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15.8.2004
George Steiner: "Der Meister und seine Schüler"
Carl Hanser Verlag, München 2004
Vorgestellt von Reinhard Kreissl

George Steiner: "Der Meister und seine Schüler", Coverausschnitt (Bild: Carl Hanser Verlag)
George Steiner: "Der Meister und seine Schüler", Coverausschnitt (Bild: Carl Hanser Verlag)
Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer

George Steiner, emeritierter Literaturwissenschaftler mit internationaler Karriere und Reputation hat sich in diesem Buch eines ehrwürdigen Themas angenommen. Unter dem schlichten Titel "Der Meister und seine Schüler" führt er seine Leserschaft in sechs Kapiteln zuzüglich kurzem Vor- und Nachwort durch die Geistesgeschichte der intellektuellen Lehr- und Lernverhältnisse. Die historisch voranschreitenden Kapitel entsprechen Vorlesungen, die Steiner im Rahmen der Charles Eliot Norton Lectures in Harvard gehalten hat. Der Hanser Verlag, der gerne solche noblen Essays publiziert, hat sie jetzt auf Deutsch in der Übersetzung von Martin Pfeiffer herausgebracht.

Typisierend unterscheidet Steiner drei Formen des Lehrer-Schüler-Verhältnisses:

Meister haben ihre Jünger sowohl psychisch als auch, seltener, physisch zerstört. Sie haben ihren Geist gebrochen, ihre Hoffnungen vernichtet, ihre Abhängigkeit und Individualität ausgebeutet. Die Sphäre der Seele hat ihre Vampire. Umgekehrt haben Jünger, Schüler, Lehrlinge ihre Meister gestürzt, verraten und zugrunde gerichtet. ... Die dritte Kategorie ist der Austausch, ein Eros von wechselseitigem Vertrauen und sogar Liebe.

Steiners Tour durch die Welt des Lehrens und Lernens orientiert sich an dieser Typologie. Sie wirkt im Angesicht der aktuellen Diskussion über die Reform des staatlichen Bildungswesens auf liebenswerte Weise altmodisch. Die ziselierten Beziehungen zwischen den akademischen Vaterfiguren - Mütter, gab es kaum, wie Steiner politisch korrekt gegen Ende eigens anmerkt, - und dem ihnen zugewandten Nachwuchs hatten immer etwas Intimes, ja fast Erotisches. Im Angesicht der aktuellen Debatten über Political Correctness oder den sexuellen Missbrauch im Bereich der Universität klingen manche von Steiners Sätzen fast frivol.

Selbst vollendete körperliche Besitzergreifung ist ein geringes im Vergleich zu dem furchterregenden Geschehen, dass jemand die Hand an das Innerste eines anderen menschlichen Wesens, an seine Entfaltung legt, wie es im Zuge des Lehrens geschieht. Ein Meister ist der eifersüchtige Liebhaber dessen, was sein könnte.

Eros und Macht sind immer im Spiel, wenn es um ernsthafte intellektuelle Auseinandersetzungen geht. In diesem Blickwinkel tritt schnell auch das Problem auf, das Steiner als das Problem der falschen Meister bezeichnet. Kann man Figuren wie Toni Negri, den radikalen italienischen Intellektuellen und Vordenker der Linksterroristen für deren Taten zur Verantwortung ziehen? Erinnerungen an die unselige Debatte über das Schreibtischtätertum der linken Intelligenz tauchen hier wieder auf.

Die Verhältnisse an den heutigen, von verbeamteten Geistesgrößen, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten beherrschten Universitäten erscheinen gegen diesen Hintergrund als Schwundformen. Schon Faust spottet grimmig, als sein einstiger Famulus Wagner ihn beerbt:

Da sitzest du, Pedant, und wähnst dich sitzend höher als ich saß.

