BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
12.9.2004
Jeremy Rifkin: "Der Europäische Traum - Die Vision einer leisen Supermacht"
Campus-Verlag, 2004
Vorgestellt von Conrad Lay

Jeremy Rifkin:"Der Europäische Traum", Coverausschnitt (Bild: Campus Verlag, Frankfurt am Main/ New York 2004)
Jeremy Rifkin:"Der Europäische Traum", Coverausschnitt (Bild: Campus Verlag, Frankfurt am Main/ New York 2004)
Natürlich sieht Jeremy Rifkin die Menschheit wieder einmal an einem Scheideweg wie schon in seinen letzten Büchern "Das Ende der Arbeit" und "Access". Diesmal ist es nicht die Arbeitsgesellschaft, auch nicht die Internetwelt, die ihn umtreibt. Stattdessen stellt er der Welt ein neues Modell vor: den "Europäischen Traum".

Bereits im Titel spürt man die Rivalität: Europa contra Amerika, Europa löst Amerika in der Attraktivität ab, die Europäer haben "auf dem Weg in die neue Zeit die Führung übernommen", so Rifkin wörtlich, während der Amerikanische Traum in der Sackgasse gelandet ist. Er schreibt:

Die Souveränität ist das Thema, das die USA und die EU am gründlichsten spaltet und den älteren Amerikanischen Traum vom neuen Europäischen unterscheidet. Es ist ein merkwürdiges Paradox, dass in einer zunehmend globalisierten Welt, deren geografische Grenzen immer lockerer werden oder verschwinden, die US-Regierung unerbittlich auf ihrer Vorstellung von Souveränität beharrt, obwohl alles um sie herum dagegen spricht. Aber Träume sterben langsam.

Doch dann weiß Rifkin positiv zu überraschen: Er widersteht der Versuchung, sich in vordergründigen außenpolitischen Polemiken zu ergehen, das Wort "Irak" taucht im ganzen Buch nur ein-, zweimal auf.

Stattdessen legt Rifkin sein Buch tiefgründiger an, und genau dort, auf der kulturhistorischen Ebene, hat es seine Stärken. Zum Beispiel wenn er fragt: Was bedeutet Eigentum für die nach Amerika Eingewanderten? An welche alten europäischen Traditionen knüpfen sie an? Warum gab es dort niemals sozialistische Bestrebungen? Oder: Wie kamen die Europäer mit ihrer räumlichen Enge zurecht? Welche Konsequenzen haben sie aus ihren zahlreichen Kriegen und Katastrophen gezogen?

Es gibt gute historische Gründe, dass die Amerikaner Freiheit negativ definieren: also frei von etwas zu sein, nicht abhängig von anderen, sondern autonom zu sein. Frei war man, wenn man sich weit draußen im Grenzland eine Insel für sich schuf mit möglichst viel Land als Abgrenzung zum nächsten Nachbarn. Rifkin schreibt:

Wenn Amerikaner nach Europa reisen, fällt ihnen immer auf, wie eng die Straßen sind, wie dicht die Häuser beieinander stehen, wie überfüllt die Cafés sind und wie klein die Portionen auf den Tellern. Selbst die Rolltreppen sind eng - ein dicker Amerikaner kann sich kaum durchquetschen. Winzig und kleinkariert kommt uns alles vor.

Im kleinteiligen Europa dagegen - so führt Rifkin aus - war man auf andere angewiesen, war eingebunden in eine Gemeinschaft, in ein Netzwerk von Beziehungen - und je reichhaltiger diese waren, je mehr Anregungen sie boten, desto freier war man. Rifkin spielt diesen Gedankengang an unterschiedlichen Beispielen durch: Der alte Amerikanische Traum dreht sich darum, dass es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann, der neue Europäische zielt darauf ab, die Lebensqualität für die Bevölkerung insgesamt zu verbessern.

Für Europäer hat Sicherheit mit dem Eingebundensein in Gemeinschaften zu tun - Rifkin entdeckt die Zugbrücke und den Burggraben als Symbole europäischen Raumverständnisses. Wenn er die Linie noch etwas weiter zieht und an die Abschottung durch das Schengener Abkommen denkt, mag er durchaus Recht haben. Die nach Amerika eingewanderten Puritaner setzten ihre individuelle Arbeit, ihre Werke mit guten moralischen Werten gleich; sie sind glücklich, wenn sie ständig produktiv sind.

Die meisten Einwanderer in die USA beschlossen, ihre Vergangenheit zu vergessen und ihre Gegenwart der Zukunft zu opfern. Der Europäische Traum ist demgegenüber viel ehrgeiziger. Europäer wollen ihr kulturelles Erbe bewahren, eine gute Lebensqualität hier und jetzt genießen und in der nahen oder nicht allzu fernen Zukunft eine nachhaltige, friedliche Welt schaffen.

Seine Hauptthese lautet: In einer Welt der Globalisierung kommt man nicht als alleinstehendes Wesen weiter - wie der Cowboy auf der weiten Prärie -, sondern nur durch Vermittlung, durch Einbindung, durch internationale Verträge, durch Diplomatie: also durch eben jene Dinge, durch die die Europäer sich in seinen Augen auszeichnen.

Rifkin knüpft damit an die in seinem Buch "Access" geäußerten Überlegungen an: In einer globalen Risikowirtschaft sind Netzwerkbeziehungen, also gegenseitiges Vertrauen und Kooperation, eher angebracht als krasser Individualismus. Was für die Wirtschaft gilt, gilt auch für Nationalstaaten: auch hier ist Kooperation geboten. Rifkin sieht deshalb die Europäische Union als Vorreiter, auch wenn er ihr durchaus Zaghaftigkeit attestiert. Übrigens: Eine "leise" Supermacht ist nach seinem Verständnis eine, die ihren Status nutzt, um besser kooperieren, nicht dominieren zu können.

Der Europäische Traum lebt - in der Version Rifkins - vom Eingebundensein in Gemeinschaften, von der Anerkennung der Unterschiedlichkeit, von der Nachhaltigkeit, von Lebensqualität, der Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte, den Rechten der Natur und den Frieden unter den Völkern. Das ist natürlich etwas viel auf einmal. Aber auf den knapp 500 Seiten hat Rifkin ja auch Gelegenheit, sich den unterschiedlichsten Themen zu widmen: dem Tierschutz, der Entstehung des Privateigentums und der europäischen Verteidigungspolitik. Insgesamt aber eine anregende Lektüre, die - statt der Polemik zu verfallen - lieber etwas tiefer schürft.
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge