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21.11.2004
Bettina Gaus: "Frontberichte - Die Macht der Medien in Zeiten des Krieges"
Campus Verlag
Vorgestellt von Hans-Jürgen Fink

Bettina Gaus: Frontberichte (Coverausschnitt) (Bild: Campus Verlag)
Bettina Gaus: Frontberichte (Coverausschnitt) (Bild: Campus Verlag)
Tagtäglich wird uns das Grauen dieser Erde gleichsam frei Haus in unsere Wohnstuben geliefert: die Opfer der erklärten oder auch nicht-erklärten Kriege, Morde und Massaker von Terrorgruppen, Selbstmordattentätern und Rebellen, die Gräuel- und Gewalttaten der Warlords und Reitermilizen. Falludscha, Darfour, die Elfenbeinküste - keine Kriegs- und Krisenregion, über die nicht berichtet würde, mehr oder minder umfassend und schnell. Vorbei jedenfalls sind die Zeiten, da es Wochen oder Monate dauerte, ehe der Bürger von Krieg und Kriegsgeschrei erfuhr, wenn hinten, weit, in der Türkei, um den guten alten Goethe zu zitieren, die Völker aufeinander schlagen. Die amerikanischen Zuschauer konnten den Vormarsch ihrer Truppen auf Bagdad vielmehr live, also in Echtzeit an den Fernsehschirmen verfolgen, mit Bildern von Korrespondenten, die eingebettet waren in den Panzern an der Wüstenfront.

Welchen Informationswert aber können Bilder und Berichte dieser Art haben? Wie unabhängig können Journalisten noch sein, die auf diese Weise die gebotene professionelle Distanz notwendigerweise verlieren und die, aus emotionaler Nähe oder um ihrer eigenen Sicherheit willen, Partei ergreifen?

Dies ist eine der Fragen, die Bettina Gaus in ihrem Buch über die viel zitierte Macht der Medien in Kriegszeiten stellt. Sie hat als Taz-Korrespondentin in Nairobi Anfang der 90er Jahre durchaus ihre eigenen Erfahrungen gesammelt mit dem Dilemma zwischen Information und Manipulation, Erfahrungen, die nun, im Irak-Krieg, so deutlich wurden wie nie zuvor:

Wenn jemand mit dem amerikanischen Militär in den Irak geht und sich ausschließlich auf diese Einheit konzentriert und die Stimmung dort und wie der Vormarsch vorangeht, finde ich das in Ordnung. Wenn er versucht, weitergehende Analysen daran zu knüpfen, und meint, die Lage im Irak beurteilen zu können, dann halte ich das in der Tat für Instrumentalisierung, für Nachgeben gegenüber Instrumentalisierung, und für professionell unethisch.

Gaus kritisiert die wachsende Tendenz zum Militainment, mithin zum militärischen Entertainment, namentlich in den elektronischen Medien der USA, die Selbstinszenierung eines Ereignisses, wenn etwa, beim Beschuss des Panzers mit eingebettetem Journalisten, der Reiz vor allem in der Frage besteht, ob dieser die Gefahr überlebt. Mit journalistischem Erkenntnisgewinn hat dies so gut wie nichts mehr zu tun, sehr viel mehr aber mit der Befriedigung von Unterhaltungsbedürfnissen. Dabei bleiben die eigentlichen Opfer des Krieges im wörtlichen wie im übertragenen Sinn auf der Strecke.

In der Sprache der Militärs sinkt der tausendfache Tod von Männern, Frauen und Kindern zu anonymen Kollateralschäden herab. Sobald der Neuigkeitswert erlischt, schwindet auch das mediale Interesse. Zu beobachten derzeit im Irak, zuvor im Zusammenhang mit dem Massenmord und Bürgerkrieg in Ruanda.

Nichts ist schwieriger, schreibt Gaus, als den Opfern über einen längeren Zeitraum hinweg eine Stimme zu geben, nichts spiegelt am Ende mehr die Hilflosigkeit des Journalisten als die Flucht in den Zynismus nach dem Motto: "Ein Toter ist eine Serie wert, tausend Tote sind eine Kurzmeldung".

