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14.11.2004
Wolfgang Benz: "Was ist Antisemitismus?"
Verlag C. H. Beck, München 2004
Vorgestellt von Hartmut Jennerjahn

Wolfgang Benz: "Was ist Antisemitismus?", Coverausschnitt (Bild: Verlag C. H. Beck)
Wolfgang Benz: "Was ist Antisemitismus?", Coverausschnitt (Bild: Verlag C. H. Beck)
Das alltägliche Vorurteil, von Generation zu Generation unreflektiert überlieferte Vorstellungen der Mehrheit von der Minderheit, ist das zentrale Thema dieses Buches. Nicht um offenkundige extreme oder gewalttätige Auswüchse geht es, sondern um Stereotype, tief verwurzelte Einstellungen.

In all ihren Ausprägungen entziehe sich Judenfeindschaft jeder rationalen Diskussion, schreibt Wolfgang Benz. Der Historiker und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität belegt mit vielen Beispielen, wie zäh sich Klischees halten:

Antisemitismus ist ohne die Verwendung von Stereotypen gar nicht vorstellbar, also festgefügte Vorstellungen, die die Mehrheit von der Minderheit hat nach dem Muster: die Juden sind geschäftstüchtig, die Juden sind geldgierig, sie haben zuviel Einfluss, sie streben nach zuviel Macht. Das sind die klassischen Stereotypen des Antisemitismus.

Mit knappen Kommentaren ordnet der Autor vorurteilsbeladene Aussagen ein, in denen sich von kleinbürgerlicher Existenzangst bis zu unreflektierter Judenfeindschaft tradierte Einstellungen spiegeln.

Rechtsextremer Antisemitismus, fremdenfeindliche Vorurteile, so der Befund des Historikers, wirkten bis in die Mitte der demokratischen Gesellschaft hinein:

Die Mitte ist sehr anfällig und jeder von uns, glaube ich, trägt bestimmte Ressentiments mit sich herum, mag die einen oder die anderen nicht. Und das Problem besteht jetzt nur darin, dass latente Vorbehalte, dass die nicht manifest werden, dass also aus den Ressentiments nicht der Wunsch nach einer Aktion wird.

Der Autor skizziert historische Hintergründe und Traditionen der Judenfeindschaft. Vom religiösen, christlichen Antisemitismus, der mit sozialen und wirtschaftlichen Motiven verknüpft worden sei, reiche das Spektrum bis zu Fantasien über eine jüdische Weltverschwörung. Ein Kennzeichen des Antisemitismus sei die Beliebigkeit der Ressentiments, die mit realer jüdischer Existenz nichts zu tun hätten. Ein Merkmal der Judenfeindschaft sei der Vorwurf, Juden seien durch ihr Verhalten selbst Ursache für Vorurteile.

Wolfgang Benz: Das Bild ist ganz, ganz stark verbreitet. Das wäre die erste und die wichtigste Erkenntnis, die ich gerne dem Publikum vermitteln würde, dass nicht die Juden am Antisemitismus schuld sind, sondern dass Antisemitismus eine Haltung der Mehrheitsgesellschaft ist, die die Juden nur benützt, sie zu einem Zerrbild macht, um ihre Probleme darauf projizieren zu können.

Benz gibt in seiner Arbeit auch knappe Überblicke über Antisemitismus in Österreich, in der Schweiz. in Russland und in osteuropäischen Ländern, wo das Vorurteil gegen Juden als Katalysator für nationalistische fundamentalistische Strömungen diene. Als Konsequenz aus dem Nahost-Konflikt gebe es in Mittel- und Westeuropa seit dem Herbst 2000 eine neue Intensität der Judenfeindschaft. Die Solidarisierung junger Muslime mit den Palästinensern äußere sich nicht nur in Israel feindlicher Propaganda, sondern in diesem Kontext werde traditioneller Antisemitismus instrumentalisiert.

Zu den eindringlichsten Abschnitten in diesem Buch gehört das Kapitel über die Affäre um den Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, die der Autor als ein "Lehrstück für den antisemitischen Diskurs schlechthin" bewertet. Sorgfältig und präzise formuliert, schildert und analysiert Benz die Rede des Politikers am 3. Oktober vorigen Jahres und die Reaktionen darauf. Hohmann, der danach aus der CDU/CSU-Fraktion und später auch aus der Partei ausgeschlossen wurde, habe judenfeindliche Klischees bedient, indem er "antisemitische Ressentiments, Vorurteile und Feindbilder" benutzt habe.

Judenfeindschaft sei zuerst und vor allem ein Symptom für Probleme in der Mehrheitsgesellschaft. Mit dem Thema des Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen müsse offen umgegangen werden.

Wolfgang Benz: Wir sind, glaube ich, noch sehr befangen; denn der Vorwurf, ein Antisemit zu sein, ist immer noch so ziemlich der größtmögliche politische Vorwurf, den man erheben kann. Aber im Verharren in der Befangenheit, im Beharren in der Verkrampfung können wir ja nicht verbleiben. Wir müssen Dinge offen und deutlich benennen, um sie erkennen zu können und um schädliche Entwicklungen verhindern zu können.

Wolfgang Benz zeichnet, trotz vieler alarmierender Signale, kein durchgehend düsteres Bild der Situation in Deutschland. Neben den unerfreulichen Befunden über hartnäckig fortlebende Klischees verweist er auf positive Tendenzen. Seit den 60er Jahren sei der Antisemitismus in Deutschland rückläufig, bestimmte antisemitische Stereotype verlören an Wirkung. Das demokratische System habe sich gegen manche Vorurteile durchgesetzt.

Mit der nüchternen Sachlichkeit des Wissenschaftlers, zugleich anschaulich, einprägsam und urteilsfreudig beschreibt und analysiert Benz das antisemitische Potenzial. Er verdeutlicht, ohne zu dramatisieren, warum dieses Thema auch sechs Jahrzehnte nach dem Holocaust weiter bearbeitet werden muss. In seinem Buch beschreibt er, wie langlebig Vorurteile sind, wie leicht sie bedient werden können. Aber er benennt auch ermutigende Entwicklungen, die zeigen, dass Aufklärung eben doch wirkt und - ungeachtet negativer Beispiele - Resignation nicht angemessen wäre.











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