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22.8.2004
Fabrizio Rossi: "Der Vatikan - Politik und Organisation"
Verlag C.H. Beck Wissen, München 2004
Vorgestellt von Florian Felix Weyh

F. Rossi: Der Vatikan, Coverausschnitt (Bild: C.H. Beck)
F. Rossi: Der Vatikan, Coverausschnitt (Bild: C.H. Beck)
Er ist ein Ort, ein Staat, eine Organisation, vor allem aber ein geheimnisumwittertes Gerücht: der Vatikan. Keine andere Institution hat es ähnlich lange geschafft, sich unbeschadet über die Wechselfälle der Geschichte hinwegzuretten, im Fluss kommender und gehender Machthaber die eigene Identität zu bewahren. Ein weltliches Herrschergeschlecht, das es auf derart lange Regierungszeiten gebracht hätte, sucht man vergebens. Das ist umso erstaunlicher, als die infertile Männergesellschaft der katholischen Amtskirche keinen Nachwuchs aus eigener Kraft hervorbringen kann, sondern immer wieder neue Hoffnungsträger überzeugen und berufen muss. Doch vielleicht liegt im steten Personalwechsel das Erfolgsgeheimnis katholischer Permanenz:

"Die Staatsbürgerschaft wird provisorisch verliehen, da sie streng funktionsbezogen ist. Sie ersetzt nie eine ursprüngliche Nationalität. Johannes Paul II. hat deswegen seinen polnischen Pass nicht zurückgegeben, was für seine ersten Polenreisen den Vorteil hatte, dass ihm die Kommunisten 1979 die Einreise in seine Heimat nicht verwehren konnten."

Realpolitik und Prinzipientreue - darauf fußt seit vielen hundert Jahren die Macht des Vatikans. Wann immer es sinnvoll erscheint, erkennt er fremdstaatliche Formalitäten an und weiß sie in seinem Sinne zu nutzen. An der Schnittstelle zwischen weltlichem Staatsgebilde und geistiger Großmacht behauptet sich Diplomatenkunst am erfolgreichsten, denn seit den mit Mussolini geschlossenen Lateranverträgen von 1929 stellt der Vatikan selbst ein staatsrechtlich bizarres Gebilde dar. Die Widersprüche beginnen nicht bei der Währung, und enden auch nicht bei Fragen der Justiz. Schon die vermeintlich simple Abgrenzung des Staatsgebiets - sonst eine Selbstverständlichkeit für völkerrechtliche Subjekte - wirft Probleme auf:

"Ein staatsrechtliches Kuriosum stellt vor allem die Lage der päpstlichen Audienzhalle dar, die unter Paul VI. teils auf vatikanischem Staatsgebiet, teils auf exterritorialem Boden errichtet wurde: In den üblichen Mittwochsaudienzen sitzt das Pilgervolk auf italienischem Gebiet, während der Papst im Vatikan thront."

So lange der Papst im Kirchenstaat sitzt, hat alles seine Ordnung, und Ordnung wird großgeschrieben in der Megabürokratie des Vatikans. Ebenso groß wie das Verschwiegenheitsgebot der Bediensteten. Einer Öffentlichkeitsarbeit, die nicht vor missionarischem Hintergrund oder im schmalen Rahmen von Verlautbarungen stattfindet, ist die Kurie gänzlich abhold. Allein deswegen ist das schmale Bändchen des römischen Kirchenhistorikers Fabrizio Rossi ein kleines Juwel, auch wenn dem Verfasser vom Verlag nicht mehr als eine zweizeilige biographische Notiz gegönnt wird. Liegt es vielleicht daran, dass Rossi Ross und Reiter nennt, ja sich beinahe eines ironischen Stils bedient, wenn er die verschlungenen Hierarchien des Vatikans aufs Korn nimmt:

//"Ein in Ungnade gefallener Prälat antwortete auf die Frage, wie wie Kirche regiert wird: 'Mit Sitzfleisch, mit Orden, Titeln und mit Geld.' Der Vatikan hat schon lange begriffen, dass Degradierungen und Karrierestopps kontraproduktiv wirken. Deshalb hat die Kirche gleich zwei Aufstiegsmöglichkeiten, die nicht viel kosten: zum einen den Aufstieg in der Bürohierarchie, der vielfältig möglich ist, etwa durch die Versetzung in ein anderes Amt, die oft keinen realen Machtzuwachs einbringt. Zum anderen gibt es die so genannte Päpstliche Familie, gestaffelt in die Würden 'Monsignore', 'Päpstlicher Hausprälat' und 'Apostolischer Protonotar', die an der zunehmenden Violettfärbung ihrer liturgischen Kleidung erkennbar sind. Der Bischofs- oder Kardinalsrang ist ohnehin sehr rar; wer aber als kurialer Mitarbeiter kein Monsignore ist, der ist wahrhaftig ein blutiger Anfänger und verfügt im Farbengewimmel des Vatikans von vornherein über keine Autorität. Die Ernennung Hausprälaten nach fünf Jahren aufopferungsvoller Arbeit ist für einen zölibatär lebenden Priester eine enorme Aufwertung der eigenen Person - zumal in der Heimat eines Abruzzendorfes, wo der Prälat leicht mit dem Bischof verwechselt werden kann."

