BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
1.8.2004
Oliver Hilmes: "Witwe im Wahn - Das Leben der Alma Mahler-Werfel"
Siedler Verlag, Berlin 2004
Vorgestellt von Tilman Krause

Oliver Hilmes: Witwe im Wahn -  Das Leben der Alma Mahler-Werfel, Coverausschnitt (Bild: Siedler Verlag)
Oliver Hilmes: Witwe im Wahn - Das Leben der Alma Mahler-Werfel, Coverausschnitt (Bild: Siedler Verlag)
Alma Mahler-Werfel - so nannte sie sich, unter diesem Namen erschienen 1960 ihre vielgelesenen Erinnerungen "Mein Leben" - Alma Mahler-Werfel also, die von 1879 bis 1964 lebte, ist von jener Berühmtheit, die das Anrüchige zusätzlich würzt. Da sie eine große Dame erst der Wiener, dann, im Exil, auch der New Yorker Gesellschaft war, haben fast alle namhaften Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sie kennen gelernt. Als sexbesessene Antisemitin und Alkoholikern galt sie vielen. Fasziniert waren sie trotzdem. Nicht zuletzt von ihrer absoluten Freizügigkeit in Fragen der Moral und von ihren großen Gastgeberqualitäten. Und von der ungeheuren Kraft, mit der sie ihr Leben und viele Schicksalsschläge meisterte.


Aber niemand, der sich je über sie mündlich oder schriftlich verbreitet hat, konnte dies bisher auf sicherer Quellengrundlage tun. Es ist das einzigartige Verdienst der neuesten Alma-Mahler-Biografie des jungen Politologen Oliver Hilmes, dass sie jenen Nachlass auswerten konnte, der Jahrzehnte lang unentdeckt in Philadelphia schlummerte und unzensierte Tagebücher sowie Memoiren-Entwürfe enthält, die zum ersten Mal "Almschi", wie sie in ihrer Jugend genannt wurde, zeigen, wie sie wirklich war.

Hilmes kann mit vielen Legenden aufräumen. Damit, dass Gustav Mahler Alma das Komponieren verbot. Damit, dass sie Werfel zum Katholizismus bekehrte. Damit, dass ihre Flucht aus Österreich 1938 gleichzeitig ein Bruch mit dem Faschismus gewesen sei. So schreibt sie etwa nach Hitlers Einmarsch in die Tschechoslowakei, schon im französischen Exil, in ihr Tagebuch:

Ich werde jetzt mit einem mir artfremden Volk bis ans Ende der Welt wandern müssen - und ich kann trotzdem nicht anders als mit größter Bewunderung Adolf Hitler, diesem heldischen Menschen, zuschauen, wie er siegreich über die Menschheit schreitet. (…) Eine echt germanische Fanatikererscheinung, wie sie bei Juden fast undenkbar ist.

Doch was Hilmes Buch zu einer so ungemein anregenden, aufschlussreichen und hochspannenden Lektüre macht, ist das Erklärungsmodell, das er heranzieht, um Almas Haupteigenschaften zu erklären: Ihren Appetit auf Männer und die antisemitische Obsession. Im Rückgriff auf Freud deutet der Autor Alma als hysterischen Charakter:

Folgt man diesem Ansatz, dann zeigen sich bereits bei der jungen Alma viele Züge der Hysterikerin. Das ständige Schwanken zwischen emotionaler Kälte und erotischer Überspanntheit, ein Hang zur Koketterie bei gleichzeitiger Ablehnung körperlicher Nähe, die ausgeprägte Vorliebe für theatralische und häufig unangemessene Posen, die starke Neigung zu Oberflächlichkeit und Tagträumereien, das Spielen mit Selbstmordgedanken sowie eine weitgehende Unfähigkeit, Kritik zu ertragen.

Das erklärt die Todeswünsche im Hinblick auf ihre erste Tochter, der Gustav Mahler in ihren Augen mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihr selbst - das Kind stirbt ja dann tatsächlich. Das erklärt auch das schnelle Erkalten ihrer erotischen Ansprechbarkeit durch die vielen Männer, die sie oft gleichzeitig hat. Das erklärt schließlich das Neben- und Ineinander von rasender Begierde:

Mich dürstet nach Vergewaltigung (…) Meine Sinnlichkeit ist grenzenlos (…) Dein Weihebecken will ich sein. Gieß deinen Überfluss in mich …

und Ekel vor dem sexuellen Kontakt:

Ich liebe Franz Werfel nicht mehr. Er ist wieder zusammengeschrumpft zu dem kleinen hässlichen verfetteten Juden des ersten Eindrucks.

Was jedoch Alma Mahler-Werfel bei jedem ihrer Männer über das schnelle Erkalten der Gefühle hinweggeholfen hat, ist ihre fixe Idee, die vorwiegend jüdischen Geliebten vom Judentum erlösen zu müssen.

Und wenn sie sich zehn Mal blond färben, sie bleiben ein dunkles, wildes Ostvolk. Schwarzselig und mitleidlos.

Sie aber wollte sie heller machen. So sagte sie kurz nach dem Tod von Gustav Mahler:

Heller habe ich ihn gemacht. So war mein Dasein mit ihm doch eine erfüllte Mission?! Das allein war es, was ich wollte, solange ich lebe: Hellermachen!

Und noch Jahrzehnte später über Franz Werfel, den sie bekanntlich tatsächlich dazu brachte, sich vom wenig gelesenen expressionistischen Lyriker zum Autor der bestbezahlten Romane seiner Zeit zu entwickeln:

Und wieder bin ich ihm Ansporn zu seiner Arbeit - durch mein freches, gesundes Ariertum.

Gerade dadurch, dass Alma Mahler-Werfel ihren Antisemitismus inszenierte, dass sie ihn wie einen festen, sorgfältig herausgestellten Programmpunkt bei ihren Geselligkeiten und Gesprächen in den Mittelpunkt stellte, wird in der Sicht ihres Biografen deutlich, dass hier kein ideologischer Antisemitismus vorliegt, sondern sozusagen ein theatralischer, ein aus der Hysterie geborener Antisemitismus. Niemand hat das vielleicht deutlicher gesehen als der große Menschenkenner Carl Zuckmayer, der ja in seinem kürzlich erst an die Öffentlichkeit gelangten "Geheimreport" für den amerikanischen Geheimdienst ein sehr feines Gespür für die absonderlichsten Charaktere an den Tag legte. Er hält die Ankunft Almas in Amerika in einem Brief an seinen Freund Albrecht Joseph folgendermaßen fest:

Alma erschien als erste auf der Landungsbrücke, in alter Frische, mit wehendem weißen Reiseschleier und strahlend vor Antisemitismus. Sie hatte sich's mit dem Kapitän gerichtet, dass sie früher heraus durfte. Eine ihrer ersten Äußerungen, nachdem sie kaum den Fuß aufs Land gesetzt hatte, war, in mein Ohr: "Kommt morgen nicht später wie sechs in mein Hotelzimmer, es sind ein paar wichtige Leute da, sehr wertvolle Beziehungen, aber nicht all den Juden sagen." Es ist überhaupt kein Unterschied zu früher. Sie ist grandios. Unberechenbar.

Erotik, Antisemitismus, Alkoholismus und Theatralik: Das waren, so verwirrend das klingt, anscheinend die Produktivkräfte dieser seltsamen Frau. Vor allem Juden haben das gespürt. So sagte Soma Morgenstern auf Almas Beerdigung: "Sie war dreimal verheiratet. Vermählt war sie nur einmal. Vermählt mit ihrem Leben. Mit ihrem eigenen Leben."
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge