapitels, die flächendeckende Überwachung der Bevölkerung durch die Staatssicherheit zum Leitfaden gewählt. Sie bezieht Quartier im "Linoleumpalast", einer heruntergekommenen, halbleeren Wohnung unweit der Ackerhalle, und versucht, von dort aus alte Kontakte wieder aufzunehmen und neue zu knüpfen. Alice, als Journalistin getarnt, besucht Museen und Bürgerbüros, die Gauckbehörde in Berlin und die "Puzzlefrauen", die in Nürnberg die zerschredderten Stasiakten wieder zusammenfügen, sie trifft prominente und unbekannte Opfer und annonciert in der Zeitung: "Suche ehemalige Stasi-Offiziere und Inoffizielle Mitarbeiter für Interview. Publikation auf Englisch, Anonymität und Diskretion zugesichert."

Dabei ist für den damit vertrauten deutschen Leser nicht der zusammenfassende Rückblick von besonderem Interesse, sondern der alltägliche Wahnsinn in den mitgeteilten Lebensgeschichten. In Leipzig trifft sie auf Miriam, die als Sechzehnjährige Flugblätter gegen die Sprengung der Universitätskirche gedruckt und verteilt hat, einen Monat lang in einer Einzelzelle zubringt und nach ihrer Entlassung nach Berlin fährt, um über die Mauer in den Westen zu flüchten. Es ist der letzte Tag des Jahres 1968, über dem Grenzstreifen an der Bornholmer Straße explodiert das Silvesterfeuerwerk. Sie hat den ersten Stacheldrahtzaun überwunden, lange einem Wachhund gegenübergelegen, bis er, weil sie sich nicht bewegte, abzog.

Sie kletterte auf den letzten Stacheldrahtzaun, um auf die Mauer entlang der Bahnstrecke zu gelangen. Von dort konnte sie den Westen sehen - glänzende Autos und beleuchtete Straßen. Sie konnte sogar die Polizei im Westen in ihren Wachhäusern sitzen sehen. Die Mauer war breit. Ungefähr vier Meter musste sie darauf zurücklegen und dann unter einem kleinen Geländer durch. Das war alles. Sie konnte es kaum glauben. Die wenigen letzten Schritte wollte sie laufen, bevor man sie schnappte.

"Das Geländer war wirklich nur so hoch", sagte sie und hielt eine Hand auf Oberschenkelhöhe, "und ich musste bloß darunter durch. Ich war so vorsichtig gewesen und so langsam. Jetzt dachte ich: Du hast nur noch vier Schritte, LAUF, bevor sie dich kriegen. Doch hier" - sie kritzelte ein X, wieder und wieder, auf die Karte, die sie mir gezeichnet hat -, "hier war ein Stolperdraht." Die Stimme ist ganz sanft. Wieder und wieder kritzelt sie das X, bis ich glaube, das Papier müsse gleich reißen. "Ich habe den Draht nicht gesehen."
Heulend gingen die Sirenen los.

Die unbelastete Fremdheit der Autorin bringt die Zeugen zum Sprechen, ihre Fähigkeit, bei aller Faszination nicht den genauen Blick zu verlieren, macht ihre Protokolle zu Studien, die die Menschen in ein so beunruhigend klares Licht tauchen, wie es nur die Kunst vermag. Sie werden zu den Akteuren eines absurden Theaters, in dem sie allerdings blutigernste Rollen zu spielen haben. Die unterschiedlichen Episoden und Zeitebenen fügen sich zu einem Erzählfluss von nie nachlassender Intensität, der zusammengehalten wird von dem der nüchternen Verwunderung der Alice so verwandten Blick der Autorin. Alles geht durch sie hindurch, und besonders die scheinbar unwesentlichen Details sind es, die ihre Worte so glaubhaft und lebendig machen: Wenn sie an einer Bushaltestelle beobachtet, wie die Halbwüchsigen zum Küssen den Kaugummi aus dem Mund nehmen, wenn sie von einer Toilettenwärterin erfährt, dass sie noch nie im Ausland war, aber gern nach China fahren würde, um "mal einen Blick auf deren Mauer zu werfen", wenn sie Karl-Eduard von Schnitzler gegenüber sitzt und vor Verlegenheit in ihrem Rucksack kramt, auf dessen Grund sie nur Taschentücher "in unzumutbaren Varianten" findet.

Auf ihre Annonce haben sich einige frühere Schild- und Schwertträger der Partei gemeldet, die aus ihrem Wissen nicht nur Profit schlagen wollen. Sie behandelt sie alle mit der gleichen Zuvorkommenheit. Sie wollen reden, sie wollen klarstellen, sie wollen ihre so lange ins Dunkel verbannte Arbeit öffentlich machen. Einer davon heißt Bock und wohnt noch heute gegenüber seiner ehemaligen Arbeitsstelle, der Juristischen Hochschule des MfS in Golm.

Herrn Bocks Wohnzimmer ist überwältigend beige und braun: braunes Linoleum und dunkle Furnier-Schrankwand, eine braune Couch, auf der Herr Bock sitzt, getarnt in einer beige-braunen Acryl-Strickjacke mit Salinomuster. Er trägt eine dicke, viereckige Brille mit Gläsern, die ihm Unterwasseraugen machen, und hat vorstehende Zähne. Über seiner Oberlippe hängt ein Schnurrbart. Seine Stimme ist so leise, dass ich mich zu ihm hinbeugen muss.
"Sie dürfen meinen Namen nicht benutzen", sagt er zur Eröffnung des Gesprächs.
Ich bin einverstanden.
Entspannt lehnt er sich auf seiner Couch zurück und beginnt zu dozieren. Das Ministerium war in zwei Hauptabteilungen unterteilt, die innere, genannt "Abwehr", und die äußere, "Aufklärung". Er unterrichtete einen Kurs für Stasi-Leute, die für die Abwehr arbeiten sollten... Wie eine Studentin mache ich mir Notizen. Herr Bock umreißt jede Abteilung der Abwehr...
"Nehmen wir als ein spezifisches Beispiel die Abteilung Kirche", sagt Herr Bock... "Alle unsere Leute mussten theologisch geschult werden, damit sie als Mitglieder der Kirchen, die sie infiltrierten, durchgingen." Er schlägt die Beine übereinander, ein Fußgelenk aufs Knie. "Wie haben wir das gemacht, werden Sie sich vielleicht fragen?" Er schnippt mit den Fingern. "Antwort: Wir gingen in die theologischen Kollegien und warben die Studenten selbst!" Er reibt sich die Hände. Ein Geräusch wie raschelndes Papier.

Zum Glück kam Anna Funder aus Australien, um uns mit freundlicher Geste den Spiegel vorzuhalten. Ein einheimischer Autor hätte sich wohl nicht nur, wie sie, mehr als zwanzig Absagen bei den deutschen Verlagen eingehandelt, sondern wäre ungedruckt geblieben.
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