Hier plaudert ein Insider, und möglicherweise ist Fabrizio Rossi ein ganz anderer, als er zu sein vorgibt. Seltsamerweise vermerkt der Verlag auch keinen Übersetzer aus dem Italienischen. Die stilistische Lage des Sachtextes zwischen Enzyklopädie und eingestreuten, sorgfältig getarnten Kommentaren lässt auf die hohe Schule päpstlicher Diplomatie schließen:

"Dabei stehen nicht nur Fremdsprachen auf dem Stundenplan, sondern auch der rechte Sprachgebrauch mit behutsamen Werturteilen. In Kleingruppen wird gegenseitig gefeilt, bis jeder im kurialen Stil sicher ist."

So kommt es, dass ein vordergründig trockenes Thema in einer auf Wissensvermittlung angelegten Buchreihe zur spannenden Lektüre wird, nicht zuletzt, weil die starke Persönlichkeit von Johannes Paul II. seit fast 30 Jahren das Bild der Institution überstrahlt. Perfekte Irreführungs-PR, denn die Institution besteht aus weit mehr als nur als dem einsamen Entscheider an der Spitze. Von der päpstlichen Kongregation bis zu den lange Zeit skandalumwitterten Geschäften der Vatikanbank greifen große und kleine Zahnräder ineinander, um die römische Insel unabhängig von der Gunst weltlicher Mächte und Geldgeber zu machen. Auch politisch ist der Vatikan ein Unikum, nämlich eine »absolute Wahlmonarchie«. Dass es überhaupt ein Element des Wählens gibt, verdankt sich dem Zölibat; Vererbung kann in dieser Männermonarchie nicht vorkommen. Doch wenn der weiße Rauch über dem Petersplatz aufsteigt, signalisiert das zweierlei: Dass es einen neuen Papst gibt - und dass die kurze Zeit der demokratischen Anarchie, Sedisvakanz genannt, unweigerlich vorbei ist. Denn der Rauch stammt von den verbrannten Stimmzetteln, damit niemand auf die Idee komme, der Kardinäle weisen Ratschluss zu überprüfen oder gar anzufechten:

"Die Fenster nach außen sind fest verschlossen, mit Farbe übermalt oder verhangen. Daher ist die Atmosphäre in den Räumen und engen Fluren stickig, heiß und rauchig. 1978 stand jedem Kardinal ein kleines Zimmer im Apostolischen Palast zur Verfügung, das spartanisch wie in einem Priesterseminar eingerichtet war. Die gesamte Atmosphäre war bis zum Äußersten unkommunikativ, da sich in jedem Raum nur ein Bett, ein Stuhl und ein Betschemel befanden. Gespräche und Diskussionen konnten daher nur entweder ganz öffentlich oder in den Gängen stattfinden. Man erhoffte sich hiervon weniger Parteibildung und ein kurzes Konklave."

Schon in diesen Begleitumständen drückt sich tiefes Misstrauen gegen die Erwählung des Kirchenoberhaupts von Menschenhand aus. Da wundert einen die Sorglosigkeit, mit der das passive Wahlrecht gehandhabt wird, denn Papst zu werden, ist für einen Katholiken nicht allzu schwer:

"Die seit 1996 vorgeschriebene geheime Wahl muss nicht auf einen Kardinal fallen; treffen kann es theoretisch jeden männlichen Katholiken, der alle Voraussetzungen für die Priesterweihe mitbringt, also im Wesentlichen unverheiratet ist."

Klingt da nicht wieder leiser Spott von Fabrizio Rossi durch? Ein ergänzender Satz verwandelt die Option in eine reine Fiktion:

"Tatsächlich wurden jedoch seit 1378 nur Kardinale auf den Stuhl Petri befördert."

Ewiges Rom - gebaut auf unwandelbaren Überzeugungen bei äußerst flexibler Anwendung weltlicher Politikgebräuche. Der immer wieder zu hörende Ruf nach Reformen muss vor dieser Erfolgsgeschichte verhallen, denn Reformen - das bewies schon Martin Luther vor 500 Jahren - machten den Vatikan zu etwas, das nicht mehr der Vatikan wäre.
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