BuchTipp
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10.10.2004
Christine Schirrmacher, Ursula Spuler-Stegemann: Frauen und die Scharia - Die Menschenrechte im Islam
Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2004
Vorgestellt von Susanne Wirtz

Frauen und die Scharia - Die Menschenrechte im Islam (Coverausschnitt) (Bild: Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag)
Frauen und die Scharia - Die Menschenrechte im Islam (Coverausschnitt) (Bild: Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag)
Worauf gründet sich eigentlich die Rolle der Frau im Islam? Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann beantworten diese Frage mit einer fundierten Analyse der Scharia, des islamischen Religionsgesetzes. Im frühen Mittelalter entstanden, ist es bis heute in fast allen islamischen Ländern Grundlage von Rechtsprechung und Personenstandsrecht. Es weist Mann und Frau klare Rollen zu. So ist die Ehe ein Vertrag, mit dem sich der Ehemann zum Unterhalt seiner Frau, seine Frau zum Gehorsam gegenüber ihrem Mann verpflichtet. Der Mann kann - Reformbestrebungen in einigen islamischen Ländern zum Trotz - seine Frau jederzeit ohne Begründung entlassen. Spricht er dreimal den Satz "Ich verstoße dich" aus, ist die Ehe geschieden. Er kann die Formel aber auch nur ein bis zweimal sprechen und die Entscheidung innerhalb von drei Monaten widerrufen oder bestätigen.

Bei dieser Art der verzögerten Scheidungspraxis unterliegt die Frau der alleinigen Entscheidungsgewalt (oder den Launen) ihres Ehemannes, ohne selbst das Geschehen beeinflussen zu können. Fast 100 Tage befindet sie sich in einem Zustand, in dem die Ehe jederzeit beendet oder fortgesetzt werden kann. Ob ein Mann eine widerrufliche Scheidung nochmals bestärkt und sie in eine unwiderrufliche Scheidung umwandelt oder die Ehe fortsetzt und vielleicht drei oder sechs Monate später dasselbe Verfahren beginnt, liegt allein in seiner Hand.

Auch außerhalb ihres häuslichen Umfeldes ist die muslimische Frau dem Mann untergeordnet. So zählt ihre Aussage vor Gericht nur die Hälfte der eines Mannes, in vielen Ländern darf sie nicht als Richterin amtieren.

Im Islam herrsche eine andere, dem Westen fremde Auffassung von Gerechtigkeit, geben die Autorinnen die islamische Sicht der Dinge wieder.

Im Übrigen entstehe Gerechtigkeit in einer Gesellschaft nicht dort, wo alle Mitglieder absolut identische Rechte einfordern könnten, sondern dort, wo jedem das zukäme, was ihm entspräche. Dann herrsche Geschlechtergerechtigkeit. Aufgrund der von Gott vorgesehenen und auch aufgrund biologischer Gegebenheiten unumgänglichen Aufgabenverteilung - Familienfürsorge für die Frau, Erwerbstätigkeit für den Mann - sei eine Gesellschaft dann gerecht, wenn sie der von Gott vorgegebenen Rollenverteilung Rechnung trüge.

Zwar sind nach dem Koran Mann und Frau aus einem Wesen erschaffen und wird an vielen Stellen der Mann aufgefordert, seiner Frau freundlich und mit Respekt zu begegnen. Dagegen aber stehen in Koran und Überlieferung unzähligen Stellen, in denen Frauen abgewertet und männlichem Züchtigungsrecht unterstellt werden. So heißt es in Sure 4, Absatz 34: Diejenigen aber, deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, ermahnt sie, meidet sie im Ehebett, schlagt sie.

Selbstverständlich wäre es eine verkürzte Sichtweise, anzunehmen, dass alle muslimischen Männer ihre Frauen schlagen und dieses Problem in nichtmuslimischen Ehen nicht existierte. Allerdings kann die Tatsache nicht geleugnet werden, dass der als göttliche Offenbarung betrachtete Koran und ebenso die Überlieferung die unzweifelhafte Anweisung zum Schlagen der Ehefrau enthalten. Die gesellschaftliche Wirklichkeit in der islamischen Welt sieht für viele Frauen so aus, dass sie von ihren Ehemännern, die die Züchtigung für ihr von Gott verbrieftes Recht halten, geschlagen werden und es keine -Instanz gibt, die diese Männer zur Rechenschaft ziehen würde.

Vielfach überschneiden sich islamische Maximen auch mit Werten allgemein nahöstlicher Kultur, vor allem wenn es um Begriffe wie Ehre und Schande geht.
Bemerkenswert ist, dass die Frau einerseits als schwaches, impulsives Wesen dem Mann unterlegen gilt, sie aber andererseits die Verantwortung für die Familienehre trägt. Wird eine Frau vergewaltigt, wird immer ein Großteil der Schuld bei ihr gesucht. Da nützt es wenig, wenn der Koran Unzucht und Ehebruch bei Mann und Frau gleichermaßen ahndet. Schon der Verdacht führt nicht selten dazu, dass um den Ruf der Familie besorgte männliche Angehörige das Recht selbst in die Hand nehmen.

Es ist weitentgehender gesellschaftlicher Konsens, dass hier zwar einem vorhersehbaren Ausgang vorgegriffen wurde, aber bei "erwiesener" Schuld doch kein eigentliches Unrecht begangen wurde. Daher schützt die Schariagesetzgebung und die Erfordernis, Zeugen oder ein Geständnis vorzulegen, die Frau nicht wirklich, die in Verdacht des Ehebruchs geraten ist, da sie sich durch die Verurteilung der Gesellschaft in einer Art rechtsfreien Raum befindet. Aufgrund ihres als große Schande empfundenen Verhaltens wird sie sogar der Möglichkeit eines ordnungsgemäßen Prozesses beraubt.

Es gibt nicht den Islam, sondern Rechtsschulen mit unterschiedlichen Auffassungen. Die Scharia wird mal enger, mal flexibler ausgelegt, aber im Kern niemals angezweifelt. Entsprechend unterschiedlich stellt sich daher die Situation von Frauen in der islamischen Welt dar. In einigen Ländern wurden Frauen in Regierungsämter gewählt, an vielen Universitäten sind die Hälfte der Studenten weiblich und Ärztinnen und Lehrerinnen keine Seltenheit.

Der letzte Teil des Buches befasst sich mit der Stellung des Islam zu Themen wie Empfängnisverhütung, Abtreibung künstliche Befruchtung, Genforschung, Klonen und Schönheitsoperationen. Bedingt durch islamische Zuwanderer werden sich künftig auch westliche Gesellschaften mit der Scharia konfrontiert sehen. Eine Entwicklung, die sich schon heute abzeichnet, wenn es etwa darum geht, ob eine muslimische Schülerin am Schwimmunterricht teilnehmen darf.

Das letzte Drittel des Buches ist leider ziemlich konfus geraten. Ansonsten ist es ein lesenwertes Buch, das sich nicht bei Stereotypen aufhält, sondern wissenschaftlich fundiert Vorbehalte gegenüber dem Islam auf eine sachliche Basis stellt.
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