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4.7.2004
Michael Rutschky:"Wie wir Amerikaner wurden - Eine deutsche Entwicklungsgeschichte"
Ullstein Verlag, Berlin/München 2004
Rezensiert von Alan Posener

Michael Rutschky: Wie wir Amerikaner wurden (Bild: Ullstein Verlag)
Michael Rutschky: Wie wir Amerikaner wurden (Bild: Ullstein Verlag)
Ach nein, nicht noch so ein Buch, denkt man beim Anblick des Umschlags. Die Stationen des westdeutschen Wegs nach Westen sind uns inzwischen so bekannt wie die täglichen Bushaltestellen. Der schwarze GI mit Schokolade und Lucky Strike, Benny Goodman mit seinem Swing, Elvis Presley mit seinem Hüftschwung, Marilyn Monroe mit ihrem. Nein, wir wollen nicht noch einmal die Geschichte der 68er Generation nacherzählt bekommen als Saga ihrer heldenhaften Niederlage gegen die Soft Power der USA. So kommt zwar Michael Rutschkys Buch "Wie wir Amerikaner wurden" auf den ersten Blick daher; aber Rutschky ist denn doch zu klug, ein nostalgisches Erinnerungsalbum der Generation Bravo abzuliefern. Stattdessen bietet er ein Road Movie, ein flanierendes deutsches Selbstgespräch vor amerikanischem Hintergrund, bei dem es um die Frage geht, ob wir wirklich Amerikaner geworden sind; und was das bedeuten könnte.

Rutschkys alter Ego R. soll an der Universität von Chicago einen Vortrag über die Amerikanisierung Deutschlands halten:

Anfangs dachte ich ja, es wäre ein Leichtes, diese Geschichte zu erzählen. Was nach dem verlorenen Krieg im westlichen Deutschland geschah, wie man demokratische Regeln für den politischen Prozess einführte, wie das Hollywoodkino kanonisch wurde, wie der Rock'n'Roll seit den Fünfzigern die Tonspur für das Jungmenschenleben lieferte, dies alles, wollte ich zeigen, macht die Bundesrepublik zu einem Musterbeispiel für Amerikanisierung... Dann kam der 11. September und der Krieg in Afghanistan, grübelt R., und meine Leute zeigten seltsame Reaktionen ...

Doch R. ist überzeugt: Gerade im Protest gegen Amerika zeige sich am deutlichsten die Amerikanisierung der Deutschen. Nicht Romantik und Reaktion, Turnvater Jahn und die Burschenschaften, Fichte, die Wandervögel oder gar ihre braunen Erben hätten Inhalte und Formen dieses Protests geprägt; sondern seit den 60er Jahren die Intellektuellen von New York, die Studenten von Berkeley, die Hippies von Haight Ashbury.

Zu seinem Glück, muss man sagen, reiste R. ein Jahr vor dem angloamerikanischen Krieg gegen den Irak nach Chicago, um seinen Vortrag zu halten... Während des Irakkrieges elaborierten die Deutschen, vom Professor bis zum Gymnasiasten, von der Friseuse bis zum TV-Star, eine unglaubliche Wut gegen die USA, und R. hätte das nicht beschweigen können. Dass auch dieser Protest sich der Amerikanisierung Deutschlands verdankt, das plausibel zu machen wäre R. womöglich misslungen.

1982 reisen Rutschky, sein alter Ego R. und ein Dr. Siebert - auch er vielleicht nur eine weitere Verpuppung des Autors - zum ersten Mal in die USA. Die drei stammen aus dem linken Milieu West-Berlins, und ihr Road Movie, zusammengesetzt wiederum aus wiederholten Amerika-Reisen, erzählt die Geschichte einer Wiederannäherung der verlorenen Söhne an Amerika. Mit ihnen reist eine gewisse D. aus der DDR, auch sie eine komposite Persönlichkeit, die aber vor allem die Züge der diesjährigen Börne-Preisträgerin Daniela Dahn trägt. Um sie drehen sich beständig die erotischen Fantasien der drei Männer. Dieses unsympathische, unbefriedigte, bei aller Westerfahrung zutiefst ostig gebliebene Objekt der Begierde erlebt jede Situation jeder Reise als Bestätigung ihrer antikapitalistischen, antiamerikanischen Vorurteile. Gerade jene kulturelle Amerikanisierung, die Cocacolonisierung Deutschlands, die Rutschky bei aller politischen Entfremdung als sichere Bank demokratischer Werte ansieht, hat sie nicht mitgemacht und will sie nicht mitmachen. Jeder Äußerung amerikanischer Kultur begegnet sie mit Misstrauen:

Wussten Sie übrigens, unterbricht ihn die Amerikafeindin, dass die CIA mit der Malerei Ihres Jackson Pollock und seiner Kombattanten antisowjetische Propaganda gemacht, Ausstellungen organisiert hat, die diese Kunst als Ausdruck von Freiheit, Abenteuer und Amerika präsentiert? Vermutlich gab's einen CIA-Zuschuss zu Ihrer Documenta in Kassel ...

Und so weiter und so fort im ewigen deutsch-deutschen Dialog oder vielmehr deutsch-deutschen aneinander Vorbeimonologisieren. Auch Rutschkys Buch läuft Gefahr, am Leser vorbeizureden; man fragt sich zuweilen, wohin der durch Landschaften und Notizbücher assoziativ flanierende Autor gelangen will; hat manchmal das Gefühl, hier seien lauter nicht zu Ende geschriebene Essays aneinander gereiht. Darunter sind aber viele Schönheiten. Zu den gelungensten gehört eine Betrachtung über das Kino, ausgehend von einer Anekdote:

Nach einer TV-Diskussion, weder langweilig noch aufregend, wollte ich mein Buch nehmen und essen gehen und lesen und a couple of beers trinken. Ein anderer Diskussionsteilnehmer, der Kurator des Kunstmuseums in Erlangen (ich erfinde), bat aber, sich anschließen zu dürfen. Natürlich konnte ich das nicht abschlagen. So brachten wir unter mühsamer Konversation die Mahlzeit hinter uns, und irgend ein guter Geist nötigte uns, statt der Trennung ein zweites Lokal aufsuchen für a couple of beers. Und dort gerieten wir unmerklich und unwiderstehlich in eines dieser Filmgespräche hinein, nahmen teil an der großen Erzählgemeinschaft der Kinogeher, und es wurde ein lebhafter und angenehmer Abend, an dessen Ende wir als Freunde schieden (wie die ältere Erzählprosa zu sagen pflegte).

Die Moral? Bei allen anderen Kunstformen beruht Inklusion in die Kennerschaft auf Exklusion der Vielen. Einzig der Film - und vor allem der Hollywood-Film - schafft eine Gemeinschaft der Kenner, denen es gerade auf Inklusion möglichst Vieler ankommt. Bekennt also einer im Film-Gespräch, dass ihm ein bestimmter Streifen nicht bekannt ist, erntet er statt Verachtung - eine Inhaltsangabe. Und so vernetzt, verknüpft und erweitert sich die Gemeinde. Die Demokratisierung der Kunst - das ist der denkbar größte Gegensatz zu allem, was Bildungsdünkel und Kunstverständnis in der Kulturnation Deutschland bedeutet hat. Für Rutschky der entscheidende Schritt der Befreiung. Und Hollywood hat sie vollbracht. So lange Deutschlands Bildungsbürger ins Kino gehen, so könnte man die Anekdote interpretieren, braucht uns um die Zugehörigkeit dieses Landes zum Westen nicht bange zu sein. Rutschkys Wort in Sam Goldwyns Ohr.
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