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1.1.2005
Antony Beevor: Die Akte Olga Tschechowa - Das Geheimnis von Hitlers Lieblingsschauspielerin
Verlag C. Bertelsmann, Übersetzer: Helmut Ettinger
Vorgestellt von Tilman Krause

Antony Beevor: Die Akte Olga Tschechowa (Coverausschnitt) (Bild: Verlag C. Bertelsmann)
Antony Beevor: Die Akte Olga Tschechowa (Coverausschnitt) (Bild: Verlag C. Bertelsmann)
Bruno Ganz hat einmal von sich gesagt, er sei Schauspieler geworden, weil er so schüchtern sei. Als Darsteller könne er ausagieren, was das wirkliche Leben ihm verwehre. Sollte dies bei Schauspielern die Regel sein, zählt die Leinwandheldin Olga Tschechowa zu den ganz großen Ausnahmen. Sie, die lebenslang auf den Typus "Salonschlange" festgelegt war, also auf die undurchsichtige, durchtriebene, rätselhaft elegante "femme fatale", verkörperte auch im wirklichen Leben das Genre "Frau mit Geheimnissen". Zahlreiche Legenden ranken sich um sie. Ihr Männerverschleiß, der sich übrigens erst im Matronenalter herausbildete und Galanen galt, die deutlich jünger waren, machte sie in der Nazizeit eher noch populärer, denn erotisch selbstbewusste Frauen waren damals Mangelware. Dass sie darüber hinaus auch sämtliche Bonzen des NS-Regimes um den kleinen Finger zu wickeln vermochte, bezeugten die Wochenschauen: Immer wieder sah man sie an der Seite von Hitler und Goebbels. Zu den vielen Skandalgerüchten gehört jedoch auch ihre angebliche Zuarbeit für die Gegenseite. Erstmals geht nun mit dem renommierten Militärhistoriker Antony Beevor ein seriöser Wissenschaftler der Sage nach, dass Olga Tschechowa zur Zeit ihrer größten Erfolge in Deutschland Agentin des sowjetischen Geheimdienstes gewesen sei.

In der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 ging in den Wohnungen Moskaus das Licht nicht aus. Um 1 Uhr 10 verkündete das Radio endlich, Marschall Schukow habe in Berlin die Kapitulation des Dritten Reiches entgegengenommen.... die Mitglieder des Moskauer Künstlertheaters meinten, sie müssten das Ende des Krieges in besonderer Weise feiern. Angesichts von Anton Tschechows Möwe auf dem Vorhang des Theaters fiel die Entscheidung für ein Stück dieses Autors nicht schwer. Zum feierlichen Anlass wählte man Tschechows letztes Werk, den "Kirschgarten". Tschechows Witwe, Olga Knipper-Tschechowa, Gründungsmitglied des Ensembles, sollte die Rolle der weltentrückten Gutsherrin Ranewskaja übernehmen. Die hatte sie bereits bei der Uraufführung 1904 gespielt. Inzwischen war sie 76 und ein lebendes Denkmal des russischen Theaters. Doch die Kriegsjahre hatte sie in ständiger Angst verbracht, vom NKWD verhaftet zu werden. Angesichts der Spionagehysterie jener Zeit war ihre Furcht durchaus verständlich. Ihr Vater und ihre Mutter waren deutscher Herkunft. Ihr Lieblingsneffe Lew Knipper war als weißgardistischer Offizier in Süd-Russland gegen die Bolschewiken zu Felde gezogen. Aber die weitaus größte Gefahr ging von ihrer Nichte Olga Tschechowa aus, die seit 1936 den Titel der "Staatsschauspielerin" des Dritten Reiches trug. Als an jenem Maiabend der Vorhang zum abschließenden Soundeffekt fiel - den hohlen Schlägen einer Axt, welche die Kirschbäume in dem verlassenen Garten fällten - brachen Ovationen los. Olga Knipper-Tschechowa verneigte sich. Dabei ließ sie ihren Blick über die vordersten Reihen des Zuschauerraums schweifen. Eine schöne, elegant gekleidete Frau in den Vierzigern winkte ihr unauffällig zu. Olga Knipper-Tschechowa erschrak bis ins Mark und brach hinter der Bühne fast zusammen. Die Dame, die ihr hier, mitten in der siegestrunkenen sowjetischen Hauptstadt zugewinkt hatte, war keine andere als ihre Nichte Olga Tschechowa, der größte Filmstar Nazideutschlands.

Tatsächlich hielt sich Olga Tschechowa im Mai 1945 in Moskau auf. Und zwar durchaus auf Einladung des sowjetischen Geheimdienstes. Aber ihre Tante hatte dennoch nicht das Geringste von ihr zu befürchten. Olga Tschechowa war als Agentin - dies ist das Fazit von Beevors Untersuchungen - weitaus bedeutungsloser, als ihre Landsleute annahmen. Wenn es in dieser hochmerkwürdigen deutsch-russischen Familie, die so viele Künstler hervorgebracht hatte, jemanden von Einfluss gab, dann war es Olgas Bruder Lew, der seine Parteinahme für die Weißgardisten tatsächlich mit lebenslanger Abbitte in Form von Agententätigkeit gebüßt zu haben scheint - auch in dieser Hinsicht ist Beevors Buch sehr aufschlussreich. Olga hingegen, die Salondame, wurde für die sowjetischen Nachrichtendienste erst in den vierziger Jahren interessant. Zwar half ihr, das hat Beevor herausgefunden, der KGB noch in den fünfziger Jahren, als es mit dem Filmen nicht mehr so recht klappte, eine Kosmetikfirma aufzubauen. Aber wirklich wichtig war sie nur, solange die Nazis wichtig waren. Ihre Anwerbung geschah nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes, genauer: im Dezember 1940.

Zwar hatte man nicht vor, Olga Tschechowa als einfache Informantin zu nutzen, aber sie war eindeutig gut postiert, um zwei Prioritäten der sowjetischen Aufklärung zu bedienen. Die erste war Stalins Drang, Hitlers Kraftquell im Land ausfindig zu machen. Wie konnte er eine so riesige Gefolgschaft und Machtfülle auf sie vereinen? Die zweite lief darauf hinaus, einflussreiche Leute in Deutschland zu ermitteln, die einen Angriff auf die Sowjetunion ablehnten. Doch die sowjetische Aufklärung überschätzte ganz offensichtlich Olga Tschechowas Möglichkeiten - vielleicht wegen des Fotos, das sie an Hitlers Seite zeigte. Im Moskauer Geheimdienst ging das Gerücht um, dass sie zuweilen als Hitlers Tischdame auftrete.

Wer von dieser Überschätzung eindeutig profitierte, war vor allem die Überschätzte selber. Der wichtigste Auftrag, für den sie jemals ausgewählt wurde, erübrigte sich: Hitler kam nie nach Moskau, konnte also nicht in Moskau ermordet werden - eine Idee des NKWD, die Lew Knipper zusammen mit Olga hätte verwirklichen sollen. Und als Berija kurz nach Stalins Tod Deutschland die Neutralität anbieten und sich dafür der Tschechowa bedienen wollte, verlief wieder die Geschichte anders. Berija stürzte, und erneut bekam Olga nichts zu tun. Aber geschickt nützte sie ihr Prestige, genoss 1945 erstaunliche Privilegien und konnte sogar ihrer bedrängten Familie in der UdSSR unter die Arme greifen. Sie blieb im Leben, was sie auf der Leinwand so gekonnt verkörperte: ein gerissenes Luder, welches das Spiel mit dem Feuer liebte. Mit Politik oder Weltanschauung, so der Autor, hatte das nichts zu tun. Wahrhaftig eine starke Frau! In Antony Beevor hat sie einen kongenialen Biographen gefunden.
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