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18.7.2004
Peter Steinbach: "Der 20. Juli 1944 – Gesichter des Widerstands"
Siedler Verlag, München 2004
Vorgestellt von Hartmut Jennerjahn

Peter Steinbach: "Der 20. Juli 1944", Coverausschnitt (Bild: Siedler Verlag)
Peter Steinbach: "Der 20. Juli 1944", Coverausschnitt (Bild: Siedler Verlag)
Der Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime müsse aus den Bedingungen und Vorstellungen der damaligen Zeit verstanden werden. Dies gelte vor allem für den missglückten Umsturzversuch vom 20. Juli 1944. Darauf weist Peter Steinbach mehrfach mit Nachdruck hin. Er begegnet damit Einwänden, die meisten Regimegegner seien vom Ziel deutscher Hegemonie in Mitteleuropa ausgegangen, manche seien anfällig gewesen für antisemitische Denkmuster, einige hätten über viele Jahre hinweg Funktionen innerhalb des Herrschaftssystems wahrgenommen und sich eng in dessen Stabilisierung verstrickt.

Der Historiker und Direktor der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin schreibt dazu:

Überraschend konnte dies nur für jene sein, die verdrängt hatten, dass die Entscheidung für die Beteiligung am Umsturz oftmals das Ergebnis eines langen Prozesses war. Ziele, die zunächst mit den Nationalsozialisten geteilt worden waren, mussten in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit der Diktatur und des Krieges verändert werden.

In seinen aktualisierten Vorträgen und Publikationen aus rund einem Jahrzehnt zeichnet Steinbach einfühlsam die Rolle herausragender Vertreter des Widerstandes gegen Hitler und sein Regime nach. Für manche von ihnen war der Weg in die aktive Opposition nicht geradlinig oder vorgezeichnet. Er würdigt Sozialdemokraten, Gewerkschafter, kirchliche und konservative Widerständler und "Die weiße Rose" um die Geschwister Scholl. Breiten Raum gibt er den Diskussionen über eine künftige Ordnung nach der Diktatur im Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke, dessen schlesisches Gut dieser Gruppe den Namen gab. Der militärische Widerstand um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und die Geschichte des fehlgeschlagenen Attentats auf Hitler wird ebenso differenziert abgehandelt.

Steinbach weist auf Illusionen und Selbsttäuschungen hin, denen spätere Widerständler lange Zeit erlegen seien, auch auf widersprüchliche Biografien, auf eine allgemein mangelnde Sensibilität gegen Willkür. Dabei dürften die Bedingungen einer Diktatur nicht übersehen werden, wie der Forscher auf einer Tagung zur Einordnung des 20. Juli 1944 betonte:

Peter Steinbach: Ich verstehe nicht, warum unsere Wahrnehmung des Widerstandes immer wieder von der Erwartung geprägt wird, dass wir mit Menschen zu tun haben müssten, die eigentlich aus ihrer Zeit herausfallen. Denn das müssten sie, wenn sie von dieser Zeit nicht belastet, wenn sie in diese Zeit nicht verstrickt gewesen wären. (...) Wir haben es nicht mit Engeln zu tun, die sind unhistorisch, sondern wir haben es mit Menschen zu tun, die im Laufe einer qualvollen Entwicklung, langen Entwicklung, einer Auseinandersetzung mit der Realität des Dritten Reiches Positionen überwinden, die sie vielleicht einmal mehr oder minder mit den Nationalsozialisten geteilt haben. Aber wichtig ist, eine Position zu gewinnen, in der sie nicht wackeln, in der sie nicht mehr zurückstreben, in der sie konsequent ihren Weg weiter gehen und sich auch nicht das leiseste Zögern, die leiseste Unsicherheit vor jenen erlauben und gestatten, die sie entehren und ihnen im Grunde ihre Verantwortung für die Tat nehmen wollen.

Für den Widerstand habe das Recht, die Verpflichtung auf rechtsstaatliche und demokratische Grundprinzipien eine zentrale Bedeutung gehabt. Zu früheren Diskussionen über obrigkeitsstaatliche Denkmuster mancher Regimegegner, ihrer Orientierung an ständischen Gesellschaftsbildern und aristokratischen Wertvorstellungen und zum heutigen Umgang mit dem Erbe des Widerstandes schreibt Steinbach:

So liegt es in der zeitbedingten Prägung vieler Widerstandskämpfer, wenn deren politische Vorstellungswelt - Weltsicht und Weltanschauung gleichermaßen - sich nur schwer mit den Grundprinzipien einer heute allgemein akzeptierten freiheitlich-demokratischen Verfassungsordnung in der Art des Grundgesetzes in Einklang bringen lässt.

Nach dem Krieg hätten die Widerständler um Stauffenberg nur zögernd die ihnen gebührende Anerkennung gefunden. Die deutsche Gesellschaft habe sich schwer getan mit der angemessenen Würdigung des versuchten Attentats. In der Rückschau auf die fünfziger Jahre gebe es eine Diskrepanz zwischen den Gedenkreden zum 20. Juli und der tatsächlichen Hilfe für die Angehörigen der Ermordeten. Familien hingerichteter Verschwörer hätten lange um Hinterbliebenenrenten prozessieren müssen. Die Urteile des Volksgerichtshofes gegen Widerstandskämpfer seien erst in den späten neunziger Jahren aufgehoben worden. Steinbach konstatiert aber auch:

Die Umstrittenheit, die 20., 30., 40., 50. Jahrestage geprägt hat, ist heraus. Und was nun wieder das Faszinierende ist, sie ist heraus, ohne dass der Gegenstand deshalb reizlos geworden wäre. Sondern ich denke, dass sogar eine ganz neue Phase der prinzipiellen Auseinandersetzung eingeleitet worden ist.

Steinbachs Aufsatzsammlung ist keine zusammenhängende Darstellung zur Geschichte des Widerstandes, sondern setzt deren Kenntnis - zumindest in den Grundzügen - voraus. Die 13 Einzelbeiträge ergänzen einander, es gibt - wie in Sammelbänden kaum zu vermeiden - auch Wiederholungen. Der Historiker würdigt Mut, Konsequenz und Opferbereitschaft wichtiger Protagonisten des Widerstandes, er bezieht die Leiden ihrer Familien mit ein, die in Sippenhaft genommen wurden. Seine Analysen sind ebenso abgewogen wie klar formuliert. Er schildert den Widerstand in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit. Seine Texte vereinen Sympathie für die Regimegegner mit der Nüchternheit des Forschers.
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