BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
25.12.2004
Johannes Thiele (Hrsg.): Das Buch der Deutschen - Alles, was man kennen muss
Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2004
Vorgestellt von Michael Gerwarth

Johannes Thiele (Hrsg.): Das Buch der Deutschen (Coverausschnitt) (Bild: Gustav Lübbe Verlag)
Johannes Thiele (Hrsg.): Das Buch der Deutschen (Coverausschnitt) (Bild: Gustav Lübbe Verlag)
Da traut sich einer was! Johannes Thiele - Das "Buch der Deutschen" hat er herausgegeben.

Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.

Johann Wolfgang von Goethe.

Klar, den kennt jeder. Aber bei der Bewertung der Texte sollte allein entscheidend sein, wie aussagekräftig sie für "die Gedanken und Gefühlswelt der Deutschen" waren und auch noch aktuell sind. Keinesfalls sollte es eine "Parade der größten Namen und Werke" werden. Der Leser soll die historischen Entwicklungslinien der deutschen Identität mit all ihren Brüchen und auch düsteren Kapiteln erkennen. Das Nibelungenlied ist ebenso zu finden, wie Matthias Claudius Zeugnisse der Volkspoesie; Hitlers "Ermächtigungsgesetz" von 1933 ebenso wie die "Rede zum 8. Mai 1945" von Richard von Weizsäcker. Eben alles, was man nach Meinung des Herausgebers kennen muss. Doch kann es einen solchen Kanon überhaupt geben?

Es sollte natürlich ein umfassender Überblick über Geschichte, Politik, Literatur, Poesie, Philosophie, Recht und Verfassung gegeben werden. Alle wichtigen Texte sollten in einem Band zusammengefasst werden, um so etwas wie einen Kanon der Texte deutscher Identität vorzulegen,

sagt Johannes Thiele.

In seinem Vorwort schreibt er, die Sehnsucht nach verbindlichen Formen sei vitaler denn je. Brauchen die Deutschen also Vorgaben, brauchen sie Autoritäten, die Ihnen sagen, wo es lang geht? Und halten sie den Blick in den Spiegel aus, wenn ihnen Friedrich Hebbel bescheinigt:

Selbst im Fall einer Revolution würden die Deutschen sich nur Steuerfreiheit, nie Gedankenfreiheit zu erkämpfen suchen.

Oder Thomas Mann beklagt:

Der Hang zur Selbstkritik, der oft bis zum Selbstekel, zur Selbstverfluchung ging, ist kerndeutsch, aber ewig unbegreiflich wird bleiben, wie ein so zur Selbsterkenntnis angelegtes Volk zugleich den Gedanken der Weltherrschaft fassen konnte.

Und schließlich Hans Magnus Enzensberger lakonisch feststellt:

Deutschland ist kein Modell, es ist ein Grenz- und Sonderfall.

Entwurzelte deutsche Intellektuelle werden einwenden, was wir hier verbreiten, sei nichts weiter als eine Blütenlese ordinärer Vorurteile - aber die halten ja bekanntlich warm. Ist es da nicht herrlich, wenn uns einmal jemand positiv kommt. Einer, der uns Orientierung geben will im Dickicht des literarischen Angebots, der uns vermittelt: Schaut her! Wie produktiv die Deutschen schon immer waren! Und der helfen will mit Anleitungen zum Verständnis der Deutschen.

Denn bei denen hat der Dramaturg Gottfried Greifenhagen einen höchst problematischen Charakterzug entdeckt:

Greifenhagen: Das ist das ständige sich selbst reflektieren und sagen: Ach, wie hab' ich es schwer! Wenn etwas die Deutschen überhaupt auszeichnet, dann ist es dieser Hang zum Selbstmitleid, der alle Fragen der Moral wegschiebt.

Herausgeber Thiel beruft sich bei seiner Auswahl auf das seiner Meinung nach Exemplarische der einzelnen Texte. Von Wolfram von Eschenbachs Parzival über Märchen der Gebrüder Grimm, das Politische Testament Friedrich des Großen, das Kommunistische Manifest von Marx und Engels bis zur Berliner Rede von Roman Herzog ist unbestreitbar "wichtiges" vertreten. Insgesamt sind es 273 Texte.

Und dennoch: Was fehlt, was wird schmerzlich vermisst?

Humor - so scheint es - kommt bei den Deutschen einfach nicht vor. Typisch deutsch? Na, ja - aber nur wenn man einen sehr eingeschränkten Kulturbegriff hat. Max Weber, der müsste doch in dem Buch zu finden sein. Leider Fehlanzeige. Und kontroverse Figuren wie Ernst Jünger, dessen Bücher prägend für Generationen waren oder auch der Dramatiker Heiner Müller - leider nicht vorhanden. Das gilt auch für die Lieblingsautorin unserer Großmütter, die legendäre Hedwig Courths-Mahler ("Durch Leid zum Glück"), und für Karl May, durch dessen Bücher unzählige junge Burschen die vermeintliche Bekanntschaft des bizarren Kurdistan gemacht haben oder an der Seite des edelmütigen Häuptlings Winnetou durch den Wilden Westen geritten sind. Populäre Kunst hat es eben noch immer schwer im deutschen Identitätshimmel.

Na, trotzdem neugierig geworden?

Sollten sie ruhig, denn ungeachtet vieler Mängel bleibt unterm Stich: das Buch der Deutschen ist mehr als nur ein Sammelsurium unterschiedlichster Textgattungen, die wir überwiegend aus Schulbüchern und Anthologien kennen. Es regt nämlich durchaus auch zu weiterer, vertiefender Lektüre an - und das ist doch auch schon etwas. Schließlich wusste schon Friedrich Nietzsche: Die Glücklichen sind neugierig!

Vielleicht deshalb wollte uns Herausgeber Thiele mit dem letzten Text in seinem Buch Mut machen - mit Mensch von Herbert Grönemeyer:

… und der Mensch heißt Mensch
weil er erinnert, weil er kämpft
und weil er hofft und liebt
weil er mitfühlt und vergibt
und weil er lacht
und weil er lebt
du fehlst
oh, weil er lacht
weil er lebt
du fehlst


-> BuchTipp
-> weitere Beiträge