BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
5.12.2004
Waltraud Süßmilch: Im Bunker. Eine Überlebende berichtet vom Bombenkrieg in Berlin
Ullstein Verlag/Berlin
Rezensiert von Uschi Geiling

Waltraud Süßmilch: Im Bunker (Coverausschnitt) (Bild: Ullstein Verlag/Berlin)
Waltraud Süßmilch: Im Bunker (Coverausschnitt) (Bild: Ullstein Verlag/Berlin)
Fast 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erscheinen die persönlichen Erinnerungen einer Überlebenden der Berliner Bombennächte. Erst vor ein paar Jahren fielen der Autorin diese Aufzeichnungen wieder in die Hände. Zunächst wollte sie sie zerreißen; doch dann entschloss sie sich, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Für ihre Kinder und Enkelkinder. Sie sollten wissen, "wie kostbar ein Stück Brot sein kann, und wie froh man sein kann, wenn man keinen Krieg erleben muss".

Erst mit der zweiten Fassung, in der sie auch verdrängte Erlebnisse verarbeitete - das, was sie immer noch nicht erzählen wollte - entstand das jetzt vorliegende Taschenbuch. Und so konnte sie zum Beispiel auch ihre letzten Schuldgefühle tilgen. Sie, die damals 15-Jährige, hätte ihre Mutter nicht vor den russischen Vergewaltigern bewahren können, das wurde ihr dabei klar.

Waltraud Süßmilchs Biographie geht unter die Haut. Es ist "schwere Kost". So auch die Sekunden, bevor sie, ihr Bruder Heinz und ihre Mutter im Luftschutzkeller ihres Wohnhauses in der Saarlandstraße, jetzt Stresemannstraße, Ende April 1945 verschüttet wurden:

Es klang wie das Rattern einer Mähmaschine. Jeder von uns kannte dieses Geräusch. Es wurde verursacht von einem russischen Bomber, von dem man sagte, dass er nur eine einzige Bombe an Bord tragen könne. Instinktiv wusste ich - jetzt passiert es ... Es war, als hielte man einen Film an. Keine Stricknadeln, kein Flüstern war zu hören, nur das Klopfen meines Herzens. Ein nervtötendes Pfeifen durchzog die Luft, ich steckte den Kopf zwischen die Knie, presste beide Hände auf die Ohren und hielt den Atem an. Es folgten ein, zwei Sekunden absolute Stille, dann riss eine Explosion die Welt aus den Angeln. Alles um mich schwankte wie ein Kahn bei hohem Wellengang

Zusammen mit fast allen Mitbewohnern überlebte Waltraut Süßmilch mit ihrer Familie. Nachdem sie selber ihre Verletzungen behandelt hatten, befreiten sie sich über die Nachbarkeller. Als Waltraud später vor dem Trümmerberg ihres Hauses stand, konnte sie nicht weinen; eine ungeheure Trauer erfasste sie und ließ sie frösteln, und dann, wie in Trance, hörte sie plötzlich Stimmen. Waltraud, von ihrer Mutter liebevoll Motte genannt, rief um Hilfe - bis einige Soldaten kamen. Zunächst wurde ein verletztes Baby ausgegraben, das Motte in ein Lazarett auf der anderen Seite des Landwehrkanals schleppte. Sie überwand Panzersperren und auch die schon zur Sprengung freigegebene Großbeerenbrücke; doch als sie schließlich im Lazarett anlangte, stellte der Arzt nur noch den Tod des Babys fest. Waltraud war fassungslos; als sie den Totenschein erhielt, wollte sie nur noch raus. Doch jemand rief:

"Halt, du hast etwas vergessen." - Wie in Trance drehte ich mich um. Der Mann in dem schmutzigen weißen Kittel wickelte das tote Baby, seine Windel und den hellblauen Strampelanzug in die Decke ein. Anschließend hielt er mir das Bündel entgegen. Verständnislos schaute ich ihn an. "Soll ich das tote Baby wieder mit nach Hause nehmen?" - "Das musst du", erwiderte der Arzt. "Hier ist ein Lazarett und kein Friedhof."

Waltraud Süßmilchs Überlebensbericht aus der letzten Phase des Bombenkriegs erschüttert den Leser auch heute noch. Die Lektüre strapaziert die Nerven, so authentisch sind die Berichte. Man versteht ohne weiteres, warum die Autorin noch so viele Monate nach Kriegsende an schrecklichen Alpträumen litt ...

Die Ausgebombten suchten Zuflucht im Bunker am Anhalter Bahnhof, um der Vernichtung zu entgehen. Nur der Hunger trieb Wagemutige wie Waltraud und ihren Bruder Heinz von Zeit zu Zeit aus dem "Betonsarg" genannten Bunker hinaus; in den verlassenen Kellern der Trümmerhäuser hofften sie irgendetwas Essbares zu finden. In der beklemmenden Atmosphäre dieser unterirdischen Schutzräume wartete Waltrauds Familie mit tausenden anderer auf das nahende Kriegsende, als plötzlich das Kommando zur Räumung des Bunkers kam. Für Waltraud und ihre Familie begann der Marsch durch die Berliner Unterwelt. Sie sollten den S-Bahnschienen bis Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) folgen; im dortigen Postbunker sollten alle versorgt und verpflegt werden. Der Marsch wurde zum Höllentrip: in den nur ab und zu von einer Fackel schwach erhellten Schächten roch es nach Schimmel und Fäkalien, und dann begann das Wasser zu steigen, weil die SS auch diesen Fluchtweg flutete. Waltraud watetete durchs schmutzige Wasser, Menschen hinter sich lassend, die nicht mehr konnten, an Toten vorbei. Schließlich stieß sie an etwas - und dann hatte sie eine Nase zwischen den Fingern:

"Das ist ja ein Gesicht!" schrie ich in diesem Moment - und griff mit beiden Händen ins schmutzige Wasser ... Es war ein Kind, das ich aus der Brühe hervorholte. Ein Junge, vielleicht drei oder vier Jahre alt, mit kurzem Haar. Sein Körper war ganz steif ... Ich konnte nicht einmal weinen, so schockiert war ich. In meinen späteren Albträumen tauchte dieses Kind wieder und wieder auf ...

Waltraud Süßmilch schildert diese und andere Tragödien - so plastisch, als hätten sie sich erst gestern ereignet, und das ohne jede Schuldzuweisung. So gesehen ist dieser grauenvolle Kriegsalltag der Berliner Zivilbevölkerung kurz vor Kriegsende aus der Sicht einer einzelnen Betroffenen Historie, wie sie von Profis nicht geschrieben werden kann. Es ist ein Stück authentische Kriegsgeschichte - ungeheuer wichtig, um uns Nachgeborenen zu verdeutlichen, was Krieg tatsächlich bedeutet.
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge