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26.9.2004
Wolfgang Koydl: "John Kerry. Eine neue Politik der Weltmacht USA?"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
Vorgestellt von Annette Riedel

Wolfgang Koydl: "John Kerry", Coverausschnitt (Bild: S. Fischer Verlag)
Wolfgang Koydl: "John Kerry", Coverausschnitt (Bild: S. Fischer Verlag)
Diejenigen Amerikaner, die dem pflichtbewusst seinen Siegeswillen am 2. November verkündenden John Kerry ihre Stimme geben werden, müssen nicht unbedingt überzeugt sein, dass er wirklich der beste Präsident wäre. Viele werden John Kerry wählen, so schätzt es Wolfgang Koydl in seinem Buch ein, weil für sie schlicht gilt: 'ABB' - kurz für: Anyone but Bush - Jeder nur nicht Bush.

Die Mehrheit der Menschen anderswo in der Welt, in Europa allemal, mag das ebenfalls so sehen. Aber, so warnt der Autor berechtigter Weise vor einer allzu simplen Hoffnung auf ein komplettes Umsteuern amerikanischer Politik unter einem Präsidenten Kerry: Die Europäer seien gut beraten, sich auf unliebsame Überraschungen einzustellen:

Wird sich in einer Kerry-Administration der Gulliver Amerika friedlich niederlegen und von den Europäern mit Tausenden kleiner Seile binden lassen? Oder wird auch Kerry als Präsident nicht anders handeln können, als in erster, zweiter und auch noch in dritter Linie amerikanische Interessen zu verfolgen?

Er wird und er muss. Und doch würde mit John Kerry ein anderer Typ Politiker die Geschicke Amerikas lenken. Er wäre ein Präsident mit einer sehr anderen persönlichen und politischen Biografie als der amtierende: Kerry, der Diplomatensohn, kennt zum Beispiel viele Teile der Welt seit frühester Jugend aus eigener Anschauung.

Dass er in seinem Vater, dem erfahrenen Diplomaten Richard Kerry, einen frühen, einen maßgeblichen Lehrmeister hatte, erfährt der Leser im Buch von Wolfgang Koydl, wenn Kerry mit folgenden Sätzen über den Einfluss seines Vaters auf ihn zitiert wird:

Er brachte mir bei, andere Länder, ihre Probleme, Hoffnungen und Herausforderungen auch mit deren eigenen Augen zu sehen, um sie verstehen zu können.

Es ist in der Logik dieses Denkens, dass Kerry nicht nur von der Wichtigkeit internationaler Kooperation, verlässlicher Verbündeter und der wichtigen Rolle der Vereinten Nationen überzeugt ist, sondern sie auch immer wieder betont. Aber, den Eindruck zu erwecken, er würde sich unter die Fuchtel von Verbündeten oder Bündnissen oder internationalen Organisationen stellen, kann sich auch ein Kerry nicht leisten, wenn er gewählt werden will.

Koydl kommt zu dem Schluss, dass ein US-Präsident Kerry in der Substanz keine völlig veränderte Außenpolitik machen würde. Was sich tatsächlich entscheidend änderte, wären vielmehr der Stil, die Rhetorik, die Diplomatie - und das Verständnis und der Respekt für europäische und internationale Befindlichkeiten. Er würde stehen für...

(...) eine an Interessen orientierte, klar umrissene Außenpolitik, die auf anmaßende moralische Überlegenheitsansprüche der USA bewusst verzichtet.

Am vielleicht interessantesten ist Koydls Buch da, wo er abklopft, was von Kerry in Bezug auf Themen zu erwarten ist, die in der öffentlichen Diskussion in den USA augenblicklich - weil alles dominiert wird, von Sicherheitsfragen und vom Antiterrorkrieg - keine große Rolle spielen: die Umweltpolitik etwa.

Umwelt im Wahlkampf - das ist in den USA gar nicht selbstverständlich (...) Doch die Bush-Administration hat derart skrupellos umweltpolitische Vorschriften zugunsten ihrer Freunde und Geldgeber in der Großindustrie zusammen gestutzt, dass inzwischen auch jene Amerikaner sensibilisiert worden sind, denen das Thema früher eher gleichgültig war.

Kerry trete als Anwalt grüner Interessen an, was aber keineswegs zwangsläufig bedeute, dass die USA unter seiner Führung doch noch das Klimaschutzabkommen von Kyoto ohne Änderungen ratifizieren würden, aber...

(...) immerhin stellt Kerrys Ansatz eine Verbesserung zu den Umwelt-Ideologen in Bushs Umgebung dar, von denen einige jegliche Form der Schadstoffbegrenzung als Teufelswerk sehen.

Das eigentliche Schmuckstück von Kerrys Wahlprogramm ist, nach Einschätzung des Autors, sein Energieplan. Innerhalb von 20 Jahren sollen mit dessen Hilfe 20 Prozent der Elektrizität in den USA aus regenerierbaren Energien gewonnen werden - ein sicher mindestens so sehr geostrategisch wie umweltpolitisch motiviertes Anliegen von Kerry.

Und der Irakkrieg? Welchen Kurs wird Kriegsveteran und Kriegsgegner Kerry im Irak fahren?

Auch wenn Kerry inzwischen vom Irakkrieg, als 'falschem Krieg am falschen Ort zur falschen Zeit' spricht - er stimmte seinerzeit bekanntlich im Senat für den Krieg. Und er wird sich nicht von den einmal übernommenen Aufgaben im Irak zurückziehen können. Da decken sich die Einschätzungen beider - Autor und Kandidat, der dazu zitiert wird:

Egal wer im November zum Präsidenten gewählt wird - wir werden unsere Mission zu Ende führen

Wolfgang Koydls Buch über John Kerry liest sich auch für den regelmäßigen Zeitungskonsumenten mit Erkenntnisgewinn. Man erfährt natürlich Persönliches - Familie, Kindheit, Jugend im Schweizer Internat, Begegnung mit John F. Kennedy, Yale-Studium, Vietnam, Metamorphose zum Kriegsgegner, Eheglück und Ehepech. Man erfährt natürlich auch von seinen sprichwörtlichen inhaltlichen Volten. Zudem erfährt man Aufschlussreiches über Kerrys Wahlkampfteam und mögliche Aspiranten auf Schlüsselpositionen in seiner Regierung.

Darüber hinaus erfährt man Landeskundliches - etwa über das politische System und die Gewaltenteilung à la USA.

Was für ein Präsident würde ein John Kerry werden? Die Frage muss seriöser Weise offen bleiben. Aber eine echte Mission hätte ein Präsident Kerry:

Er sollte die tiefe Kluft überwinden, welche die amerikanische Gesellschaft durchzieht (...) Wenn es Kerry gelingt, Brücken zu schlagen zwischen den verfeindeten Lagern, dann wäre dies sein wichtigstes Vermächtnis. Denn davon würde nicht allein Amerika profitieren, sondern die ganze Welt.

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