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12.12.2004
Baha Güngör: "Die Angst der Deutschen vor den Türken und vor ihrem Beitritt zur EU"
Diederichs im Heinrich-Hugendubel-Verlag, Kreuzlingen/München 2004
Vorgestellt von Ernst Rommeney

Baha Güngör: "Die Angst der Deutschen vor den Türken und vor ihrem Beitritt zur EU", Coverausschnitt (Bild: Diederichs im Heinrich-Hugendubel-Verlag)
Baha Güngör: "Die Angst der Deutschen vor den Türken und vor ihrem Beitritt zur EU", Coverausschnitt (Bild: Diederichs im Heinrich-Hugendubel-Verlag)
Zweimal zitiert er Johann Wolfgang von Goethe. Nicht ungeschickt tritt er hinter den großen Dichter zurück, um zwei ihm wichtige Gedanken auszudrücken. In "Torquato Tasso" verlangt Herzog Alfons, dass Toleranz zu Anerkennung führen müsse. Und wie im "Faust" will auch der deutsch-türkische Journalist, den selbstzufriedenen deutschen Kleinbürger bloßstellen, der sich weit weg vom Kriegsgeschrei einer fernen Türkei sicher aufgehoben weiß. Beides, Anerkennung und Solidarität, fordert Baha Güngör für den Umgang mit den Türken in Deutschland und Europa. Es sind die Ängste, welche dies verhindern.

Baha Güngör: Es gibt sehr viele nachvollziehbare Ängste unter der deutschen Bevölkerung, wenn es um Türken und Türkei geht. Und deshalb habe ich gesagt, so ein Buch müsste doch helfen, dass man sich besser versteht, dass man vor allem Ängste rational verarbeitet, um sie dann zu beseitigen.

Mehr als sie wahrhaben wollen, hätten Deutsche und Türken gemeinsam, nicht zuletzt eben ihre Ängste: vor Terror, religiösem Fanatismus und unsicherer Zukunft. Darüber, über Vorurteile und Vorbehalte sei hundertfach geschrieben worden, räumt er ein. Doch allmählich müsse sich das Motiv des Interesses von einem negativen zu einem positiven wandeln. Dabei könnte ein deutsch-türkischer Fernsehkanal helfen.

Baha Güngör: Wenn man so ein Modellmedium schaffen könnte, so nach dem arte-Modell, dann könnte man vielmehr auf die einzelnen Gruppen eingehen und man wäre dann nicht beschränkt journalistisch, zeitlich auch nur das Negative hervor zu heben, und dann irgendwie auch Interesse zu wecken.

… und ehrlich miteinander umzugehen. So seien Türken nicht anders als Deutsche nur gute oder schlechte Menschen. Doch mit der Art und Weise ihrer Debatte verspielten die Deutschen ihr Renommee bei den Türken, würden alte Freunde als europäische Gegner wahrgenommen. Die Grundwerte der Türkei jedenfalls rechtfertigten einen Dissens nicht, meint Baha Güngör.

Es ist ein Land auf der Basis des Laizismus, der strikten Trennung von Staat und Religion. Und es ist ein Land, bei allen Abstrichen, bei allen Fehlern, die die Türken gemacht haben, ein Land, das nach demokratischen Prinzipien regiert wird.

Auch verletzt der deutsche Abwehrreflex ihren Stolz. Nicht erst seit Kemal Atatürk haben sie sich an Europa ausgerichtet, sind früher als andere der NATO, dem Europarat und der OECD, dem Kreis der Industrieländer beigetreten.

Denn Europa ist für Türken immer das Niveau der zeitgenössischen Zivilisation. Europa ist eine Meßlatte für die Türkei.

Besonders den Konservativen, CDU und CSU, wirft Baha Güngör vor vergesslich zu sein. Im Kalten Krieg versicherte man sich der Bündnistreue der Türkei an der Südostflanke, verzieh ihr Diktatur und Menschenrechtsverletzungen. Heute aber versagt man ihr die Solidarität, wo sie innenpolitisch auf dem Reformweg befindet, aber aussenpolitisch noch immer an der Grenze zu nahen Konfliktherden liegt.

