BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
24.10.2004
Wolfgang Herles: "Wir sind kein Volk - Eine Polemik"
Piper Verlag, München 2004
Vorgestellt von Jochen Thies

Wolfgang Herles: Wir sind kein Volk, Coverausschnitt (Bild: Piper Verlag)
Wolfgang Herles: Wir sind kein Volk, Coverausschnitt (Bild: Piper Verlag)
Wirklich polemisch ist Wolfgang Herles Buch nur am Anfang. Je länger man liest, umso mehr entwickelt sich das neueste Werk des Fernsehjournalisten zu einer deutschen Geschichte speziell der letzten 15 Jahre, in die der Autor viele Beobachtungen und Erfahrungen aus seinem Reporterleben einfließen lässt. Herles Buch steht in einer längeren Traditionslinie - ob er dem zustimmen mag oder nicht: Es ist das Werk eines rauflustigen, in Bayern aufgewachsenen Süddeutschen, der in sich manchen Vorbehalt trägt, wie er für Menschen südlich der Mainlinie seit den Tagen von Bismarck typisch ist.

Dieser Umstand entwertet das Buch keineswegs, im Gegenteil, er macht es farbiger, weil der gebürtige, in sich ruhende Bayer manches ausspricht, was viele Rheinländer, Badener, Schwaben und natürlich Bayern denken. Freunde im Osten wird er sich damit nicht machen. Aber so geht es ja auch den überregionalen deutschen Zeitungen, zum Beispiel der "Süddeutschen", die - wie Herles berichtet - von ihren täglichen 420.000 Exemplaren nur 9000 in den neuen Bundesländern verkauft. Wobei wir bei einer der großen Stärken des Buches angelangt wären, dem gut aufbereiteten Zahlenmaterial aus Umfragen und aus Statistiken, das der Autor ebenso präsentiert wie die Literatur, die zum Thema deutsche Einheit in den letzten Jahren erschienen ist.

Wie es sich für eine Polemik gehört, legt Herles schon im Vorwort ordentlich los und präsentiert seine These:

Sie lautet: Falsch verstandener Patriotismus hat den Niedergang Deutschlands beschleunigt. Für Patrioten war die Wiedervereinigung ein Unternehmen, das zu hinterfragen, mit skeptischer Vernunft zu prüfen und ins Werk zu setzen sich von selbst verbot. Es durfte nur das patriotische Herz sprechen, nicht der Verstand. Patrioten sind von der fixen Idee besessen, dass die totale Einheit das totale Glück der Deutschen sei. Aber das vergebliche Streben nach der totalen Einheit mindert das Glück sehr vieler Deutscher beträchtlich.

Einmal in Fahrt gekommen, legt der studierte Germanist nach:

Heute geht es nicht mehr zuerst um Einheit zwischen Ost und West - was auch immer man inzwischen darunter verstehen mag -, sondern darum, ein vom Vereinigen ramponiertes Land wieder in Ordnung zu bringen. Das ist nicht nur eine Frage von Wirtschaft und Finanzen, nicht nur eine Aufgabe für den Mitgenommenen Sozialstaat. Die verkorkste Einheit hat auch tiefe immaterielle Schäden angerichtet. Sie werden noch immer weit unterschätzt. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen den materiellen Folgen der Einheit und der Reformresistenz der Deutschen. Die Einheit hat die Menschen so überfordert, dass sie weitere Veränderungen ablehnen.

Mit Sorge analysiert Herles, dass sich hinter der DDR-Mentalität, wie sie bei den jüngsten Wahlentscheidungen in Brandenburg und Sachsen zum Vorschein kam, deutsche Eigenarten verbergen, die tief in die Geschichte zurückreichen. Was er hier zusammenträgt, kann nicht einfach beiseite geschoben werden. Herles' Beweisführung stimmt nachdenklich.
Was an Herles Buch darüber hinaus gefällt, ist, dass er so manchem tagesaktuellen Thema noch einen interessanten, seine Thesen belegenden Aspekt abgewinnt, etwa der gescheiterten Leipziger Olympiabewerbung:

Die Deutschen wollten es nicht wahrhaben, dass Leipzig gegen Paris, Madrid, London, New York nie eine Chance gehabt hat. Es war Hybris, überhaupt anzutreten. Hamburg hätte mithalten können. Aber die Hansestadt wurde als eine Art emotionale Transferleistung geopfert. Montagsdemos und Gebete in der Nikolai-Kirche brachten die Olympiabewerbung mit der Auflehnung gegen die DDR-Diktatur in einen absurden Zusammenhang. Die deutsch-deutsche Empfindlichkeit interessierte außerhalb des Landes aber niemanden. Und die Enttäuschung der Sportfunktionäre und Politiker über die voraussehbare Schlappe beweist nur, wie weltfremd sie sind, wenn es um die Einheit geht. Von den Ostdeutschen mit dem Zeug zu Staatsmännern und Staatsfrauen, die auch im Westen gewählt würden, bleibt kaum jemand übrig.

Herles, der dem Patriotismus eine Absage erteilt, ohne ein Anti-Patriot zu sein, träumt von einem Europa, wie es schon einmal, bevor die Nationalstaaten es zerschnitten, vor eintausend Jahren bestand. Aus dieser Vorstellung, aus einem Kontinent des Geistes und der Bildung, entwickelt er seine schonungslose Bestandsaufnahme der deutschen Gegenwart:

Die "Vollendung der Einheit" ist ein Hirngespinst, noch dazu ein gefährliches.
Das europäische Deutschland, aber auch die Gestalt Europas als Ganzes wird künftig mehr an alte Strukturen erinnern, die der Nationalismus und das Deutsche Reich Bismarcks zerstört hatten. Europa und seine Teilstaaten werden nicht ein von oben nach unten gesteuertes, sondern ein dicht verwobenes Netzwerk aus staatlichen und privaten Organisationsformen sein. Er wird ohne Bürgersinn so wenig auskommen wie ohne die Freiheit der Bürger, ihr Glück als Individuen zu suchen.


-> BuchTipp
-> weitere Beiträge