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19.12.2004
Elisabeth Niejahr: "Alt sind nur die anderen. So werden wir leben, lieben und arbeiten"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
Vorgestellt von Annette Riedel

Elisabeth Niejahr: "Alt sind nur die Anderen", Coverausschnitt (Bild: S. Fischer Verlag)
Elisabeth Niejahr: "Alt sind nur die Anderen", Coverausschnitt (Bild: S. Fischer Verlag)
Musik: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an ... (Udo Jürgens)

Vielleicht nicht gerade erst dann, aber …

Musik: … mit 66 Jahren ist noch lang noch nicht Schluss (Udo Jürgens)

… und zwar immer länger "noch nicht Schluss". Wenn so viele Menschen eine erheblich verlängerte Lebenszeit haben, wenn gleichzeitig weniger Kinder auf die Welt kommen, dann hat das spürbare gesellschaftliche Konsequenzen, aber auch die individuellen Biografien werden sich ändern. Entscheidend wird dabei nicht sein, dass wir altern, sondern wie wir altern, resümiert Elisabeth Niejahr.

Niejahr: Ich glaube, jeder muss verstehen, dass er sich auch ganz persönlich in seiner Lebensplanung auf die demographischen Veränderungen einstellen muss. In den USA wird zum Beispiel darüber diskutiert, dass es nie wieder eine Midlifecrisis geben wird und das künftig im Leben mehrere Neustarts möglich sein werden.

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass - nach Einschätzung der Autorin - Chancen und Risiken, Lust und Leiden im Alter sehr ungleich verteilt sein werden. Renten und staatliche Leistungen werden immer weniger die Sicherung des Lebensstandards garantieren können. Der finanzielle Spielraum, über den der Einzelne verfügt, um zusätzlich Eigenvorsorge zu betreiben, um Selbstbeteiligung zu verkraften und in sein Wohlbefinden zu investieren, wird sein Leben im Alter noch viel wahrnehmbarer bestimmen, als dass heute ohnehin schon zunehmend der Fall ist.

Niejahr: Man wird künftig mehr Menschen an ihren Zähnen, an ihrer Haut und an ihrer Kleidung ansehen können, über was für ein Einkommen sie verfügen. Die Gräben werden demnächst nicht so sehr zwischen den Generationen verlaufen, sondern zwischen Familien und Kinderlosen oder zwischen Erben und Nicht-Erben.

Je älter die Gesellschaft wird, desto mehr werden die Menschen dafür ausgeben, sich jung zu fühlen und jung auszusehen - das heißt diejenigen, die über die entsprechenden Mittel verfügen.

Zu den Gewinnern der Alterung unserer Gesellschaft, wird die Wellness-Branche zählen. Aber es wird zweifellos auch Verlierer geben - zumal die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft.

Niejahr: Da werden die Branchen, die momentan Globalisierungsgewinner sind, tendenziell die Verlierer sein, weil der Binnenmarkt schrumpft. Ältere konsumieren anders; sie werden weniger ihr Geld für neue Häuser oder Wohnungen ausgeben. Es werden dann eben, mehr Schaukelstühle als Schaukelpferde verkauft.

Die Stärke von Elisabeth Niejahrs Buch ist, dass an Hand von schon existierenden Einzelbeispielen aus verschiedenen Ländern für ein verändertes Leben, Lieben und Arbeiten in einer alternden Gesellschaft eine Vorstellung davon vermittelt wird, was tendenziell auf uns zukommt. Dabei erhebt die Autorin nicht den Anspruch, dass sich heute schon ein genaues, stimmiges Bild von den Veränderungen entwerfen lässt, die die wachsende zahlenmäßige Stärke der sehr heterogenen Alten von morgen bewirken wird.

Niejahr: Wenn man nach Florida fährt oder sich in Arizona in den Rentner-Wohngebieten umschaut, dann sieht man diese breiten Mittelstreifen, es gibt größere Verkehrsschilder und andere Geschäfte. Es werden andere Produkte angeboten. Kurz: Alles ist auf die ältere Generation zugeschnitten. Marketingabteilungen sehen schon heute mehr auf die Generation Golfplatz als auf die Generation Golf.

Und diese Generation wird beispielsweise verstärkt nach anderen Formen des Zusammenlebens suchen.

Niejahr: Gerade die Generation mit Wohngemeinschaftserfahrungen bevorzugt Ähnliches auch im Alter - allerdings in gehobener Form mit Komfort wie etwa der Bremer Oberbürgermeister Henning Scherf.

… und da ist der Bremer OB keine Ausnahme: Rentnerstädte, Seniorenresidenzen, Alten-WGs, Pflege-WGs, Mehrgenerationen-WGs, Senioren-Hausgemeinschaften - vereinzelt gibt es sie schon heute. Tendenz: zunehmend.

Musik ……mit 66 ist noch lang noch nicht Schluss.

… auch wahrscheinlich noch nicht mit dem Berufsleben. Weder werden die Alten sich mehrheitlich leisten können, so früh wie heute in den Ruhestand zu gehen, noch werden die Unternehmen es sich mangels nachwachsender Masse leisten können, so früh wie heute auf die Expertise Ihrer Mitarbeiter zu verzichten - jedenfalls nicht ganz und gar.

Niejahr: In Japan scheiden viele Top-Kräfte schon mit zirka 55 Jahren aus, werden formal Rentner. Aber dieser Personenkreis kann zum Beispiel mit Beraterverträgen länger an den Betrieb gebunden werden - ohne entsprechende Führungspositionen und mit dem Alter wachsende Gehälter.

Also: Abschied vom Senoritätsprinzip bis weit in den öffentlichen Dienst hinein, bei gleichzeitiger "Erfahrungsrenaissance" - so könnte es kommen.

Bisher noch nicht unbedingt im Fokus öffentlicher Debatten in Deutschland - anders als in den USA oder auch in Frankreich: die außenpolitischen Aspekte einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft. Höhere Ausgaben für das Alter könnten dazu führen, dass weniger Geld für Verteidigungsetats da ist. Und nicht nur das:

"Wer in Frankreich ausspricht, dass der internationale Einfluss eines Landes auch von der Zahl seiner Einwohner abhängt, formuliert eine Plattitüde, keine Provokation. Für einige Bereiche der internationalen Politik ist dieses Prinzip sogar vertraglich fixiert. (…) In der Welt der europäischen Gremien haben Bevölkerungszahlen von Nationen nach wie vor Gewicht.

Man denke nicht nur an die Sitze im Europäischen Parlament, sondern auch an das Prinzip der "doppelten Mehrheiten" bei politischen Entscheidungen im Europäischen Rat oder in den Ministerräten. Zurückgehende Bevölkerungszahlen werden sich direkt auf den politischen Einfluss auswirken.
Wie ließe sich denn die Entwicklung zu einer kleineren, älteren Bevölkerung in Deutschland überhaupt noch umkehren oder zumindest bremsen?

Niejahr: Wir brauchen alles - mehr Förderung von Familien, eine andere Einstellung zum Alter und zur Zuwanderung. Aber es wird trotzdem nicht reichen. Der einzige Trost könnte sein, dass wir noch etwas Zeit haben, uns auf die Entwicklung einzustellen.


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