BuchTipp
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31.10.2004
Hannes Stein: Endlich Nichtdenker - Handbuch für den überforderten Intellektuellen
Eichborn Verlag, Berlin 2004
Rezensiert von Michael Miersch

Hannes Stein: Endlich Nichtdenker, Coverausschnitt (Bild: Eichborn Verlag)
Hannes Stein: Endlich Nichtdenker, Coverausschnitt (Bild: Eichborn Verlag)
Manchmal habe ich es satt. Ich habe es satt, mit Engelszungen gegen die Mauer der Ignoranz anzureden. Ich mag nicht mehr geduldig darüber diskutieren, ob esoterische Kristalle Krebs heilen, der Mossad hinter dem 11. September steckt oder die DDR auch ihre guten Seiten hatte. Was tun? Soll ich mich im Selbstmitleid suhlen und mit Lichtenberg trösten, der schrieb: "Es ist das Elend der Welt, dass die Dummen so laut und die Klugen so voller Selbstzweifel sind." Oder soll ich mich wegen akuter intellektueller Depression beim Therapeuten anmelden? Schließlich ist es viel angenehmer gemeinsam zu verblöden, als intellektuell zu vereinsamen.

Ein neues Buch zeigte mir den Ausweg. Mein Leiden muss nicht sein. Man kann etwas dagegen tun. Wer immer wieder an der Engstirnigkeit seiner Mitmenschen verzweifelt, der greife zu Hannes Steins Ratgeber "Endlich Nichtdenker!". Dieses "Handbuch für überforderte Intellektuelle" nimmt den Leser fürsorglich an die Hand und zeigt ihm die Wege zur Besserung. Man muss nur einen davon beschreiten und schon schwelgt man in selbstgefälliger Zufriedenheit und ist mit der Arroganz der Dummheit gewappnet. Man findet überall Freunde, macht mühelos Karriere und kann sich mit schönen Frauen, die man früher nie kennen lernte, über Doku-Soaps auf RTL2 unterhalten.

Denn seien wir ehrlich: Denken macht einsam, Denken macht hässlich, Denken führt in geistige Problemzonen. Und die Chancen, mal ins Fernsehen zu kommen, sinken gegen Null. Hannes Stein schreibt:

Wer grübelt wie Rodins Bronzemann, schließt sich von der Mehrheit aus; er wird bald feststellen, dass er mit vielen Leuten kein Gesprächthema mehr findet. Mitten in der Menge bleibt der Denker ein intellektueller Einzeller, eine Monade. Es gibt für ihn nur eine Möglichkeit, wie er wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann: Er muss mit seiner unsozialen Gewohnheit brechen.

Das Buch beschreibt acht Pfade zum Nichtdenken. Einer davon genügt, um das Ziel zu erreichen, und jeder Leser kann sich den passenden aussuchen. Man kann - Pfad 1 - immer nach Harmonie streben und alles meiden, was nicht ins eigene Weltbild passt. Oder - Pfad 2 - sich voll und ganz in die wärmende Gemeinschaft von Volk, Nation oder Kietz einkuscheln. Schon Karl Kraus wusste: "Nationalismus ist die Liebe, die mich mit den Dummköpfen meines Landes verbindet." Auf dem 3. Pfad wird empfohlen, sich prinzipiell auf die Seite der Mehrheit zu schlagen. Pfad 4 hat Erfolg, wenn man sich jegliche Selbstkritik abgewöhnt. Nicht mehr zuhören, sondern immer und über alles reden, empfiehlt Pfad 5. Pfad 6 ist der religiöse Weg. Am gründlichsten kann man sich das Denken abgewöhnen, wenn man zum Islam konvertiert. Denn mehr als andere Religionen fordert diese von ihren Gläubigen totale geistige Unterwerfung. Wer Pfad 7 beschreitet, muss sich nur das Lesen abgewöhnen und Pfad 8 führt in den zerebralen Nebel des Rausches. Wer alles gleichzeitig versucht, mutiert innerhalb weniger Wochen garantiert zu einem glücklichen Schaf mit breitem Buddhagrinsen.

Dass eine gewisse Nachdenklichkeit und Zweifel an der vorherrschenden Meinung einsam machen können, habe ich in den vergangenen drei Jahren deutlich gespürt. Es begann nach dem 11. September 2001, als die Deutschen in erstaunlicher Harmonie zu einer einzigen großen Lichterkette gegen die finstere US-Regierung zusammenrückten. Plötzlich war jede Plauderei im Freundeskreis ein verbales Tretminenfeld. Egal ob im Taxi, beim Friseur oder beim Elternabend, aufrechte Empörung über die Kriegstreiber in Washington und die Friedensstörer in Israel gehörte zum guten Ton. Die obligate Zustimmung wurde von jedem Anwesenden gnadenlos abgefragt. Wer sie verweigerte, machte sich verdächtig.

Den vorläufigen Höhepunkt erreichte diese demokratische Selbstgleichschaltung, als im Jahre 2003 Deutschland vom Verschwörungsbücherboom überschwemmt wurde. Plötzlich wuchsen Esoterik und Weltpolitik zusammen. Die Ignoranz zog im Gewand der Erleuchtung durch die Lande. Und sie erfasste so viele Köpfe, dass kaum einer übrig blieb, dem es noch auffiel. Wie sagte Brecht so schön: "Unsichtbar wird die Dummheit, wenn sie genügend große Ausmaße angenommen hat."

Hannes Stein muss irgendwie ähnliche Erfahrungen gemacht haben, denn in seiner Anleitung zum Nichtdenken empfiehlt er im fünften Pfad ein ausführliches Studium von Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheoretiker galten früher als Spinner. Nach dem 11. September 2001 hat sich das zum Glück entschieden geändert. Eine Spekulation übertraf die nächste, das Publikum war begeistert, und schließlich spitzte sich alles auf eine These zu: die Amerikaner hätten das Massaker in Manhattan selbst inszeniert. Höchste Regierungskreise und Geheimdienste hätten ihre Hand im Spiel gehabt. Sie wollten einen Vorwand in die Hand bekommen, um gegen die arabische Welt loszuschlagen. Wenn Sie mit dem Denken aufhören wollen - dann studieren Sie diese Theorien und glauben Sie jedes Wort.

Da kämpft einer gegen die Dampfwalze der Ignoranz mit dem Florett der Ironie. Ironie, schreibt Stein, …

... ist kein Zeichen von Stärke, sondern ein Zeichen von Schwäche; es gibt bei ihr wirklich nichts zu holen. Sieger sind nicht ironisch, nur die anderen müssen es sein. Ironie ist ein Rückzugsgefecht. Sie ist die Waffe dessen, der keine Waffen hat und weiß, dass sein Kampf verloren ist.

Doch statt zu resignieren, führt Stein diese Waffe zur Freude des Lesers höchst elegant und mit Witz. Jedes mal wenn das Florett die Dampfwalze trifft, sprühen die Funken. Die Übermacht der Dummheit kann ihm nicht die gute Laune verderben. Eine Pointe geht immer noch.

Allen überforderten Grüblern, die wieder in Harmonie mit ihrer Umgebung leben möchten, die ihre zerfurchte Stirn glätten und das Leben wieder genießen wollen, sei dieses Buch ans Herz gelegt. Schlagen Sie sich auf die Sonnenseite des Lebens: Hören Sie auf zu denken!

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