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17.10.2004
Samuel P. Huntington: Who are we - Die Krise der amerikanischen Identität
Europa-Verlag, Hamburg & Wien 2004
Vorgestellt von Konrad Lay

Huntington: Who are we (Coverausschnitt) (Bild: Europa-Verlag)
Huntington: Who are we (Coverausschnitt) (Bild: Europa-Verlag)
Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm und Ursel Schäfer

Wer von Samuel Huntingon den für Amerika sonst typischen Optimismus, das Vorwärts-Schauen, das neue Grenzen Erklimmen und neue Horizonte Erkunden erwartet hätte, sieht sich getäuscht: der emeritierte Politikprofessor der Harvard-Universität schaut mit sorgenvollen Blick in die Vergangenheit zurück: Wird es gelingen, das, was die Vereinigten Staaten einmal groß gemacht hat, wiederzubeleben? Haben die alten Werte der Siedler noch eine Zukunft? Oder ist die "angloprotestantische Leitkultur" - wie Huntingon es nennt - in dem neuen "melting pot", der vor allem durch die Latinos geprägt sein wird, zum Untergang verurteilt? Huntington schreibt:

Die neue Welt ist eine beängstigende Welt, und die Amerikaner haben keine andere Wahl, als mit der Angst zu leben, wenn nicht in Angst.

Zu der Bedrohung von außen, zu den terroristischen Gruppen, die furchtbare Angriffe auf die USA verüben, zu dem "Zusammenstoß der Kulturen", den Huntington prognostiziert hat, kommt nun noch die Bedrohung von innen. Was die amerikanische Nation einmal im Innersten zusammengehalten hat, die nationale Identität, die sich im Gefolge der Revolution von 1776 entwickelt hat, die Werte von Arbeit und Religion, von Individualismus und Protestantismus fallen einem Erosionsprozess anheim. Wird die Nation in einem Zangenangriff von Globalisierung und massiver mexikanischer Einwanderung zerbröselt? Droht gar eine Zweiteilung der Vereinigten Staaten in einen englisch sprachigen und einen spanisch sprechenden Teil? Huntington sieht die Grenze zwischen Mexiko und Amerika verwischt:

Die mexikanische Immigration führt zu einer demographischen Reconquista jener Gebiete Mexikos, die Amerika in den dreißiger und vierziger Jahre des 19.Jahrhunderts mit militärischer Gewalt annektiert hat. Sie mexikanisiert diese Gebiete auf eine Art und Weise, die in mancher Hinsicht der Kubanisierung gleicht, die im Süden Floridas stattgefunden hat.

Die Vorstellungen, wie Einwanderer in die amerikanische Gesellschaft integriert werden können, gehen traditionell auseinander. Huntington unterscheidet - mit einer Vorliebe für Kulinarisches - den "Schmelztiegel, die Tomatensuppe und die Salatplatte". Im Schmelztiegel geben die Einwanderer ihre alte Kultur auf und vermischen sich derart mit der amerikanischen, dass eine neue Kultur dabei entsteht. Huntinton selbst befürwortet das zweite Modell, die Tomatensuppe: danach sollen die Einwanderer "das angelsächsische Standard-Kulturmodell übernehmen", in dessen Mittelpunkt die Kultur der ersten Siedler steht. Der Autor schreibt:

In einer kulinarischen Metapher ausgedrückt ist es angloprotestantische Tomatensuppe, in die durch die Immigration Sellerie, Croutons, Gewürze, Petersilie und andere Zutaten hinzukommen. Sie verstärken und verändern den Geschmack, aber letztlich bleibt es eine Tomatensuppe.

Seit geraumer Zeit kommt die Mehrheit der Einwanderer aus Mexiko bzw. anderen Ländern Lateinamerikas. Damit sie sich besser integrieren können, wird in amerikanischen Schulen verschiedentlich Unterricht in spanischer Sprache angeboten. Nun muss bekanntlich jeder deutscher Gymnasiast zwei Fremdsprachen lernen, da ist es - so sollte man annehmen - nur erfreulich, wenn auch amerikanische Schüler eine Fremdsprache lernen. Doch der Teufel steckt im Detail. Denn in vielen Schulklassen von Los Angeles wird neuerdings nur noch spanisch gesprochen, die Latino-Kinder sind so zahlreich, dass sie gar nicht erst auf den Gedanken kommen, englisch sprechen zu müssen. Huntington resümiert:

Je größer die Zahl der Mexiko-Amerikaner wird, um so wohler fühlen sie sich mit ihrer eigenen Kultur und um so eher begegnen sie der amerikanischen Kultur mit Verachtung.

Auch wenn die Latinos wirtschaftlich ganz unten stehen, sieht Huntington eine Bedrohung, für die es in der amerikanischen Erfahrung "nichts Vergleichbares" gebe. Noch schlimmer:

Derzeit deutet nichts darauf hin, dass die Flut bald abebben könnte.

Letztlich ist es eine konservative Globalisierungskritik, in die Huntington einstimmt. Das in den Augen des Autors besonders Perfide dabei ist, dass ausgerechnet die gebildeten Schichten, die liberalen Eliten, die Hochqualifizierten, die Entscheidungsträger in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sich vom einfachen Volk trennen, das nach wie vor die Fahne der Nation hochhält. Es ist eine merkwürdige Verbindung, die der Harvard-Professor eingeht: eine kleine Minderheit von Intellektuellen tut sich mit einer großen Bevölkerungsmehrheit zusammen, um die alten angloprotestantischen Werte zu verteidigen, in den Worten des Autors: "Gott, das Kreuz und Amerika".

Huntington stellt in seinem 500 Seiten-Werk ein imponierendes Zahlenwerk zusammen, referiert seitenlang Umfrageergebnisse, aber er fragt nicht, wie es nur kommt, dass ausgerechnet die übergroße Mehrheit der Qualifizierten und Gebildeten andere Prioritäten setzt als er. Wobei der Politikwissenschaftler nicht einmal nach Regierungen unterscheidet, also nach Clinton oder Bush - für den Autor sind das einfach "die Eliten", die sich - wie er schreibt - "immer weiter von ihrem Land entfernen".

Weiße Eliten dominieren alle wichtigen amerikanischen Institutionen, aber Millionen von Weißen, die nicht zur Elite gehören, denken ganz anders als die Eliten. Ihnen fehlt es an Selbstvertrauen und Sicherheit, sie haben das Gefühl, dass sie im Wettbewerb der Rassen gegenüber anderen Gruppen zurückfallen.

Huntington setzt seine Hoffnung auf kleine nationale Gruppen, die den alten Traum der großen Nation weiterträumen wollen, ohne nach den Bedingungen in einer globalisierten Welt zu fragen. Seine Sympathien haben die "neuen weißen Nationalisten", die sich bedrängt sehen und auf die Hinterfüße stellen. Vergleichbar ist dieser sog. "weiße Nativismus" mit fremdenfeindlichen Organisationen wie sie etwa von Jörg Haiders Freiheitlicher Partei in Österreich, von Umberto Bossis Lega Nord in Italien oder von Le Pens Front National in Frankreich repräsentiert werden. Im Plädoyer Samuel Huntingtons für einen neuen amerikanischen Nationalismus klingt viel nach verletztem Stolz. Die angloprotestantische Kultur ist - so schreibt er - "das Amerika, das ich kenne und liebe". Und wenn sich dieses Amerika ändert? Huntington hat keine Antwort darauf - außer dem Blick zurück im Zorn.


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