Gefahr droht dem unabhängigen Journalismus zudem von einer Seite, die durch das Internet, wie gleichfalls im Irak zu besichtigen, inzwischen erheblich an Bedeutung gewann: Wenn die Ermordung einer Geisel in erster Linie oder ausschließlich auf die weltweite mediale Wirkung zielt, die Medien mithin zum puren Macht- und Einflussinstrument werden. Gehört differenzierte wie umfassende Berichterstattung traditionell zum journalistischen Ethos, so stellen sich unter diesen neuen Bedingungen neue Fragen für das Berufsbild wie für das Verständnis von Pressefreiheit:

Medien sind eine stärkere Waffe als ein Panzer, hat der ehemalige israelische Außenminister einmal gesagt. Das gilt für alle Seiten. Die neue Qualität gegenüber früher liegt darin, dass inzwischen selbst eine umfassende neutrale Berichterstattung einer Seite dienen kann. Das heißt: man muss sich im Einzelfall überlegen, ob es tatsächlich sinnvoll ist, über etwas zu berichten, wenn man genau damit die Ziele derjenigen verfolgt, die etwas Bestimmtes tun, das heißt wenn beispielsweise nur deshalb jemand ermordet wird, damit Medien darüber berichten, eine Geisel beispielsweise.

Dann sind wir natürlich nicht einfach nur Medien, sondern gleichzeitig machen wir uns selbst zur Partei. Es zu verschweigen andererseits würde dem Jahrhunderte alten Grundsatz eines freien und guten Journalismus widersprechen, alle Nachrichten, die es wert sind, veröffentlicht zu werden, auch zu veröffentlichen. Ich habe da bisher keine Lösung, aber ich denke, dass eine sehr breite Diskussion auch außerhalb von Fachkreisen überfällig ist.


Soldat und Soldatentum rangieren in der Werteskala der deutschen und amerikanischen Medien an höchst unterschiedlicher Stelle. Pathos, Patriotismus und Heldenverehrung, die bis zur Einnahme von Bagdad die Kriegsberichte in den USA dominierten, sind in der deutschen Medienwelt bis auf rechtsextremistische Ränder nirgendwo zu entdecken. Dennoch haben sich die Paradigmen hierzulande deutlich verschoben. Bis zum Ende der Blockkonfrontation war der Einsatz der Bundeswehr "out-of-area" völlig undenkbar. Jetzt sind humanitäre Aktionen mit militärischen Mitteln, Einsätze zur Friedenssicherung, Nationenbildung und -stabilisierung an zahlreichen Orten der Welt politisch und in der veröffentlichten Meinung kaum noch umstritten. Mit der Folge, so Gaus, dass über Alternativen der friedlichen Konfliktbeilegung öffentlich kaum noch nachgedacht wird:

Das führt zu der merkwürdigen Alternativenbildung, dass man fragt, ja wollen Sie, dass wir tatenlos zuschauen, wie Menschen vertrieben werden oder Kinder verhungern, oder doch Militär einsetzen. Als ob es keine Alternative gäbe zwischen tatenlos und dem Einsatz von Militär. Das heißt: Die Konzentration auf Militäreinsätze in den letzten Jahren hat zu einem Verlust an Phantasie im Bereich der klassischen Diplomatie geführt.

An dieser Stelle hätten die Medien, möchte man meinen, durchaus die Macht, die öffentliche Phantasie zu beflügeln. Doch scheint es eher, als schauten sie dem interessengeleiteten Diskurs der Politiker ohnmächtig zu. Wer dennoch an die Macht der Medien glaubt, wird nach der Lektüre des Gausschen Buches klüger sein. Wird hier doch einmal mehr daran erinnert, wie schwer, auch und gerade in Zeiten des Krieges, selbst professionellen Journalisten die Suche nach Objektivität und Wahrhaftigkeit fällt. Dies sollte der interessierte Zeitgenosse als Medienkonsument stets im Hinterkopf haben.

Bettina Gaus: "Frontberichte - Die Macht der Medien in Zeiten des Krieges", Campus Verlag Frankfurt/New York, September 2004
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