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3.10.2004
Jens Bisky: "Geboren am 13. August – Der Sozialismus und ich"
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2004
Vorgestellt von Jacqueline Boysen

Jens Bisky: "Geboren am 13. August" (Bild: Rowohlt Berlin Verlag)
Jens Bisky: "Geboren am 13. August" (Bild: Rowohlt Berlin Verlag)
Es ist mir ein Rätsel, dass ich dabei war und warum ich nicht spätestens im Januar 1986 den Gehorsam aufgekündigt habe.

Der Journalist Jens Bisky spürt dem Rätsel der eigenen Vergangenheit als Pionier, FDJ-Sekretär und NVA-Offizier im untergegangenen Realsozialismus nach.

Man wurde gemeinschaftsselig, ein wenig traurig, doch nicht zu sehr, und wusste sich, ohne etwas dafür tun zu müssen, auf der besseren Seite.

Jens Bisky, beim Mauerfall 23 Jahre alt, ist einer der drei Söhne von PDS-Chef Lothar Bisky. Er wächst als Kind der DDR auf, in einer staatstragend intellektuellen Familie, die sich aus Überzeugung "proletarisch" nennt, hineingeboren in Kader:

Meine Eltern, beide Studenten, waren ein schönes Paar: er ein etwas kurz geratener Belmondo, sie eine Lollobrigida, die es ins Sächsische verschlagen hatte, wo sie mit ihren üppig wuchernden schwarzen Haaren und dem dunklen Teint als Exotin auffiel, und das mit Freude.

"Geboren am 13. August", heißt bedeutungsvoll der bei Rowohlt erschienene autobiografische Band von Bisky junior, der das Licht der DDR fünf Jahre nach dem Mauerbau erblickte und heute, mit 38 Jahren, natürlich noch nicht auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann.

Meine Situation war paradox: Ich wollte ehrlichen Herzens den Sozialismus und war ein Außenseiter unter meinen Klassenkameraden. Allerdings stand die Staatsmacht immer stützend hinter mir. Ich schwamm gegen den Strom im Alltag und fand eben deshalb die Zustimmung der Autoritäten. Als Kind hat mich das verwirrt, ich fühlte mich unwohl in meiner Rolle.

Von Verwirrung heute keine Spur, denn früh erlernt Bisky, dass Konformität der Schlüssel zum Erfolg ist. So liefert denn der Autobiograf glatt geschmirgelte Erinnerungen an die DDR, die "unvergessene Eintönigkeit des Alltags" in den Neubausiedlungen, wo "die Zerstörung des Städtischen und die Zersetzung des Bürgerlichen" parallel liefen. Biskys Urteil über die "vergifteten Beziehungen zwischen den Menschen", die ihre Kinder arglos zu den Pionieren schickten, ist das des Arrivierten - damals hat Bisky gelernt, wie er heute zu schreiben hat:

Harmlos und niedlich kann ich heute die Pioniere nicht mehr finden. Wie viele Kritiker der Elche war ich früher selber einer, aber das ändert wenig daran, dass kein ehemaliger Raucher so allergisch auf Zigarettenqualm reagieren kann wie ich, der ich Jungpionierratsvorsitzender und Freundschaftsratsvorsitzender gewesen bin, auf die Erwähnung der Pionierorganisation. In ihr ist Unschuld vernutzt worden. Wer mit vierzehn Jahren ein Blauhemd anzieht, ist nicht mehr völlig hilflos. Aber wenn man Dir mit sieben ein Halstuch umbindet und sagt, nun lieb mal Deine Eltern, die Lehrer, die Sowjetunion, den Frieden, die DDR, das Lernen und den Sozialismus?!

Die Hemden der Pionierorganisation hätten ihm blendend gestanden, lässt uns Bisky wissen - und ob er es ironisch meint, ist ungewiss. Zynisch mutet seine Beschreibung der Anpassungsmechanismen an. Selbstverständlich war "seine DDR" frei von Hässlichem - Ausgrenzung oder Repression - und Unzulänglichkeiten wurden gleich entschuldigt:

Was konnte, hieß es zu Hause, der Sozialismus dafür, dass er zum Spielzeug ängstlicher Greise und mittelmäßiger Kader geworden war?

Und was konnte Almuth Bisky, seine Mutter, Sektionsleiterin Kunstpolitik im Rat des Bezirks, dafür, dass sie die Staatssicherheit belieferte:

In den Akten liegen ihre Berichte über Erich Loest, nicht aus seiner Wohnung, doch über dienstliche Treffen und Begegnungen mit ihm. Das sowas geschehen könne, lag jenseits meiner kindlichen Vorstellungskraft. Kundschafter war für mich in jenen Tagen ein Abenteuerberuf, Spitzel gab es unter den Nazis, an das Schreiben von Berichten habe ich so wenig gedacht wie an das Ausreisen ... Ich sehe meine Mutter, die sich, was sie damals tat, bis heute nicht verzeiht.

Deutlicher noch das Urteil über einen Lebensgefährten, der gemeinsame Freunde verriet. Auch hier weiß sich Bisky auf die richtige Seite zu stellen.

Seit ich diese Geschichte kenne, kann ich den Satz 'ich habe niemandem geschadet' nicht mehr hören. Wer sich mit der Stasi einließ, hatte es nicht länger in der Hand. Er hatte die Grenze überschritten, die der Anpassung, dem Mitmachen in der DDR nach dem Konsens ihrer Bürger gesetzt war.

Über Kontakte Lothar Biskys zum MfS - kein Wort. Der Vater erscheint überhaupt selten, zum Beispiel wenn er die Scherben einer teuren, leider zu Bruch gegangenen Flasche Westcognac aufwischt.

Es sei ja selbst im Sozialismus nicht möglich, sagte Vater, die Terrasse jeden Tag mit Dujardin zu wischen.

Dass Bisky senior Humor hat, mag man gerne glauben. Aber war die Welt des Medienwissenschaftlers so elitär, wie sein Sohn sie schildert?

Als Oberschüler wollte Jens Bisky "dauerhaft dem Sog des Durchschnitts entgehen" - und verpflichtete sich bei der NVA. So kann er uns wenigstens sein Coming-out effektvoll schildern als ein Doppelleben zwischen Ost-Berliner Schwulenszene und Offizierskasino. Abgeklärt auch hier der Schreiber, dessen gelerntes Metier die Anpassung ist. Verblüffend: Selbst die Distanzierung von Willkür und DDR-Patriotismus liest sich wie eine Dialektik der Reinwaschung. Die Erfolgreichen der Generation Trabi kann nichts erschüttern.

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