Steiner arbeitet viel mit literarischen Vorbildern, neben Goethe tauchen Shakespeare und Dante auf. Immer wieder stellt er Querbezüge her, von Jesus und Sokrates, als den Prototypen des Meisters über Augustinus bis hin zu Wittgenstein und Heidegger, Stefan George und Hermann Hesse spinnt er das Netz seiner Überlegungen. Die lange Reihe literarischer und akademischer Figuren von den Vorsokratikern bis zur Gegenwart ist imposant. Bisweilen schwirrt der Kopf bei dieser Gelehrsamkeit, die manchmal, gerade wenn die Sekundär- und Tertiärliteratur auch noch Erwähnung findet, zum reinen Name-Dropping wird.

Immer wieder taucht bei Steiner die Spannung zwischen der Weitergabe esoterischer Weisheit und pädagogischer Vermittlung auf. Gerade im Feld der Geisteswissenschaften ist diese Spannung noch heute von Bedeutung. Die Naturwissenschaften sind aufgrund ihrer anders gelagerten epistemischen Praxis zum Teamwork verdammt. Die moderne Teilchenphysik kennt die Bildungsgeschichte als Erkenntnisprozess nicht, auch wenn Steiner hier herausragende Figuren wie den Physiker Feynmann in ihrer Rolle als Lehrer behandelt. Kepler und Brahe sind das einzige Schüler-Lehrer-Paar aus den Naturwissenschaften, das bei Steiner auftaucht. Die klassischen Kombinationen, Kafka und Brod, Schopenhauer und Goethe, Husserl und Heidegger, Heidegger und Arendt, sind aus dem Bereich der Literatur oder Philosophie.

Obwohl universell gebildet und kosmopolitisch geprägt, ist Steiner ein in der Wolle gefärbter Angelsachse. Nicht nur, dass er sich ausführlich mit den Footballtrainern der amerikanischen Universitätsmannschaften und ihrer Rolle als Lehrer beschäftigt, auch seine Art der Behandlung von Frankreich gibt diesem Land beinahe den Status eines pathologischen Sonderfalls. Steiner zeigt, wie der Begriff des Maître in der englischen Übersetzung als Master unpassend wird und gelegentlich entwickeln sich aus Schnellschüssen Querschläger, wenn ganze Geistesrichtungen über einen Leisten geschlagen werden.

In der französischen Selbstdarstellung verwurzelt ist ein Hang zum Monumentalen, zum Hierarchischen, zum Präskriptiven, der Gestalt und Funktion des Maître legitimiert. Daher die Gewalttätigkeit und der Extremismus der dekonstruktivistischen, postmodernistischen Revolte, vor allem auf ihrem feministischen Flügel.

Von da ist es nicht mehr weit bis zur britischen Bissigkeit, wo Frankreich dann auf ein Artefakt aus Wehrpflicht und Schulsystem reduziert wird.

Ein brillantes Kapitel ist dem Vergleich unterschiedlicher Traditionen des Lernens gewidmet: Steiner stellt die Modelle der jüdischen und der asiatisch-indischen Wissensvermittlung gegenüber, wenn er die Figuren des Rabbi und des Zen-Meisters vergleicht. Beide eint die tiefe Bescheidenheit, die der jüdische Witz subtil-prägnant auf den Punkt bringt. Steiner zitiert einen erfolgreichen Rabbi, der seinen erfolglosen Kollegen mit den Worten tröstet:

Es mag sich aber so verhalten, dass sie zu mir kommen, weil ich mich darüber wundre, dass sie kommen, und dass sie zu Euch nicht kommen, weil Ihr Euch darüber wundert, dass sie nicht kommen.

Am Ende beschleicht jeden, der die akademische Landschaft der Gegenwart kennt, die Wehmut: Steiner spricht von einer versunkenen Welt, beschreitet lange verlassene Stufen der Reflexion und erinnert an Verhältnisse, die dem Reformeifer der jeweils herrschenden Ideologie zum Opfer gefallen sind. Aber damit spricht er zugleich auch in der Rolle derjenigen, von denen er schreibt. Das Buch ist ein Lehrstück guter intellektueller Vermittlung, gebildet, verführerisch und kurzweilig. Man wünschte sich solche Vorlesungen an unseren Universitäten oder besser: Universitäten, an denen solche Vorlesungen möglich wären.
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