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28.11.2004
Katajun Amirpur und Reinhard Witzke: Schauplatz Iran
Herder Verlag, Freiburg 2004
Vorgestellt von Margarete Limberg

Katajun Amirpur und Reinhard Witzke: Schauplatz Iran (Coverausschnitt) (Bild: Herder Verlag)
Katajun Amirpur und Reinhard Witzke: Schauplatz Iran (Coverausschnitt) (Bild: Herder Verlag)
Immer wieder sorgt der Iran für Schlagzeilen, mal auf der Achse des Bösen als Schurkenstaat, der nach Atomwaffen drängt, mal durch eine Menschenrechtlerin, die den Friedensnobelpreis bekommt. Aber abseits der Experten sind Kenntnisse über dieses Land bescheiden. Die Autoren des Buches "Schauplatz Iran" wollen Abhilfe schaffen.

Sie wollen dem Leser einen Überblick verschaffen. Sie berichten über ein Land, das äußerst widersprüchliche Nachrichten liefert und das eine Geschichte dramatischer Umbrüche und bitterster Enttäuschungen hinter sich hat. Sie schildern die wichtigsten Etappen der Geschichte, liefern eine Fülle von Daten über die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung dieses Landes, sie benennen die unterschiedlichen Machtinteressen und geben Einblicke ins Alltagsleben. Sie erinnern daran, dass die USA keineswegs immer der Große Satan waren, ja dass sich einst iranische Reformer von ihnen Unterstützung gegen die Quasi-Kolonialmacht Großbritannien erhofften, bevor sich Washington im Zuge des Kalten Krieges mit dem despotischen Regime des Schahs verbündete.

Die bitter enttäuschten Hoffnungen nach dem Sturz des Schahs sind der Schwerpunkt dieses Buches. Die Erwartung, nach dem Ende der Despotie Reza Pahlewis werde unter Ayatollah Chomeini eine bessere Zukunft anbrechen, mit Demokratie und Menschenrechten ging nicht in Erfüllung. Der politische Frühling war kurz, der Traum bald vorbei:

Hinter der freundlichen Fassade Chomeinis steckt ein eiskalter Machtwille. Er legt die taktisch motivierte Unterstützung, die er von allen Seiten während der Revolution erfahren hat, als Mandat des Volkes für seine Herrschaft aus. Er hat mit seinem kompromisslosen Kurs den Sturz des Schah-Regimes erreicht und dadurch gegenüber den gemäßigten Politikern an Ansehen und Einfluss gewonnen. … Für Chomeini ist die Revolution mit dem Sturz des Schah nicht vorbei, sein Ziel ist die vollständige Islamisierung der Gesellschaft. Die Revolution dauert daher in den Augen der Islamisten bis heute an.

Es begann die brutale und erbarmungslose Diktatur der Islamisten, die Zeit staatlich angeordneter Übergriffe gegen Frauen, die Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft, die den Iran außenpolitisch völlig isolierte, der Krieg gegen den Irak, in dem Kinder und Jugendliche verheizt wurden.

Der Frühling der Freiheit, der auf die Revolution folgt, währt nicht lange. … Es wird Lynchjustiz geübt. Die Revolutionskomitees verhaften nach Lust und Laune. … Chomeini hat in seiner Rhetorik schon seit langem den Kampf gegen politische Gegner zu einem Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und Satan umgedeutet. Kritik wird brutal unterdrückt, Kritiker werden umgehend als Diener des Teufels, Agenten Israels oder der USA diffamiert. Der Terror der Anhänger Chomeinis gegen die politischen Gegner bzw. die Ausgrenzung an der Revolution beteiligter Gruppen und die Ankündigung einer rigiden Islamisierung machen alle Hoffnungen zunichte.

Aber den Wunsch nach Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit konnten die Mullahs nicht gänzlich ausrotten. Er zeigte sich Ende der 90er Jahre in der Wahl Mohammad Chatamis zum Präsidenten und in den folgenden Parlamentswahlen. Aber auch dieser Aufbruch endete in Frustration und Resignation. Die gewählten Reformer konnten sich gegen die nicht gewählten Hüter der islamistischen Herrschaft nicht durchsetzen. Dennoch sind die Autoren keineswegs so pessimistisch, wie man annehmen könnte, zumindest beim Blick in die fernere Zukunft.

Im Jahr 25 nach der Islamischen Revolution ist die Entfremdung zwischen Volk und Regime kaum mehr zu überbieten. Dennoch gibt es einen unabweislichen Grund, warum die Reformkräfte letztlich gewinnen werden und warum dem theokratischen Staatsmodell im Iran die Zeit abläuft. Vor allem die iranische Jugend hat sich von den herrschenden Klerikern abgewandt.

Das Bild ist widersprüchlich und verwirrend, offenbar auch für die Autoren:

Der Theokratie gehen nicht nur die Theologen aus, dem System ist schon lange die Gesellschaft abhanden gekommen. Ebenso wenig kann Zweifel darüber bestehen, dass die Bevölkerung die Hoffnung auf Reformen von innen verloren hat. Die Reformpolitiker kommen einfach nicht an gegen das Bollwerk, das die Konservativen gegen sie aufgebaut haben.

Die Unzufriedenheit ist sehr groß. 40 bis 60 Prozent leben unter der Armutsgrenze. Die meisten Jugendlichen sind ohne Chance.
Aber unter dem Deckel der Islamistenherrschaft hat sich eine Zivilgesellschaft formiert. Die Menschen ahnen, was Rechtstaatlichkeit, Pluralität und Gewaltenteilung bedeuten. Die iranische Jugend sei vertrauter mit MTV als mit shiitischen Trauergesängen, in keinem anderen islamischen Land gebe es so viele säkulare und areligiöse Menschen wie im Iran, schreiben Amirpur und Witzke.

Welche Perspektiven gibt es? Viele wenden sich vom Regime ab und von der Religion, haben ein inneres Exil gewählt. Aber niemand erhebe sich aus dem Sessel, um für Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen, die Menschen seien müde und mit dem Überlebenskampf beschäftigt. Das Lager der Konservativen sei stabil, die Aussichten, dass es auseinander falle, nicht groß. Ihre Hoffnung beziehen die Autoren aus einem von ihnen gefundenen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass die Einführung eines demokratischen Systems nötig sei.

Das Buch "Schauplatz Iran" ist jedem zu empfehlen, der über die gängigen Pauschalurteile hinauskommen will. Es kann nicht alle Fragen beantworten, diesen Anspruch erheben die Autoren auch gar nicht. Aber es füllt eine Lücke und regt zu intensiverer Beschäftigung mit dem Iran an.
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