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26.12.2004
Hajo Schumacher: "Roland Koch - verehrt und verachtet"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
Vorgestellt von Rupert von Plottnitz

Hajo Schumacher: "Roland Koch" (Bild: S. Fischer Verlag)
Hajo Schumacher: "Roland Koch" (Bild: S. Fischer Verlag)
Roland Koch gehört nicht zu den Politikern, die gesteigerten Wert auf Äußerlichkeiten legen. Im Gegenteil: Er hat nichts dagegen, als grau und dröge zu gelten und lehnt es strikt ab, sich mit künstlichen Mitteln gefälliger und mediengerechter zu machen, als er in Wirklichkeit ist. Auch in diesem Punkt folgt er ganz seinem politischen Vorbild Helmut Kohl.

Dem Publizisten Hajo Schumacher ist es trotzdem gelungen, Roland Koch in seinem Buch "Roland Koch - verehrt und verachtet" auf durchaus unterhaltsame Weise als einen Politiker zu präsentieren, in dem ein veritabler politischer Held der Bundesrepublik zu schlummern scheint. "Verehrt und verachtet": Das klingt nicht nur nach Held, sondern sogar nach Westernheld, nach John Wayne und der Fähigkeit schneller ziehen zu können als andere.

Auch wenn es - zumindest für Kundige - im landespolitischen hessischen Detail gelegentlich hapert: Alles in allem erhält der Leser in Schumachers Buch ein ziemlich genaues Bild des real existierenden Politikers Roland Koch. Er erlebt ihn als Menschen, der die Welt schon im Elternhaus von klein auf nur als Welt der CDU wahrgenommen hat und der nie gewillt war, eine andere Welt zu suchen und zu finden; einen Roland Koch, der als Mitglied der jungen Union schon in jungen Jahren in Hessen dabei war, seine politische Karriere in der hessischen CDU mit List und Tücke, mit Fleiß und mit misstrauischer Umsicht voranzubringen; und der Leser erlebt einen Politiker, der schneller denken und intelligenter argumentieren kann als die meisten seiner Konkurrenten, der aber auch davon überzeugt ist, dass die heiß ersehnte eigene politische Macht ohne gelegentliche Skrupellosigkeit im Umgang mit Freund und Feind nicht zu haben und nicht zu sichern ist. Die präzise Schilderung des Verhaltens von Roland Koch in der Schwarzgeld-Affäre der Hessen-CDU, seiner Tricks und Unwahrheiten als selbsternannter "brutalstmöglicher" Aufklärer, bietet hierfür ein besonders anschauliches Beispiel.

Zitat: Kochs Spendenaffäre ist ein Lehrstück über Krisenmanagement und Medienhysterie, über Schuld und Sühne, über Lügen und Freundschaft, über die blinde Kraft einer Partei und einen überaus belastbaren Menschen. Ja, er hat gelogen, sich verstrickt und verdribbelt. Aber dann hat er sich aus einem Schraubstock gewunden, der unentrinnbar angezogen schien.

Nicht zuletzt präsentiert Hajo Schumacher seinen Lesern auch einen Roland Koch, der sich wie kein zweiter darauf versteht, die Klaviatur des politischen Populismus zu bedienen. Seinen Wahlerfolg im Jahre 1999 verdankt der heutige hessische Ministerpräsident bekanntlich einer Unterschriftenkampagne, deren ausländerfeindliche Misstöne unüberhörbar waren. In Schumachers Buch erfährt man, dass und warum Roland Koch nicht der Mann ist, der solche Misstöne scheut, selbst wenn es medialen Gegenwind gibt: Entscheidend ist für ihn, ob wahl- und machtpolitischer Zugewinn winken.

Zitat: Sensiblere Zeitgenossen schilderten ihre moralischen Bedenken. Am Schluss jedoch ging es nur noch um die eine Frage: Sollten sie die einzige realistische Chance nutzen das schmutzige Ding gnadenlos durchziehen und Eichel womöglich doch noch aus dem Amt fegen - bei gleichzeitigem Risiko, sich im Falle einer Niederlage auf ewig zum Gespött zu machen? Oder sollten sie die Schlacht hier und jetzt verloren geben angesichts der 14 Prozentpunkte Rückstand und sich schon mal auf vier weitere Jahre in der Opposition einrichten? Roland Koch fällte die Entscheidung: Ich bin bereit, das Risiko einzugehen, erklärte er. Alle nickten, wenn auch manche mit mulmigem Gefühl.

Dabei gehört es aus der Sicht Schumachers zu den Stärken Roland Kochs, sich im Gegensatz zu anderen, auch und gerade im Gegensatz zum Politikstil eines Gerhard Schröder, bei der Verfolgung der eigenen politischen Ziele nicht am medialen Mainstream und nicht an den politischen Prioritäten von Glotze und Boulevard zu orientieren. Populismus ohne "Bild"-Zeitung: Mit seiner Unterschriftenkampagne im Jahre 1999 hat Roland Koch bewiesen, dass auch das ein politisches Erfolgskonzept sein kann.

Wer es bisher noch nicht gewusst hat, erfährt es spätestens aus dem Buch von Hajo Schumacher: Roland Koch will Bundeskanzler werden und hält Angela Merkel als potenzielle Bundeskanzlerin im Zweifel für eine krasse, weil inhaltsleere Fehlbesetzung. Hajo Schumacher nennt am Ende seines Buches zunächst zehn Gründe, warum Koch "auf jeden Fall Kanzler wird". Die CDU sei schon von Haus aus keine Merkel-Partei und in der Bevölkerung gebe es ein wachsendes Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung, das ein kantiger Politiker mit klaren Konturen wie Koch am besten erfüllen könne, so meint er.

Zitat: Roland Koch ist nicht unterzukriegen. Er steht alle Affären und Krisen durch. Einen derart emaillierten Kämpfer wünschen sich die Deutschen an der Spitze.

Anschließend aber führt er zehn Gründe auf, warum Koch "auf keinen Fall Kanzler wird". Sie haben alle im wesentlichen damit zu tun, dass Koch als Politikertypus nicht zeitgemäß genug sei. Möglicherweise wird aber gerade umgekehrt ein Schuh daraus. Denn auch Schumacher würdigt ausdrücklich, dass Koch sich als Politiker und Ministerpräsident weniger als demokratisch gewählter Landesvater und Staatsrepräsentant, sondern vor allem als politischer Manager versteht, der sich im Kreise von Wirtschaftsführern und Vorstandsvorsitzenden erkennbar am wohlsten fühlt.

Mit diesem Selbstverständnis aber ist Roland Koch ziemlich zeitgemäß. Er teilt es mit den meisten politischen Amtsinhabern der Gegenwart, seien es solche aus den Reihen der Union oder solche aus den Reihen der SPD, von Christian Wulff in Niedersachsen über Peter Müller im Saarland bis hin zu Wolfgang Clement und Gerhard Schröder in Berlin. So gesehen könnte sein politischer Herzenswunsch, dermaleinst Kanzler Deutschlands zu werden, nicht an zu wenig, sondern an zuviel Zeitgemäßheit scheitern.

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