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19.9.2004
Thomas Ramge: "Die Flicks. Eine deutsche Familiengeschichte über Geld, Macht und Politik"
Campus Verlag, Frankfurt am Main/ New York 2004
Vorgestellt von Dorothea Jung

Thomas Ramge: "Die Flicks", Coverausschnitt (Bild: Campus Verlag)
Thomas Ramge: "Die Flicks", Coverausschnitt (Bild: Campus Verlag)
Die deutsche Familiengeschichte über Geld, Macht und Politik beginnt 1883 in einem kleinen Dörfchen im Siegerland, dem Geburtsort von Friedrich Flick. Niemand sang dem Knaben an der Wiege ein Lied darüber, dass man ihn einmal Friedrich Flick, den Großen, nennen würde. Denn die Verhältnisse, in die der spätere Konzernchef hineinwuchs, waren kleinbürgerlich. Und auch Friedrich Flicks Wesen wies wenig Anzeichen von Größe auf. Dafür sein unternehmerisches Talent um so mehr, meint Buchautor Thomas Ramge:

Friedrich Flick war ein Spartaner. Sein einziges Ziel im Leben bestand darin, einen möglichst großen Konzern aufzubauen, der möglichst viel Geld abwirft, um dieses Geld wieder zu reinvestieren. Um dann diesen Konzern noch größer zu machen. Das war seine Lebensmaxime. Er war unglaublich diszipliniert; er war ein unglaublich geschickter Geschäftsmann. Und Moral war für ihn keine wirkliche Größe, die es bei seinem Handeln in irgendeiner Form zu berechnen galt.

Die kolossale Materialschlacht des Ersten Weltkrieges war für den jungen Friedrich Flick die Basis seines wirtschaftlichen Erfolges. Zunächst machte er mit Kriegsschrott Geschäfte, später auch mit geschickten Börsenspekulationen. Innerhalb von wenigen Jahren war er vom mittellosen Angestellten zum Industriemagnaten aufgestiegen und verfügte zu Beginn der 30er Jahre über einen weitgestreuten Konzernbesitz.

Wie viele Bürgerlich-Konservative in der Weimarer Republik lehnte Friedrich Flick die Nationalsozialisten zunächst ab, weil sie proletarischen Stallgeruch verströmten. Aber spätestens nach Hitlers Machtergreifung wusste der Unternehmer, dass er sich mit den Nazis politisch arrangieren musste, wenn er weiterhin erfolgreich sein wollte.

Thomas Ramge: Er erkannte, dass seine metallverarbeitenden Betriebe sich relativ schnell in Rüstungsbetriebe konvertieren ließen. Und genau das tat er. Er buhlte sofort um die großen Rüstungsaufträge, die bereits 1934 ja von den Nazis herausgegeben wurden. Und er buhlte hervorragend. Er ging ins Rennen, und binnen zehn Jahren stieg er dann zum wichtigsten Rüstungslieferanten der Wehrmacht auf.

Flick spendete großzügig Geld an NSDAP und SS und profitierte im Gegenzug von der sogenannten Arisierung jüdischer Unternehmen. - Und von der billigen Arbeitskraft von mindestens 40.000 Zwangsarbeitern.

Thomas Ramge: Er behauptete, er wurde dazu gezwungen. Man kann klar nachweisen, dass der Konzern sich darum bemüht hat, auch Zwangsarbeiter in seine Betriebe zu bekommen. Und diese Zwangsarbeiter mussten wie in allen deutschen Großbetrieben natürlich unter widrigsten Bedingungen schuften. Und auch dafür gibt es zahlreiche Akten, die das klar belegen.

Wie viele Zwangsarbeiter in Betrieben von Friedrich Flick gestorben sind, ist nicht bekannt. Thomas Ramge hält eine fünfstellige Zahl für wahrscheinlich. - Nach dem Kriege wurde Friedrich Flick wegen der Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Nürnberg zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt. In seinem Schlusswort vor Gericht sagte er:

Ich protestiere gegen die Tatsache, dass in meiner Person Deutschlands Industrielle vor der ganzen Welt als Sklavenausbeuter und Räuber verleumdet werden. Niemand unter den vielen Leuten, die meine Mitangeklagten und mich kennen, wird glauben wollen, dass wir Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Und niemand wird uns unterstellen, dass wir Kriminelle sind.

1950 kam Friedrich Flick frei - und weigerte sich bis zu seinem Tod, Zwangsarbeitern auch nur eine Mark Entschädigung zu zahlen.

Ausführlich und kenntnisreich geht Thomas Ramge in seinem Buch auf die sogenannte Flick-Spenden-Affäre ein, die Anfang der 80er Jahre ans Licht kam und als der größte politische Skandal der Bundesrepublik bezeichnet werden kann. Da war Friedrich Flick bereits zehn Jahre tot, und ein glückloser Sohn führte die Geschäfte des Unternehmens weit weniger kompetent als sein Vater.

Natürlich widmet sich der Autor auch den Familienstreitigkeiten und den Enkeln des Firmengründers. Diese Generation musste sich dem schwierigen geschichtlichen Erbe der Familie stellen. Alle drei Flick-Enkel hätten sich irgendwann für eine Flucht in die Kunst entschieden, erzählt Thomas Ramge:

Sie fliehen gewissermaßen aus der Familiengeschichte, und interessanterweise holt sie die Familiengeschichte genau in dem Moment wieder ein, in dem sie mit ihrer Kunst wieder nach außen treten. Das gilt natürlich besonders für Friedrich Christian Flick. In dem Moment, an dem er mit dieser Sammlung sich selbst nach außen darstellen möchte, wird er wieder mit der eigenen Familiengeschichte konfrontiert, und der lange Schatten des Großvaters holt ihn wieder ein.

Im Gegensatz zu seinen Geschwistern weigert sich Friedrich Christian Flick, in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen. Er verweist auf seine Potsdamer Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz. Dennoch rief die geplante Ausstellung seiner Sammlung Kritiker auf den Plan. Thomas Ramge reiht sich nicht ein in die Riege dieser Kritiker. Er wirbt um Verständnis dafür, dass ein Erbe mit seiner Kunst einen eigenen Weg gehen will.

Der Autor hat kein Anti-Flick-Buch geschrieben. An einigen wenigen Stellen drängt sich sogar der Eindruck von zu großer Nähe auf. Auch wird enttäuscht, wer sich genaue Quellenverweise wünscht und neue wissenschaftliche Forschungsergebnisse erwartet. Dennoch ist dies ein Buch, das einen Panorama-Blick auf die Geschichte der Familie Flick anbietet und sie von den Anfängen bis heute in ihren historischen Bezügen in locker journalistischem Stil gut lesbar darstellt.

Als Einstieg in diese Familiengeschichte über Geld, Macht und Politik können interessierte Zeitgenossen durchaus Nutzen aus der Lektüre ziehen. Eine wissenschaftliche, historisch-kritische Geschichte der Familie Flick vom Anfang bis in die Gegenwart wäre indessen noch zu schreiben.
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