BuchTipp
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5.9.2004
Martin Pollack: "Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater"
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004
Vorgestellt von Elke Nicolini, Hamburg

Martin Pollack: "Der Tote im Bunker", Coverausschnitt (Bild: Zsolnay Verlag)
Martin Pollack: "Der Tote im Bunker", Coverausschnitt (Bild: Zsolnay Verlag)
Es braucht nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, wie schwer es Martin Pollack gefallen sein muss, dieses Buch zu schreiben. Mutig, mit dem Furor des Aufklärers in eigener Familiensache hat er sich den schrecklichen Tatsachen gestellt, sich in Archiven vergraben, Orte des Geschehens besucht. Im Mittelpunkt der Recherche, die im Untertitel "Bericht über meinen Vater" heißt, steht Gerhard Bast, promovierter Jurist, Mitarbeiter der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei und ranghoher SS-Mann. Seine Leiche wird im April 1947 am Brenner aufgefunden. Da ist der Sohn - der bald danach den Namen seines Stiefvaters trägt - noch keine drei Jahre alt. 57 Jahre später schreibt Martin Pollack:

Die Nachforschungen hatte ich jahrelang hinausgezögert, vielleicht aus einem unbewussten Gefühl der Angst, ich könnte bei der Spurensuche auf Dinge stoßen, die meine ohnehin schlimmen Erwartungen noch übertreffen würden.

Der Autor folgt durchaus nicht nur den Spuren des Vaters, Gerhard Bast, er erzählt die Geschichte einer Familie, die romanhafte Züge hat; in der es beträchtliche Unordnung in den Beziehungen gibt und gleichzeitig ein großzügiges Darrüberhinwegsehen. Doch über das Unrecht, dessen sich die meisten Familienmitglieder schuldig gemacht haben, hat keines je ein Wort verloren, vermerkt Martin Pollack mit Bitterkeit. Er hat ein rundherum lesenswertes Buch geschrieben, in dem die literarische Qualität mit der faktischen Geschichtsschreibung Schritt hält, in dem sich atmosphärische Schilderungen ebenso finden, wie dokumentarische Belege.

Früh haben sich seine Vorfahren der nationalen Sache, dem Deutschtum verschrieben. Sie lebten in der Untersteiermark. Als so genannte Grenzdeutsche verstanden sie sich als Bewahrer und Schützer deutscher Kultur und Sprache in feindlicher - in diesem Fall slowenischer - Umgebung.

Gerhard Bast wurde 1911 in Gottschee, slowenisch Kocevje, einer kleinen Stadt in der gleichnamigen Landschaft geboren. Er wuchs in Niederösterreich auf. Sein Jurastudium absolvierte er - genau wie Vater und Onkel - in Graz, der "Stadt der Volksbewegung", wie Hitler sie später rühmte, wo fanatisierte Massen den Anschluss an Nazideutschland kaum erwarten konnten. Dort herrschte in den frühen 1930ern ein raues Klima der Gewalt. Unter den Korpsstudenten galt es, sich kompromisslos, mit blindem Eifer für die völkische Einheit und Reinheit einzusetzen. Auch sie fieberten dem Nationalsozialismus entgegen:

Die jungen Leute hatten gelernt zu hassen, was sie umgab, den neuen, mickrigen Staat, den demokratischen Parlamentarismus und die politischen Parteien, die Pfaffen und die Bolschewiken, die Kapitalisten und die Juden, die ausländischen Mächte, die Österreich den Anschluss an Deutschland verboten, die Slowenen, die uns die Untersteiermark geraubt hatten, sie wollten die Gesellschaft von Grund auf umkrempeln...alles sollte sich einem starken Führer unterordnen. Bedingungsloser Gehorsam im Dienst der deutschen Volksgemeinschaft.

Die Sozialisation war rundherum völkisch, nationalistisch. Ab 1936 hatte Gerhard Bast schon eine Führungsposition in der damals in Österreich noch illegalen SS inne. Und bald nach dem "Anschluss" trat der promovierte Volljurist seinen Dienst bei der Gestapo in Graz an und gehörte gleichzeitig zum SD, dem Sicherheitsdienst; wichtige Institutionen des Terrorregimes, wie Martin Pollack schreibt. Derweil ist der Großvater des Autors als Leiter des Kreisrechtsamts in Amstetten mit der Arisierung des jüdischen Besitzes beschäftigt. Antisemitismus war der Familie Bast ebenso selbstverständlich, wie das Bewusstsein, einer herausragenden Rasse anzugehören.


Die Stationen der Laufbahn des Vaters sind geprägt von brutalen, oft mörderischen Handlungen an Menschen, die zu Feinden des Regimes zählten oder willkürlich erklärt wurden. Dazu gehören beispielsweise Hinrichtungen polnischer Zwangsarbeiter, an denen Gerhard Bast nach späterer Aussage eines ehemaligen Gestapobeamten mit "Freude und Wohlgefallen" teilgenommen habe. Das Morden aber konnte er anderen überlassen:

Als Henker bediente sich die Gestapo polnischer Zivilarbeiter, die wegen kleinerer Vergehen verhaftet worden waren und als eindeutschungsfähig galten - das Henkersamt galt offenbar als rassische Bewährungsprobe. Wer die nötige Härte, ja Brutalität bewies, konnte schon fast als Deutscher durchgehen. Angeblich herrschte kein Mangel an Kandidaten.

Die aktenkundigen Beweise über die Verbrechen Gerhard Basts sind rar, denn im Frühjahr 1945 hat die Gestapo belastendes Material vernichtet. Und dennoch gibt es für Martin Pollack keinen Zweifel an dessen Täterschaft. In den späteren Kriegsjahren zieht sich immer wieder das Schreckenswort Sonderkommando durch die Schilderung der väterlichen Aktivitäten. Der Autor bringt in Erfahrung, dass der Vater Ende 1942 als Leiter eines Sonderkommandos im Rahmen der Einsatzgruppe D im Südosten aktiv war. Zu den Aufgaben gehörte es, die eroberten Gebiete von Juden, kommunistischen Funktionären und Agenten zu reinigen, was durch die Tötung aller erfassten, rassisch und politisch unerwünschten Elemente gelöst werden sollte, so fasste einer der Beteiligten vor einem US-Militärgericht die Arbeit zusammen.

Wie beiläufig Gerhard Bast seine grauenvolle Arbeit verrichtete, wird aus Eintragungen in das Tourenbuch des begeisterten Skiläufers deutlich. Da ist dann von prima Schnee und prima Essen die Rede, von schönen Bergtouren, ein paar Tagen Ferien, von guter Stimmung unter den SS-Freunden. Auch ohne Aktenbeweise wisse er genug, schreibt der Autor. Allein, dass der Vater dem Dienst treu blieb, spreche gegen ihn.

Am Ende des Krieges hatte er eine Menge Orden vorzuweisen, hat mit seinem Sonderkommando, das seinen Namen trug, zuletzt in der Slowakai die Aufständischen und Partisanen bekämpft, Juden aufgegriffen, sie dem Tod ausgeliefert.

Da lässt auch die Aussage eines ehemaligen SS-Oberscharführer, der im Bast-Sonderkommando tätig war und dem Leiter bescheinigt, er sei human verfahren, den Autor nicht hoffen, denn... "human; was bedeutet das in der Sprache der Täter?"
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