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25.7.2004
Elisabeth Badinter: Die Wiederentdeckung der Gleichheit
Ullstein Verlag, Berlin/München 2004
Rezensiert von Mariam Lau

Elizabeth Badinter: Die Wiederentdeckung der Gleichheit (Coverausschnitt) (Bild: Ullstein)
Elizabeth Badinter: Die Wiederentdeckung der Gleichheit (Coverausschnitt) (Bild: Ullstein)
Die achtziger Jahre waren für den Feminismus rückblickend betrachtet einfach großartig. Erstmalig konnte man die Früchte der Befreiung ernten, für die man seit mindestens zwei Jahrzehnten so heftig gekämpft hatte. Eine Frau, die berufstätig sein wollte, ging halt arbeiten - das gab die damalige Wirtschaftslage auch allemal her. Wenn sie dann feststellte, dass sie ihren Mann nicht mehr liebte, ließ sie sich halt scheiden.

Ob man Kinder hatte oder nicht, das ließ sich jetzt viel leichter lenken - die Frau entschied. Man kann sich heute nur noch schwer klarmachen, was das für einen Machtzuwachs, für einen Freiheitsgewinn bedeutete. Man hätte erwarten können, dass die Frauen sich mit Begeisterung an die Eroberung der neuen Bastionen machten. Stattdessen folgte auf den Sieg - die Depression.

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter, die in mehreren Büchern für die neuen Freiheiten gekämpft hat, geht in ihrer neuesten Streitschrift "Die Wiederentdeckung der Gleichheit" diesem seltsamen Phänomen nach. Sie stellt fest, dass plötzlich nicht mehr von Heldinnen die Rede ist, die Regattas gewinnen, Großkonzerne regieren oder eine Farm in Afrika betreiben. Plötzlich ist die Rede nur noch von "Opfern".

Superfrauen haben eine schlechte Presse. Bestenfalls sind sie Ausnahmen von der Regel, schlimmstenfalls egoistische Privilegierte, die den Solidaritätspakt mit ihren leidenden Schwestern gebrochen haben. Man übersieht sie lieber und zieht es vor, alle Aufmerksamkeit der ewig-männlichen Unterdrückung vorzubehalten.

Der Vorteil - wenn man davon wirklich sprechen will - den diese systematische "Viktimisierung" hat, liegt auf der Hand. Man steht automatisch auf der moralisch richtigen Seite, man erweckt im selben Maß Mitleid, wie der Täter Hass auf sich zieht, und man ist von der unangenehmen Last befreit, herauszufinden, was man mit der neuen Freiheit eigentlich anfangen soll. Wie sehr dieser neue Feminismus eine Angelegenheit des Mittelstands ist, hat Badinter auch schnell klargestellt:

Wie durch einen Zauberschlag wird das ganze Kopfzerbrechen über kulturelle, soziale und ökonomische Differenzen entbehrlich. Man kann sogar die Lage der "Europäerinnen" mit jener der "Orientalinnen" vergleichen, und, ohne rot zu werden, behaupten, dass die Frauen, eben weil sie Frauen sind, überall Opfer von Hass und Gewalt sind. Die Großbürgerin des 7. Pariser Arrondissements und die junge Nordafrikanerin in den Vororten: Sie führen vermeintlich denselben Kampf.

Badinter stellt mit Entsetzen fest, dass aus dem Kampf um die Gleichheit plötzlich ein Feiern des speziellen Wesens der Frau geworden ist, die quasi von Natur aus, eben weil sie Kinder bekommen kann, sich vom grundsätzlich gewaltbereiten Mann unterscheidet.

Es ist plötzlich überhaupt nicht mehr von sexueller Befreiung die Rede, nur noch von Mutterschaft, und auch das nicht mehr als erfreulichem Akt der Selbstverwirklichung, womöglich in einer Familie, sondern eher als einer Art dunklem Schicksal. Sex hingegen wird weitgehend mit Gewalt gleichgesetzt - eine Betrachtungsweise, die Frankreich ausnahmsweise einmal aus Amerika geerbt hat; von Feministinnen wie Andrea Dworkin oder Catherine MacKinnon, für die Penetration immer gleich Vergewaltigung ist. Gleichzeitig konstatiert Badinter aber einen ständigen Druck, Sex gefälligst zu genießen.

Wir werden in zunehmendem Maße Gefangene einer doppelten sexuellen Obsession. Einerseits wird da von der Pflicht zu genießen gefaselt, die fälschlich als Gipfel der Selbstentfaltung gilt; andererseits ergeht der Mahnruf, die Würde der Frau zu achten, welche von unerwünschten sexuellen Übergriffen verhöhnt werde - ein Begriff, dessen Bedeutungsfeld immer weiter ausgedehnt wird. Einerseits zielen seit den siebziger Jahren alle Anstrengungen darauf, die Sexualität zu entmoralisieren und die Grenzen der Überschreitung immer weiter herauszuschieben; andererseits erfindet man den Begriff der sexuellen Freveltat neu.

Für Badinter ist der französische Streit um das Kopftuch der Musliminnen, der dort noch sehr viel erbitterter geführt wird als hier, symptomatisch für diese Entwicklung. Ihr Buch ist erkennbar vor dem neuen Verbot des Kopftuchs an Schulen geschrieben, denn sie wirft dem französischen Staat vor, ähnlich wie der neue "moralische Feminismus" die Idee der Gleichheit, die republikanische Idee, aufgegeben zu haben und stattdessen vor einem relativierenden Dogma in die Knie gegangen zu sein.

Badinter befürchtet, es könne vor lauter feministischem Moralismus bald überhaupt niemanden mehr geben, der sich noch für diese alte Idee der Gleichheit stark macht. Aber da kann man auf die Attraktivität der Lebenspraxis hoffen: wer die erkämpften Freiheiten einmal kannte, wird sie so schnell nicht wieder hergeben.
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