Und dann hat man die ganzen Neunziger Jahre damit verbracht zu zeigen, was in der Türkei alles anders ist als in Europa, worum man sich früher nicht gekümmert hatte, als man die Türkei noch als Frontstaat, als Flankenstaat der Nato brauchte.

Die unsicheren Grenzen des Landes zum nahen und fernen Osten, die Gefahr des Islamismus und des Terrors sind für den deutschen Journalisten mit den türkischen Wurzeln eben kein Argument, die Türkei auszugrenzen, wäre ein Zeichen von Feigheit vor dem Ziel einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik:

Baha Güngör: Man hat in Deutschland, aber auch in Europa, einen Anspruch, nämlich man will jetzt mehr Mitspracherechte haben in der Weltpolitik, man will die Globalplayerrolle übernehmen, und da ist die Türkei ein Prüfstein. Wer wirklich mit anderen Kulturen und Religionen umgehen kann, und dafür ist die Türkei bestens geeignet, das auch zu prüfen, für den gehört die Türkei auf jeden Fall mit in die europäische Perspektive, in die Zukunftsperspektive Europas.

Auch hier zu Lande war es nach seiner Meinung ein Fehler, die Intregration der ausländischen Nachbarn nicht ernst genommen, Subkulturen zugelassen zu haben. Baha Güngör setzt jetzt auf die Jugend, auf eine junge Elite:

Die Chance besteht natürlich vor allem darin, sich auch um die jungen Menschen zu kümmern, denen eine faire Chance zu geben, eine Ausbildungschance zu geben, Studienplätze zu schaffen und mit den türkischen Eliten auch daran arbeiten, dass man die Integrationswilligen zumindest nicht mehr ausgrenzt, und deshalb finde ich die ganze Debatte um Leitkultur nicht gerade förderlich für die ganze Integration.

Ehrlich sich auseinander zu setzen, bedeutet für Baha Güngör nicht die Debatte um Integration hierzulande oder um die Mitgliedschaft der Türkei in der EU zu beenden, sondern fortzusetzen, aber eben im Rahmen konkreter Beitrittsverhandlungen. Darum sollte Brüssel sein Versprechen in dieser Woche einlösen.

Für eine Debatte ist jetzt die Zeit nicht mehr vorhanden, ob das gut oder schlecht ist für beide Seiten.

Die nächsten 15 Jahre aber könnten dies klären, auch ob eine privilegierte Partnerschaft eine Alternative wäre. Ankara jedenfalls will mehr als eine Zollunion mit Europa.

Jetzt kann nicht plötzlich sagen: über die ganze Zeit ward ihr uns lieb und nett, aber jetzt wollen wir euch nicht mehr. Das ist eine Brüskierung. Die ist viel härter, als jetzt zu sagen: ja wenn wir Beitrittsverhandlungen aufnehmen und dann irgendwann nein sagen, vielleicht sagen die Türken von sich aus nein.

Das Ergebnis dieses Prozesses mag offen bleiben. Nur enttäuschen dürfen die Europäer das Werben der Türken nicht. Denn die Radikalen im Lande - die politischen wie die religiösen - würden nur darauf warten, das Land zu isolieren, von der europäischen Perspektive abzubringen.

Und deshalb warne ich immer davor, 15 Jahre nach dem Zusammenbruch von Mauern und eisernen Vorhängen jetzt neue Mauern und eiserne Vorhänge mitten durch Europa zu ziehen, und dadurch die Türkei außerhalb dieser Mauern zu lassen.

Geradezu leidenschaftlich wirbt Baha Güngör als Wanderer zwischen den kulturellen Welten um die deutsch-türkische Freundschaft, auch darum, sie nicht innenpolitischem Kalkül zu opfern und die Chance zu nutzen - mit Anerkennung und Solidarität.



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